Lichtblick. Fatah und Hamas haben im Oktober ihr Versöhnungsabkommen unterzeichnet. Die Euphorie in Gaza wich schnell der Ernüchterung. Foto: Wissam Nassar/dpa
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Nahost-Konflikt Gaza wartet auf echte Versöhnung

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Auch durch das Abkommen zwischen Fatah und Hamas hat sich für die Menschen in Gaza nichts verändert. Und jetzt fliegen wieder Raketen.

Wenn er von früher erzählt, greift sich Hussein Murtaja oft an den Hinterkopf. Fährt mit Zeige- und Mittelfinger durch sein schwarzes Haar und tastet nach der Stelle, wo ihn vor elf Jahren die Kugel traf. Wie um sich zu erinnern an jenen Tag, an dem in Gaza die Zeit des Elends begann.

Murtaja, heute 30 Jahre alt, sitzt in einem Restaurant in Gaza-Stadt und trinkt Tee. Seine schwere Verletzung ist ihm nicht mehr anzumerken. Doch das Land draußen vor dem Lokal ist immer noch versehrt. Eselskarren und Autos drängen sich auf den staubigen Straßen, vorbei an Menschen in zerschlissenen Kleidern und heruntergekommenen Häusern. An jeder Ecke türmt sich der Müll. Die Jahre der Kämpfe haben bei fast jedem der rund zwei Millionen Einwohner Gazas Spuren hinterlassen. Manche sichtbar, viele nicht.

Am 5. Februar 2006 will Hussein Murtaja, ein Student mit rundem Gesicht und wachen grünen Augen, gerade vor der Universität in ein Auto steigen, da beginnt ein Feuergefecht zwischen den Anhängern der Parteien Fatah und der Hamas, die in den Palästinensergebieten um die Macht ringen. Die radikalen Islamisten der Hamas hatten gerade die Parlamentswahl gewonnen, doch die Fatah-Anhänger erkennen den Sieg nicht an.

Eine Kugel trifft Murtaja, er fällt ins Koma, im Krankenhaus kämpfen die Ärzte um sein Leben. Erst sechs Monate später wacht Hussein Murtaja wieder auf – in einer anderen Welt. Die Fatah ist vertrieben, herrscht nur noch im Westjordanland. Gaza steht jetzt unter Kontrolle der Hamas. Israel hat eine Blockade gegen den Küstenstreifen verhängt, der seitdem weitgehend abgeriegelt ist.

„Das könnte eine Chance für Gaza sein – auf ein besseres Leben"

Wie so viele Bewohner hat Murtaja es satt, dass das Leben in Gaza von Armut und Zwietracht bestimmt wird. „Wir leiden“, sagt er. „Unter der Blockade, der Korruption und dem Streit zwischen Fatah und Hamas.“ Er und seine Landsleute hoffen, dass zumindest der Bruderzwist zwischen den beiden Palästinensergruppen ein Ende findet. „Das könnte eine Chance für Gaza sein – die Chance auf ein besseres Leben für uns und unsere Kinder“, sagt der Softwareingenieur.

Im Oktober haben sich Fatah und Hamas nach mühsamen Verhandlungen unter ägyptischer Aufsicht auf ein Versöhnungsabkommen verständigt. Doch die Feindschaft der beiden Organisationen sitzt tief. Das hat auch mit ihren Ursprüngen zu tun. Die Hamas, ein Ableger der Muslimbruderschaft, wurde 1987 als Widerstandsgruppe gegründet. Das Ziel: Israel vernichten und einen islamischen Staat errichten. Die 1959 entstandene Fatah versteht sich als säkular-sozialistische Bewegung und hat das Existenzrecht des jüdischen Staates mittlerweile anerkannt.

Im Versöhnungsabkommen hatten sich die Parteien darauf verständigt, dass Macht und Ministerien von den Islamisten an die Autonomiebehörde unter Präsident Mahmud Abbas übergeben werden. Doch passiert ist seither wenig. Immer wieder werden Termine zur Ämterübernahme verschoben. Vergangenen Sonntag sollte es wieder mal so weit sein. Kurz davor verkündete dann US-Präsident Donald Trump, er erkenne Jerusalem als Hauptstadt Israels an.

Hussein Murtaja wurde 2006 von einer Kugel am Kopf getroffen. Foto: Heike Klovert
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Statt einer neuen Regierung gab es Empörung, Unruhen und Gewalt. Die Menschen machten ihrem Zorn auf den Straßen Gazas Luft, schimpften vor allem auf Trump. Die Hamas nutzte die Gelegenheit und feuerte Raketen Richtung Israel. Dessen Armee antwortete mit Luftangriffen auf Stellungen der Islamisten. Am Donnerstag wurden die beiden Übergänge nach Gaza komplett geschlossen.

„Dadurch wird eine friedliche Lösung des Nahostkonflikts noch unwahrscheinlicher“, sagt Murtaja. Gerade der Hamas dürfte die Aufregung aber recht sein. Denn zur Vereinbarung mit der Fatah gehört, dass die Islamisten ihre Waffen abgeben sollen. Waffen, die sie gegen Israel und die verhassten Zionisten einsetzen möchten. Und die ihren Machterhalt sichern.

Die Versöhnung steht ohnehin nach wie vor bloß auf dem Papier. Vereint sind Palästinensergruppen bisher nur im gegenseitigen Misstrauen. Das ist vor allem das Problem von Abdallah Frangi. Der 74-Jährige amtiert seit 2014 als Gouverneur im Gazastreifen. Das heißt nicht, dass er das Sagen hat. Vielmehr soll er sicherstellen, dass eine Verwaltung aufgebaut wird, eine Einheitsregierung Gestalt annimmt. Frangi drückt es bei einem Glas Wasser in einem Hotel diplomatisch aus: „Es gibt Schwierigkeiten auf dem Weg zur Einheit.“

Wird die Hamas ihren bewaffneten Kampf beenden?

Was soll zum Beispiel aus den 40 000 Beamten der Hamas werden? Nicht alle können in eine neue Administration aufgenommen werden. Zumal es noch 45 000 Fatah-Leute gibt, die bis zur Machtübernahme der Islamisten für die Behörden tätig waren. Und wie viele Minister darf die Hamas benennen? Eine Organisation, die Israel, Amerika und Europa als Terrorgruppe einstufen. Wird sie ihren bewaffneten Kampf beenden?

Frangi bezweifelt, dass die Islamisten ihre Kalaschnikows freiwillig abliefern. Aber eine neue Regierung, die weder den Sicherheitsapparat kontrolliert noch die Staatsgewalt innehat und von anderen Staaten nicht anerkannt wird, ist auch kaum vorstellbar. Was hätte Palästinenserpräsident Mahmud Abbas davon? Also macht der 82-Jährige der Hamas das Leben schwer. Und trifft damit vor allem die Menschen in Gaza.

Schon vor einigen Monaten hat ausgerechnet Mahmud Abbas Israel gebeten, die Stromzufuhr nach Gaza zu drosseln. Seitdem gibt es Elektrizität bestenfalls vier Stunden pro Tag. Immer wieder gehen die Lichter aus. Das Abwasser läuft ungeklärt ins Meer; Abertausende Liter sind es jeden Tag. Wer schwimmen geht, riskiert sogar sein Leben. „Wenn ich mit meinen beiden Töchtern einen Ausflug dorthin mache, sitzen wir auf Plastikstühlen. Denn der Sand ist zu dreckig“, sagt Hussein Murtaja.

Offiziell hatte Abbas die Drosselung damit gerechtfertigt, dass die Hamas ihm Steuergeld vorenthalte. Tatsächlich ging es darum, die Führung der Islamisten zu schwächen und bei der Bevölkerung zu diskreditieren. Die anfängliche Euphorie über eine mögliche Versöhnung ist inzwischen verflogen.

Mehr als 60 Prozent der Gazaner sind arbeitslos

Gaza, das ist ein gerade mal 40 Kilometer langer, sehr schmaler Küstenstreifen am Mittelmeer, von der Fläche her gerade mal halb so groß wie Hamburg. Und eine der am dichtesten besiedelten Regionen der Welt, die Geburtenrate gehört zu den höchsten. 5000 Einwohner drängeln sich durchschnittlich auf einem der insgesamt 360 Quadratkilometer. Die meisten Menschen leben in Gaza-Stadt, wo irgendwo immer ein Muezzin zum Gebet zu rufen scheint und vor allem Männer auf den überfüllten Straßen unterwegs sind.

Mehr als 60 Prozent der Gazaner sind arbeitslos, mindestens. Bei den Jugendlichen sieht die Lage noch trister aus. Die Wirtschaft liegt am Boden. Und niemand kann Gaza verlassen, um woanders Geld zu verdienen. Wer einen der beiden Übergänge, das ägyptische Rafah und das israelische Erez, passieren will, benötigt eine Genehmigung. Die erteilen Israel und Ägypten jedoch nur ausnahmsweise, etwa bei medizinischen Notfällen. Hussein Murtaja hat bereits dutzendfach einen Antrag gestellt, ein einziges Mal durfte er über Ägypten aus- und wieder einreisen. Das war im März, da konnte er nach Berlin zu einer UN-Konferenz fahren. „Wir müssen in einem öffentlichen Gefängnis leben“ – dieser Satz ist immer wieder in Gaza zu hören.

Sowohl Israel als auch Ägypten begründen ihr rigides Grenzmanagement mit dem Terror der Hamas und salafistischer Gruppen. Einfuhren nach Gaza werden aus Sicherheitsgründen besonders reglementiert. Israel genehmigt zum Beispiel die Lieferung von Zement nur unter strengen Auflagen, weil befürchtet wird, die Hamas könnte ihn zum Bau von Terrortunneln missbrauchen. Durch diese unterirdischen Gänge versuchen die Islamisten immer wieder, Kämpfer und Waffen nach Israel zu schleusen. Oft dienten sie auch dazu, Waren verschiedenster Art nach Gaza zu schmuggeln.

Mehr als die Hälfte der Einwohner braucht fremde Hilfe

Weil die Regierenden in Jerusalem kein Interesse haben, dass die Lage völlig außer Kontrolle gerät, lässt Israel dennoch Tag für Tag Hunderte Laster die Grenze passieren. Sie bringen Dinge nach Gaza, die dringend gebraucht werden. Und einen weiteren Krieg wie Mitte 2014 will auch niemand, außer den nationalistischen Hardlinern. Doch ändern diese Lieferungen wenig an der Not der Menschen. In Gaza-Stadt sind zwar die Regale der Supermärkte recht gut mit Obst, Gemüse, Brot gefüllt, aber die meisten Gazaner können sich einen Einkauf nicht leisten. Mehr als die Hälfte der Einwohner braucht fremde Hilfe, um überleben zu können. Gut eine Million Menschen werden vom 1949 gegründeten Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge (UNRWA) versorgt. Bereits frühmorgens stehen die Menschen Schlange vor großen Hallen, in denen die Lebensmittel verteilt werden. Die Stimmung ist angespannt. Es wird gedrängelt, geschimpft. Jeder will sich seinen Sack Mehl, Zucker und Reis sichern. Monat für Monat werden es mehr Familien, die auf Unterstützung angewiesen sind.

Die Hamas kümmert dieses Elend wenig. So ist das UN-Hilfswerk über die Jahre im Gazastreifen unentbehrlich geworden. Kritiker sagen: Es hat sich unentbehrlich gemacht. Längst agiert die Weltorganisation als staatlicher Dienstleister. Es gibt Kliniken, Gesundheitszentren und Essensausgaben, die von UNRWA organisiert werden. Und 275 Schulen, in denen mehr als 270 000 Mädchen und Jungen von 8000 Lehrern unterrichtet werden.

Matthias Schmale, Chef von UNRWA in Gaza, macht noch etwas anderes Sorgen: „Die psychologischen Folgen der Abriegelung sind kaum zu unterschätzen“, sagt er. „90 Prozent der unter 25-Jährigen haben ihre Heimat noch nie verlassen.“ Und an eine baldige Versöhnung von Hamas und Fatah glaubt er auch nicht. „Die Stimmung hat sich verschlechtert.“ Das wiederum spiele militanten Kräften wie dem „Islamischen Staat“ und anderen Dschihadistengruppen in die Hände. Der IS beispielsweise, so ist häufig zu hören, biete Jugendlichen Geld an, um sie als Kämpfer zu rekrutieren.

Viele junge Menschen wollen Gaza nicht aufgeben

Hussein Murtaja will dem etwas entgegensetzen. Er kümmert sich um Jugendliche, gibt Ratschläge, was man aus seinem Leben machen kann – selbst unter schwierigen Bedingungen. Ungeachtet aller Probleme hat er gerade bei gut ausgebildeten jungen Menschen eines festgestellt: Sie wollen Gaza nicht aufgeben. Sie möchten reisen, das schon. Aber dies sei ihr Land, hier leben ihre Familien, hier möchten sie etwas zum Besseren bewegen.

Hussein Murtaja kann das verstehen. Auch er hätte im März in Deutschland ein neues Leben beginnen können. Doch hierzubleiben, kam für ihn nie in Betracht. Eines Tages, sagt er, sollen seine Töchter in einem schönen Land ihre eigene Familie gründen. In Gaza.

Die Recherchen in Gaza wurden durch eine Reise mit der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen ermöglicht.

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