"Wir halten das aus!"

„Ich bin fassungslos.“ Markus Nierth redet gegen die Sprachlosigkeit seiner Mitbürger an. Auch nach seinem Rücktritt als Bürgermeister. Foto: Hendrik Schmidt/dpa
Tröglitz nach dem Brand im Aslybewerberheim Die leise Hoffnung

Nierth hatte dieses Land in den 80er Jahren mit seiner Familie verlassen müssen. Seinem Vater, der ein Pfarrer war und krank, wurde damals die nötige „medikamentöse Behandlung nicht zugesichert“, sagt Nierth. 1999 kam er zurück, kaufte einen alten Gasthof in Tröglitz, stieß rasch auf Akzeptanz im Ort.

Und jetzt also steht er auf dem hiesigen Friedensplatz, eine Parkbank ist seine Rednertribüne. Nebenan die Grundschule, auf der Fassade ein sozialistisches Wandbild, junge Menschen darauf. Einer mit Ball und Turnzeug, einer mit Halstuch, einer mit Fahne und einer Friedenstaube in den Händen. Darunter steht in Großbuchstaben: Wir lehren, lernen und kämpfen für den Frieden.“

Nierth blickt in die Augen seiner Zuhörer. „Ich hab’ keine Worte mehr“, sagt er, „ich bin fassungslos, ich bin entsetzt, aber ich bitte euch, liebe Tröglitzer, erstmal zu Wort.“ Menschen betreten die Parkbank, stellen sich vor, sagen oft, „ich bin nicht aus Tröglitz, aber“. Der Pfarrer spricht, der Landrat, der Fraktionschef der Linken im sachsen-anhaltinischen Landtag, der Ministerpräsident, Nierths Frau. Sie ruft: „Ich will euch fragen: Wovor habt ihr solche Angst?“ Vor ein paar fremden Neuankömmlingen, sei das denn so schlimm? „Das, was gestern passiert ist, das ist schlimm.“ An dieser Stelle kommt der erste Zwischenruf aus den Reihen der Versammelten. „Falsch!“, ruft ein junger Mann. „Das wird noch viel schlimmer werden.“

Das ist es, was Nierth gemeint hatte: Laut sind immer nur wenige, und die Tröglitzer lassen es unwidersprochen zu.

Angereiste Rechtsextremismus-Experten kannten den jungen Mann. Auf die später gestellte Frage, ob er stellvertretend für eine Partei oder Organisation hier sei, sagte er: „Nein, privat.“ Auf die Frage, was denn genau noch schlimmer werden würde, die Tatsache, dass in Tröglitz trotz des zerstörten Hauses bald dennoch Asylbewerber leben würden, oder ob er weitere Brandschatzungen in diesem Fall angekündigt hat, sagt er nichts.

Noch ein paar Minuten später fährt ein lila lackierter Hummer-Geländewagen um die Versammelten. Er fährt Schritt. Aus dem Beifahrerfenster filmt einer, der Fahrer lässt den Motor mehrmals aufbrummen. Die Rechtsextremismus-Experten: Ja, man kenne den Wagen. Mehr könne man nicht sagen.

Die NPD ist auch auf dem Platz

Die NPD ist auf dem Platz, auch einige der Sonntagsdemonstrierer sind da. Gesprächsangebote kommen von der Parkbankbühne, „wir wissen nicht, wer es war“, der den Brand gelegt hat, „lasst uns nicht neue Feindschaften bilden.“ Und direkt an den jungen Mann gerichtet: „Stellen Sie sich vor, vor 25 Jahren hätten Sie das hier nicht gekonnt.“ Aber auch: „Wir halten das aus.“ „Wir werden nicht weichen.“ „Wir werden die dezentrale Unterbringung durchführen.“

Einer der Redner erzählt noch einmal die Geschichte von jenem NPD-Funktionär, der Nierth nach dessen Rücktritt öffentlich nachgerufen hatte, er hätte doch, statt Angst um seine Familie zu haben, mit ihr gemeinsam in ein Schnellrestaurant fahren und dort die Demo vor seinem Haus abwarten können. „Hätte er es den beiden Leuten im abgebrannten Haus gestern auch gesagt?“

Ein Kamerateam des MDR befragt unterdessen die Menschen. „Ich hab‘ die ganze Zeit ein Gedicht im Kopf, von Johannes R. Becher, aus den 50er Jahren“, sagt eine Frau. „Wenn nicht Friede wird auf Erden, was soll aus uns allen werden? Friede, Friede, sei auf Erden! Menschen, lasst uns Menschen werden!“ Sie wirkt, als sei sie den Tränen nahe.

Reiner Haseloff, der Ministerpräsident, hatte am Mittag auf einer Pressekonferenz in Halle an der Saale einen ähnlichen Eindruck gemacht. Danach ist er nach Tröglitz gefahren, ist herumgelaufen, hat Dinge besprochen und erledigt, und wie um sich selber Mut zu machen, sagt er zum grünen Landtagsabgeordneten Sebastian Striegel, als er ihn auf dem Platz erblickt, was bereits alles abgearbeitet ist. Ein Gespräch mit dem Besitzer der Hausruine. Erste Klärung der Versicherungsfragen. Er sagt, dass dieser Ostersamstag in Sachsen-Anhalt nicht der Tag für große Reden ist, sondern fürs Solidarisch-Sein. Dann sackt er wieder ein bisschen zusammen. „Das ist ein richtig widerliches Verbrechen“, sagt er.

Oben auf der Parkbank ist er wieder etwas zuversichtlicher, er sagt: „Dieses abgebrannte Haus, das wird nicht das Wahrzeichen von Tröglitz werden.“ Es klingt entschlossen, so wie die meisten dort oben entschlossen klingen.

Die Leute unten singen das Lied von der kleinen, weißen Friedenstaube. Die Frauen etwas lauter als die Männer, die Alten lauter als die Jungen. Als die Kundgebung zu Ende ist, bleiben viele noch auf dem Platz, reden miteinander, leise, nachdenklich. Sie kommen ins Gespräch. Es ist vielleicht das, was sich Nierth für seinen Ort so lange gewünscht hat.

Vielleicht. Zwei Tage später, es ist Ostermontag, der einstige Bürgermeister hatte etwas Zeit zum Luftholen, und er weiß, dass er wird weitermachen müssen. Er hat angekündigt, den Asylbewerbern eigenen Wohnraum zur Verfügung zu stellen.

Der Text erschien auf der Dritten Seite des gedruckten Tagesspiegels.

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