Weg in den Krieg. Hunderte Bosnier schlossen sich dem IS an, um in Syrien oder dem Irak zu kämpfen. Foto: Ruben Neugebauer
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IS-Rekrutierung in Bosnien Im Hinterland
Una Hajdari Krsto Lazarevic
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Wie der radikale Islam nach Bosnien kam

Die Taten der Männer aus Gornja Maocas erzählen eine eigene Geschichte. Am 28. Oktober 2011 eröffnete Mevlid Jasarevic mit einer AK-47 das Feuer auf die US-Amerikanische Botschaft in Sarajevo und schrie dabei „Allahu Akbar“. Der junge Mann, der zuvor in Gornja Maoca lebte, verletzte bei dem Terroranschlag zwei bosnische Polizisten, bevor er von Sicherheitskräften niedergeschossen wurde. Er überlebte und wurde von einem bosnischen Gericht zu 18 Jahren Haft verurteilt.

Jasarevic ist wie viele Einwohner seines Dorfes Anhänger des Wahabismus, einer ultrakonservativen Glaubensrichtung des Islam, die vor allem in Saudi-Arabien verbreitet ist und seit dem Bosnienkrieg vermehrt Anhänger in der Region findet. Tausende Mudschaheddin kamen damals aus Nordafrika, dem Nahen und Mittleren Osten, um auf Seiten der bosnischen Muslime zu kämpfen.

Nach dem Krieg entstanden islamistische Enklaven im Land, auch weil viele ausländische Dschihadisten in Bosnien blieben. Viele der Mudschaheddin brachten Kampferfahrung aus Afghanistan mit. Unter ihnen waren auch Al-Kaida Anhänger, die von Osama bin Laden nach Bosnien geschickt worden waren. Im August 1993 formten sie die Einheit „El Mudžahid“. Sie machten von sich reden, weil Sie ihren Gegnern die Köpfe abtrennten und mit ihnen Fußball spielten.

Die Netzwerke aus dem Krieg sind weiter aktiv

Die islamistischen Netzwerke aus dem Bosnienkrieg sind weiterhin aktiv und stehen heute dem „Islamischen Staat“ zur Verfügung. Damals reisten viele Islamisten über Wien nach Bosnien, um auf der Seite ihrer Glaubensbrüder zu kämpfen. Heute machen viele Bosnier eine Zwischenstation in Wien, bevor es über Istanbul in die Gebiete geht, die vom „Islamischen Staat“ kontrolliert werden.

Religiöser Führer der wahabitischen Gemeinde in Gornja Maoca war lange Zeit Nusret Imamovic. Laut Angaben der bosnischen Spezialpolizei Sipa warb er seit 2012 um Dschihadisten für den Syrienkrieg. Imamovic verließ Bosnien-Herzegowina illegal am 28. Dezember 2013, um sich den sunnitischen Al-Nusra Brigaden in Syrien anzuschließen. Seit 2014 steht er auf der Terrorliste der USA.

Die Lebensrealität der Menschen in Gornja Maoca hat mit dem restlichen Bosnien-Herzegowina kaum noch etwas gemein. Zu spüren ist das am deutlichsten an seinen Einwohnerinnen. Die Frauen sind vollverschleiert und dürfen nicht mit Fremden sprechen. Zwei von ihnen spannen einen Regenschirm auf und blicken minutenlang mit dem Gesicht gegen eine Wand, damit sie nicht fotografiert werden können. Einige der Männer werden aggressiv und drohen: „Wenn wir Bilder von uns im Internet finden, dann bekommt ihr große Probleme“. Sie zeigen mit ihrem Finger auf den Hals und machen eine Geste, als würden Sie ihn aufschneiden wollen. Es kam bereits häufiger zu Zwischenfällen, bei denen Journalisten in Gornja Maoca angegriffen wurden. Heute jedoch ist auch eine Polizeistreife vor Ort.

Edis Bosnic bleibt gelassen. Er bittet die Drohenden sich zurück zu nehmen und entschuldigt sich höflich: „Sie müssen verstehen, wir haben in letzter Zeit große Probleme mit den Medien. Sie lügen, weil sie Schlagzeilen wollen. Die stellen uns dar, als seien wir alle Mörder und Verrückte.“ Edis Bosnic lächelt.

Das Problem des Islamismus in Bosnien ist jedoch nicht nur Sache abgelegener Bergdörfer. 150 Kilometer südlich von Gornja Maoca liegt die Hauptstadt Sarajevo. Hier wird in Gaststätten neben den Moscheen Schweinefleisch gegessen und Bier getrunken. Katholische und orthodoxe Kirchen befinden sich unweit von Synagogen und Moscheen. Etwa sieben Kilometer Talkessel trennen die osmanisch geprägte Altstadt von den kommunistischen Blockbauten Neu-Sarajevos. Die Hochhäuser wurden im ehemaligen Jugoslawien hochgezogen. Ein 20 Stockwerke hoher Block steht neben dem nächsten. Dort, wo 1984 das olympische Dorf stand, sind die Blockfassaden noch übersät mit Einschusslöchern aus dem Bosnienkrieg. Aus den Ruinen des Kriegs wuchs das neue Bosnien-Herzegowina.

2000 entstand hier die größte Moschee Südosteuropas

In Titos Neu-Sarajevo gab es keine prächtigen Gotteshäuser. Im Jahr 2000 wurde hier mit Geldern aus Saudi-Arabien die größte Moschee Südosteuropas fertig gestellt. Die König-Fahd Moschee gilt als eine Hochburg der wahabitischen Szene des Landes.

Der Pförtner dieser Moschee ist Elvir Rizvic. Er geht gerne zu Fußballspielen und ab und an auch in die Kneipe. Stolz führt er interessierte Besucher durch das Gebäude: „Früher gab es hier gar keine Moschee, jetzt finden hier an Ramadan bis zu 4000 Menschen Platz.“ Die Vorwürfe, dass es sich um eine Hochburg der Islamisten handelt, kennt er und winkt ab: „Sehe ich für euch etwa aus wie ein Islamist? Das ist alles Unsinn.“ Viele der Moscheebesucher sind gemäßigte Muslime. Dennoch kamen viele der bosnischen Dschihadisten zum Gebet hierher. Die wahabitische Ausrichtung des Islam, die hier gelehrt wird, hat wenig mit der moderaten hanafitischen Tradition in Bosnien-Herzegowina gemein. Es waren vor allem Gelder aus den Golfstaaten, die eine neue Interpretation des Islam nach Bosnien brachten.

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