Geduldiges Berlinale-Publikum. Foto: imago/snapshot
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Berlin nach der Berlinale Das Leben ist kein Kunstseminar

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Die Berlinale ist eine Reise um die Welt. Das sagen viele. Und nicht alle meinen es positiv. Überladen sei das Programm, unübersehbar. Was ist das Geheimnis des Filmfestivals, das unseren Autor Jahr für Jahr fasziniert?

Sie gibt Gas auf ihrem Motocrossrad, ich falle im Sitz nach hinten, wo kann man sich hier festhalten? In unseren Ohren pocht Musik; sie trägt uns durch den Wald, durch den wir gerade rasen, irgendwo in Niederösterreich, irgendwo in einem anderen Leben, in dem wir uns beide plötzlich gefunden haben, Mati und ich. Wir sind frisch verliebt, sie in ein Mädchen vom Getränkemarkt, ich ein wenig in sie, das weiß sie nur nicht, so ist das ja manchmal mit der Liebe, ganz schön schwer zu fassen. Aber es gibt große Momente der Ehrlichkeit, wenn man durch einen Wald streift und aneinander denkt und dabei seine eigene Welt erkennt. Aus Matis Auge rollt eine Träne, aus meinem auch, aber das sieht zum Glück keiner. Denn Mati jagt durch den Wald, begleitet von einer Kamera, und ich sitze hinter ihr in einem Kinosessel am Potsdamer Platz, begleitet von einer Berlinale-Tasche. Gleich werden Mati und ich einander wieder verlassen. Sie macht ihr Abi und geht nach Wien, auf mich wartet der nächste Film.

So ging das jetzt zehn Tage lang. So mache ich das seit zehn Jahren, immer im kalten Februar, immer neu verliebt.

Die Berlinale ist eine Reise um die Welt, sagen viele. Das weltweit größte Publikumsfilmfest gleicht dabei (so bemängelt es inzwischen die Filmbranche selbst) mehr und mehr unserer eigenen Welt: überfrachtet, überall ausfransend, kaum noch übersehbar. 400 Filme, 300.000 Zuschauer, kaum unterscheidbare Wettbewerbsreihen, ein undurchdringbarer Ticketverkauf und eine Menge künstlich erzeugte Hitzigkeit im frostigen Berliner Winter. So war es auch in diesem Jahr. Die Fans des Festivals, die bei Coming-of-Age-Filmen aus Niederösterreich mitweinen, bei einem kenianischen Drama mitfiebern oder bei einem Trickfilm mit chinesischen Glibbermonstern den Kopf schütteln, wird diese Mannigfaltigkeit auch im nächsten Winter nicht abschrecken. Denn der Zauber der Berlinale erwächst aus dem Publikum selbst und ist für jeden, der dabei ist, so einfach wie schwer: eine Reise zu den eigenen Gefühlen, eine Kurzstrecke raus aus der aufregenden Stadt hinein in die weite Welt der Möglichkeiten, sein eigenes Leben anders zu leben.

Wie soll man also das Geheimnis der Berlinale erklären, ohne über den roten Galateppich zu stolpern oder sich über einen georgischen Experimentalfilm aufzuregen? Vielleicht ist es diesen Versuch hier wert.

Mühsame Unübersichtlichkeit

Die beiden Frauen stehen schon seit einer Stunde beieinander und kommen nicht vom Fleck. Sie reden, reden und reden – über neue Filme und ihre Kinder, Krankheiten und Hunde, über Ostprodukte und die ewige Liebe. So verrinnt die Zeit. „Weißt du, in unserer Beziehung ist das inzwischen wie in einer WG – aber das nur unter uns beiden.“ Sie schweigen nun beide, ganz unter sich, die anderen Leute in der Berlinale-Schlange gucken wie beiläufig in ihre Programme. In gut drei Stunden werden sie hier in den zugigen Potsdamer Platz Arkaden Stück für Stück vorankommen und nacheinander dran sein am Kassencontainerhäuschen. Sie werden ihre sorgsam herausgesuchten Filmnummern in mühsam zusammengestellten Festivalkalendern ansagen, nach denen es für bestimmte Kinos, für bestimmte Tage und für bestimmte Vorstellungen schon jetzt Karten gibt.

Eher wird in Berlin einmal ein Flughafen eröffnet oder wieder ein billiger Mietvertrag abgeschlossen, als dass der Ticketverkauf der Berlinale grundsätzlich reformiert oder durchdigitalisiert wird. Der Rentner aus Frohnau hinter mir, ein früherer Germanistikprofessor, hat sich einen Gartenklappstuhl mitgebracht; er nimmt die mühsame Unübersichtlichkeit mit einer Prise Philosophie hin: „Begehren muss auch etwas kosten. Und Zeit ist heute das Kostbarste.“

Vielleicht ist es das, was einen die Berlinale lehrt: sich Zeit zu nehmen, ohne vorher zu wissen, wofür. Womöglich sind deshalb die kurzen Filmbeschreibungen im offiziellen Programm so verkopft-verschwurbelt formuliert. Wie der Text über eine kanadische Dokumentation, die an nur einer Straßenkreuzung spielt: „Zwischen Beobachtung und Inszenierung vermitteln sich Eindrücke dieses Nichtorts in leuchtenden Bildern voller Kontraste und Spiegelungen.“ Wat is los?, fragt sich da der innere Berliner. Und weiß nur eines sicher: Dieser Film kommt auf keinen Fall ins große Kino. Bei der Berlinale immerhin war der Streifen vier Mal ausverkauft. Ein paar Hundert Leute haben sich die Zeit genommen und danach noch mit der Regisseurin diskutiert. Manche haben einfach zu viel Zeit.

Allegorie auf die wachsende Stadt

Die Bilanzen der 68. Berlinale sind geschrieben, die glänzenden Bären eines wieder mal unglänzenden Wettbewerbs sind überreicht, die Stars auf Dauerdurchreise funkeln in einer anderen Umlaufbahn weiter. Am Sonntagabend wurden noch die Publikumspreise gefeiert, deren Vorführungen immer am schnellsten ausverkauft sind, auch weil die Filmfans hier den eigenen neugierigen Durchhaltewillen beklatschen können. Der meistgehörte Satz in diesem Jahr fasst all die argentinischen Dorfdokus, jamaikanischen Krimis und deutschen Familiendramen ziemlich berlinisch gut zusammen: „War gar nicht so schlecht.“

Die Augen vieler Berlinale-Zuschauer leuchten beim Abspann, wenn sie an die Filme in den Nebenreihen Panorama, Forum oder Generation denken, mit denen sie ihre Zeit sinnhaft verschwendet haben bei der Neuvermessung des eigenen Weltbilds – sei es bei dem Kurzfilm über brasilianische Bodenschatzschürfer, einer Dokumentation über tamilische Rebellen oder dem dänischen Jugendfilm, bei dem zwei Verliebte in zerrissenen Klamotten auf einem Heavy-Metal-Festival nach einem Neuanfang suchen: „Gehen wir zusammen nach Irland?“, fragt sie. „Ach, ich will lieber nach Berlin“, sagt er. Und da lacht Berlin im Kinosaal. Kommen die beiden jetzt auch noch?

Die Berlinale ist neben vielem anderen eine Allegorie auf die wachsende Stadt. Immer ausladender wird das Programm, immer bemühter polyglott seine Präsentation; selbst bei Podiumsdiskussionen über die Zukunft des deutschen Films wird weltsprachig herumgelabert – bis hin zu der Affektiertheit, dass das Publikum auf Englisch gefragt wird, ob hier im Saal jemand eine Übersetzung ins Deutsche benötige. Beruhigend, dass sich die berüchtigte Berliner Schnauzigkeit nicht vom Getue unterkriegen lässt. Etwa am umlagerten Souvenirstand, an dem neben den schlicht-schönen, aber schlecht verschließbaren Berlinale-Taschen auch rote Tassen, Plakate und seltsamerweise Lippenstifte angeboten werden. Hier also steht eine Pankower Rentnerin und ruft den in Zeitlupe verkaufenden Aushilfsjobberinnen zu: „Soll ick euch helfen oder muss ick hier noch mal zehn Minuten auf meenen Rucksack warten?“ Ja, etwas mehr Erdung würde dieser vom Denken durchtränkten Veranstaltung sicher nicht schaden. Das Leben ist kein Kunstseminar.

Suche nach Wurzeln

Vielleicht ist es das, was die Berlinale von ihren Fans lernen kann: Bodenständigkeit, Stadtverbundenheit. Mit der Aktion „Berlinale goes Kiez“ und mit restaurierten Zwanziger-Jahre-Filmen mit Klavierbegleitung sucht das Festival nach Wurzeln, die Halt geben. Und wenn der nur in dem Wissen liegt, wie arm viele Menschen vor 100 Jahren in ihren Hinterhofzimmern waren – kurz gefasst in dem eingeblendeten Stummfilmsatz: „Das Geld habe ich nicht aus der Lamenge.“ Berlin ist auf Sand gebaut. Diese Erkenntnis sollte der Berlinale bei ihrer Zukunftssuche nicht durch die Finger rinnen.

Ein neuer schöner Schritt zu sich selbst wurde dieses Jahr erst am Abschlusswochenende gemacht – mit den Filmwanderungen. In kleinen Gruppen läuft man inmitten von Berlins glatt entkernter Ost-Mitte von Wohnzimmer zu Wohnzimmer, um darin Filme über die Menschen zu gucken, die hier womöglich bald weggentrifiziert werden und die ihre Türen öffnen für die ganze Welt und für einen Film über das eigene Leben.

Bei Caspar stapeln sich Bücher und Zettel in der Bude. Ein Dutzend Menschen sitzt auf Klappstühlen und schaut eine Doku über den Kiez am Rosa-Luxemburg-Platz, in den der Opernsänger vor dem Brexit nach Berlin geflüchtet ist. Auf dem Beamerbild an seiner Wand wird gerade ein junger Tanzakrobat interviewt, der auch hier um die Ecke wohnt und seinen Traum von einem freien Leben so beschreibt: „Ich hänge am liebsten in der Luft.“ Da lachen Caspar und seine Wohnzimmergäste; und seine Freundin – eine nach einigen Jahren in Amsterdam in ihre Heimat zurückgekehrte Berlinerin – erzählt: „Mir helfen diese Filme, wieder nach Hause zu kommen.“

Die Wahrheit über die Welt – sie liegt meistens im eigenen Universum. Wie aufregend es ist, gleich nebenan danach zu suchen, erkennt man manchmal erst nach zehn Tagen beim 23. Film. Dann waren die 22 davor nicht umsonst.

Wenig zu lachen

Ein paar Dinge, die der Berlinale noch guttun würden: mehr Filme über Jugendliche, weniger Gutmenschentum, Komödien aus Russland, überhaupt Komödien. Inzwischen hat man auf der Berlinale, die sich gerne als politisches Festival wichtig nimmt, zu wenig zu lachen. Hoffentlich zählt keiner die Terroropfer, die dieses Jahr vor den Kameras verendet sind. Dabei ist Humor eine scharfe politische Waffe, um jemanden zu entwaffnen. Immerhin einige Filmtitel waren lustig: „Der Burkina Brandenburg Komplex“; „Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot“. Aber am Ende ist es wie beim Pferderennen: Die Gäule mit den seltsamen Namen gewinnen nie. Und, was lachst du so?

Tja, auch diese Berlinale war etwas zu witzlos, etwas zu kompliziert, etwas zu undurchschaubar. Noch fehlt ihr eine Auswahl, die scharf zuspitzt und damit die weite Welt auf leichte Art verständlicher macht. Aber womöglich ist das zu viel verlangt bei einem Festival, das die ganze Welt zeigen will. Am Ende zählen, wie im echten Leben, diese kleinen Momente der großen Ehrlichkeit.

So geschehen nach der Frühvorstellung einer Dokumentation über holländische Bauernkinder im Zoo-Palast: An einem Dienstagmorgen wurde hier in poetischen Bildern gezeigt, wie junge Kälber im Stall geboren werden, wie sich das Korn auf Feldern im Winde wiegt, wie Schweine gegen Sonnenbrand eingecremt werden – und am Ende werden sie doch geschlachtet.

Nach dem Film darf man Fragen an die Regisseurin richten; einige Schüler aus Berlins Großstadtsozialisation stellen sich nacheinander ans Mikrofon, um immer dieselbe Frage loszuwerden: Wie konntet ihr diese Tiere töten? Die holländischen Bauernkinder, die zur Weltpremiere ihres Films in Galakleidern vor dem goldenen Vorhang stehen, antworten so leicht wie schwer: „Schlachten gehört zum Leben dazu. Ihr esst doch auch Tiere, oder?“ Da gibt es erleichtert-erheiterten Applaus. Das fremde Leben ist eigentlich das eigene.

Die Seele berühren

Nun ist diese Reise vorbei. Von der Nacht geblendet, in Licht getaucht – am Ende fühlt man sich von der weiten Welt gebraucht. Die Berlinale sollte ihren Zauber noch stärker entfalten: die Kraft ihres Publikums. Denn auch wenn sie schon nahbarer ist als die anderen großen Filmfestivals der Welt, so wirkt sie zuweilen noch wie eine bunt blubbernde Blase – darin Menschen, die Zeit und Geld zu verschenken haben, um mal für zehn Tage Berlins vielfältige Kinolandschaft zu bereisen und dabei vom eigenen Handy zugemüllte Gefühle neu zu entdecken. Ist das alles eine große Illusion: die wie im Geheimen miteinander verabredeten Trecks, die in geschäftig gespannter Stille zum Kino laufen? Die Augen, die sich jedes Mal im golden glitzernden Vorspann verlieren? Die Ohren, die sich von rauschender Musik durch die Wälder Niederösterreichs tragen lassen? Die Hände, die sich zum Applaus rühren, wenn nach zwei oder drei Stunden Ausflucht in eine andere Welt die eigene Seele berührt ist?

Und dann geht es sofort weiter, fast ungerührt, schnell rüber zu einer anderen Welt, vor dessen Eingang man verabredet ist, rastlos wie im echten Leben, im Berufsverkehr müssen wir drei Mal umsteigen, Zurückbleiben bitte!, zwischendurch liest man noch schnell in der Zeitung eine Rezension des nächsten Films; da tritt ein Obdachloser hinzu und beugt sich über die Schulter, er riecht ein wenig, aber nicht zu sehr, und meint: „Junger Mann, Sie verlieren sich noch.“ Danke, das findet sich schon. In einem Jahr seh’ ich mich wieder.

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