Mit allerlei Wassern gewaschen: Die Vineta ist zurück in Berliner Gewässern. Foto: Grosenik
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Erich Honeckers Schiff "Vineta" Die Staatsyacht der DDR kehrt zurück

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Über ihr Deck schritten Erich Honecker und Muammar al Gaddafi. Bald darauf begann ihre Odyssee. Nach Jahrzehnten wird die ehemalige Staatsyacht der DDR nun wieder in Berliner Gewässer überführt.

An der Glienicker Brücke fährt ein Dampfer vor, am Bug die Fahne der Weißen Flotte Potsdam. Es ist heiß, die Passagiere nehmen kaum Notiz von der „Vineta“, die sie gerade rauschend passieren. Nur der Schiffsführer schaut rüber, zückt sein Smartphone und fotografiert.

Er hat offenbar erkannt, wer ihm da entgegenkommt. Das Schiff, zu dessen Taufe einst Markus Wolf geladen wurde. Über dessen Deck Erich Honecker schritt, Libyens Machthaber Muammar al Gaddafi, Nicaraguas Revolutionsführer Daniel Ortega und Assad der Ältere. In dessen Sitzpolstern achtern es sich Erich Mielke bequem machte.

Das Schiff, das einst den stolzen Titel Staatsyacht führte und dafür am Ende dieser Ära mit Urin befleckt wurde. Das man danach herumreichte, wie einen Gegenstand, der zu nichts richtig nutze ist. In Spandau verbrachte die „Vineta“ das zurückliegende Jahr regungslos an einer Kaimauer, nun durchmisst sie die Havelseen in Richtung Teltowkanal. Nach jahrzehntelanger Odyssee ist sie zurück auf Berliner Gewässern. Wolfgang Schulze sagt: „Weil wir gute Arbeit geleistet haben.“

An 380 Wasserfahrzeugen baute er mit, sagt Schulze ohne nachdenken zu müssen, Schubschiffe, Grenzboote, Fahrgastschiffe. Schulze, 69 Jahre alt, gelernter Schiffsbetriebsmeister, ist einer der vielen Lebensabschnittsgefährten der „Vineta“. Niemand ging mit ihr eine längere Beziehung ein, weshalb keiner die ganze Geschichte erzählen kann. Die muss man Stück für Stück zusammensetzen, dafür in die Archive eintauchen, vor allem in das der Stasi.

Wer sich nähern wollte, musste einen Ausweis haben

Die „Vineta“: weiß, 35 Meter lang, ein Sonnendeck, das mehreren Bankreihen Platz bietet. Drinnen liegt im Salon noch ein schwacher Dunst von Wofasept in der Luft, das Putzmittel, dessen Geruch charakteristisch war für praktisch alle öffentlichen Gebäude der DDR. Die Holztäfelung an den Wänden sieht edler aus als bei Fahrgastschiffen jenes Alters üblich – die „Vineta“ lief 1974 im Südosten Ost-Berlins, im VEB Yachtwerft am Köpenicker Ufer der Dahme vom Stapel.

Getauft wurde sie am 1. Oktober des Jahres auf den Namen „A. Köbis“. Die dabei zerbrochene Sektflasche aus Rumänien hängt noch an einem Brett in einer der Kabinen im Unterdeck. So ist es maritimer Brauch: Verschwindet die Flasche von der Schiffstaufe, ruft das den Klabautermann auf den Plan. „A.“ stand für Albin – Albin Köbis war der Name eines Matrosen, der 1917 im Ersten Weltkrieg als Rädelsführer wegen Meuterei und Rebellion erschossen wurde. Die DDR ehrte ihn als frühen Revolutionär.

Wolfgang Schulze kennt die „A. Köbis“ länger als jeder andere an Bord. Er arbeitete 1974 im VEB Yachtwerft. Damals war er 25. Im Sommer jenes Jahres schraubte er an der Hydraulik und den Generatoren unten im Maschinenraum. „Es war schweineheiß“, erinnert er sich an seinen Arbeitsplatz, den er nicht ohne Weiteres betreten durfte. Die „A. Köbis“ war auf dem Werftgelände ringsum durch einen Zaun gesichert. Wer den Wachtposten passieren wollte, musste einen speziellen Ausweis vorzeigen.

1974 hat Wolfgang Schulze das Schiff mitgebaut. Nun kletterte er wieder in den Maschinenraum. Foto: Andreas Austilat
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Im Archiv der Yachtwerft finden sich zur „A. Köbis“ nur einige wenige Angaben, und die sind irreführend. Die Stasi zog seinerzeit alle Unterlagen ein. Sie war es, die jeden Baufortschritt beobachtete. Es waren ihre Taucher, die den Schiffsboden regelmäßig kontrollierten. Sie stellte die Besatzung, die Stewards, die dort servierten, ebenso wie den Mann am Ruder.

Eine lange Reihe von Eigentümern

Im April 1974 hatte das Büro des DDR-Ministerrats ein Anliegen: „Werter Genosse Wolf“, heißt es in einem Brief mit dem MfS-Aktenzeichen HA PS Nr. 6371, „ich bitte Sie in Ihrer Eigenschaft als Reeder an den Feierlichkeiten zum Stapellauf teilzunehmen.“ Mit Reeder war Generalmajor Markus Wolf gemeint, 1974 Chef des Auslandsgeheimdienstes der DDR, der Mann, von dem es damals im Westen nur ein einziges unscharfes Foto gab.

Den größten Teil des Hauptsalons nimmt ein Konferenztisch ein. In Größe und Form entspricht das Möbel jenem, an dem Erich Honecker Hafiz al Assad gegenübersaß, dem Vater des jetzigen syrischen Diktators. Im Moment sitzt daran Stefan Grosenik, 39 Jahre alt, groß, ein wenig schlaksig, Jeans und T-Shirt. Grosenik ist Chef der Segelschule Flux Ahoi und seit einem knappen halben Jahr Besitzer der „Vineta“. Sein Plan: Das Schiff soll schwimmendes Hauptquartier seiner Schule sein, an diesem Tisch wird die Theorie gelehrt.

Grosenik bringt das Schiff zur Spree nach Alt-Treptow, gleich gegenüber von der Zentrale der Stern-und Kreisschifffahrt soll es liegen. Er ist der bislang letzte in einer Reihe von Eignern. Der erste war der Ministerrat der DDR, so steht es in den Schiffspapieren. Tatsächlich hatte aber auch dieses mächtige Gremium nicht die Kontrolle über die „A. Köbis“. Auch nicht Erich Honecker, der sie als offizielle Staatsyacht der DDR nutzte. Es war das MfS, das die Regeln vorgab.

Die Maschinen des Schiffs kamen aus Westdeutschland

Staatsgäste schipperten mit der Köbis über die Berliner Gewässer, die bevorzugte Route startete ab Karolinenhof um Köpenick herum in den Müggelsee und durch den Gosener Kanal an Schmöckwitz vorbei zurück, eine Tour von zweieinhalb Stunden. Dabei empfing Erich Honecker 1978 Gaddafi an Bord und bedankte sich bei der Gelegenheit für einen 250-Millionen-Dollar-Kredit. Im gleichen Jahr machte Hafiz al Assad „die Rundfahrt auf den Berliner Seen“, wie das „Neue Deutschland“ schrieb, und zwar in „aufgeschlossener und herzlicher Atmosphäre“ im Schiffssalon. Später fuhr Finnlands Urho Kekkonen mit Honecker die gleiche Runde, sowie Österreichs Franz Vranitzky. Beschworen wurde „die friedliche Koexistenz“, wie es anderntags in den Ost-Berliner Zeitungen hieß. Für private Spritztouren nutzte Honecker das Schiff nie.

Erich Honecker lud 1978 Libyens Diktator Gaddafi zur Dampferfahrt. Foto: BStU
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Die Maschinen des Schiffes, zwei 178-PS-Diesel, lieferte die MAN aus dem damaligen Westdeutschland. Bedauerlicherweise unterlief der Deutrans, jenem DDR-Monopolisten, der für den sensiblen, grenzüberschreitenden Verkehr zuständig war, beim Transport eine Panne. Eines der Aggregate fiel vom Gabelstapler, wurde dabei beschädigt. Auch das andere war defekt.

Oberstleutnant Matter, damals Chef der Abteilung IV in der Hauptabteilung Personenschutz, machte Meldung, sein Schreiben listet 18 registrierte Schäden auf – vom verbogenen Entlüftungsventil bis zur gebrochenen Ölabsaugpumpe. Der Ministerrat sei sofort zu verständigen. Die Schuld der DDR-Spedition war eindeutig. Matters Schlusssatz, „Ich bitte um die Einleitung geeigneter Maßnahmen“, liest sich wie eine Drohung.

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