Etliche, teils gewaltbereite Rechte und Hooligans skandierten „Für jeden toten Deutschen einen toten Ausländer“. Sie jagten ausländisch aussehende Menschen durch die Straßen und prügelten sich mit Gegendemonstranten. Foto: Michael Trammer/imago
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Ausschreitungen in Chemnitz Sachsens rechter Moment
Johannes Grunert
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„Ein hochgefährliches braunes Netzwerk“

„Es gibt ein hochgefährliches braunes Chemnitzer Netzwerk, und das seit Jahrzehnten“, sagt der Rechtsextremismus-Experte Robert Claus aus Hannover. Ein subkulturelles rechtsextremes Milieu aus Hooliganismus, Musik und Kameradschaften, das in den 90er und 2000er Jahren seine Hochzeit in Chemnitz gehabt habe, aber bis heute wirke. „Es gibt kaum Szenen in Deutschland, die so eng verbandelt sind und so viel miteinander machen: Auswärtsfahrten, Kämpfe, Feiern, Angriffe auf politische Gegner.“

Schon bis zum frühen Montagabend sind immer mehr Menschen zur riesigen Büste von Karl Marx im Zentrum von Chemnitz geströmt. Man hört die Rufe „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!“. An der Spitze des Demonstrationszuges skandiert eine Gruppe stark Betrunkener immer wieder „Daniel! Daniel! Daniel!“, den Namen des Getöteten.

Die Anhänger der neonazistischen Kleinpartei „Der III. Weg“ heben sich von der Masse ab. Knapp 20 Männer und Frauen stehen in Parteikleidung – dunkelgrünen langärmligen Polohemden – in den vorderen Reihen. „Asylflut stoppen“ fordern sie auf den Schildern, die sie in die Höhe halten. Vor ihnen hat ihr Anführer Tony Gentsch seine Kamera auf einem Stativ montiert und filmt in aller Ruhe seine Kameraden – Chemnitz ist eine gute Gelegenheit für die Partei, Werbematerial zu produzieren. Gentsch war im Führungskader des bayerischen Kameradschaftsnetzwerkes Freies Netz Süd – bis das Innenministerium das Netzwerk verbot. 2014 zog er nach Plauen, um in Sachsen Parteistrukturen aufzubauen. Seitdem gibt es in Westsachsen regelmäßig Aufmärsche.

Ein Schaulaufen der Neonazi-Szene

Laut einem Bericht des sächsischen Verfassungsschutzes „orientiert sich die Partei am Nationalsozialismus“, und dient als „Auffangbecken für Neonationalsozialisten“. Es sei zu erwarten, dass die Bedeutung der Partei im Freistaat Sachsen weiter steigen werde, „dies dürfte sie in Zukunft zu einem der bestimmenden Einflussgrößen der rechtsextremistischen Szene machen“.

Aus der Masse der Demonstranten tritt am Montag ein komplett in schwarz gekleideter Mann auf ihn zu, Gentsch stoppt sein Video, begrüßt ihn. Es ist Eric F., einer der ehemaligen Anführer der Kameradschaft Nationale Sozialisten Chemnitz (NSC) die ebenfalls 2014 verboten wurde. Eric F. gibt sich seitdem bedeckt, ist seit Jahren nicht auf Aufmärschen zu sehen gewesen. Im Schutz der Masse ist er heute auf die Straße gegangen. Die beiden Männer unterhalten sich kurz, dann verschwindet F. wieder in der Menge.

Die Versammlung gleicht einem Schaulaufen der bundesweiten Neonazi-Szene: Neben Tony Gentsch und Eric F. sind Multi-Aktivist Tommy Frenck, Michel Fischer (Die Rechte), David Köckert (Ex-Thügida, heute Republikaner) und Rechtsrock-Veranstalter Patrick Schröder nur ein paar der bekannten Gesichter, die man in der riesigen Menge wiedererkennt.

Als der Marsch durch die Innenstadt zwischendurch stoppt, sind alle Augen auf Arthur Ö. gerichtet. Er ist Mitglied der „Heimattreue Niederdorf“, einem Verein, der im Erzgebirge Feste veranstaltet, an rassistischen Protesten teilnimmt und in seinem Vereinsheim den geschnitzten „Merkel-Galgen“ verkauft hat, der auf einer Pegida-Demonstration herumgetragen wurde. Am Montagabend in Chemnitz hat er ein Megafon in der Hand und ist bemüht, die rechten Demonstranten unter Kontrolle zu halten. Einige von ihnen zeigen immer wieder den Hitlergruß, sind stark betrunken, liefern sich Rangeleien mit Polizisten. „Ihr seid Deutsche!“, beginnt er seine Ansprache. Dann gibt er den Teilnehmern zu verstehen, wie sie in Reih und Glied zu laufen haben.

In der Peripherie von Chemnitz wächst der Hass

Die Gegendemonstranten drängen sich am Hang des naheliegenden Stadthallenparks und hissen Transparente. Sobald die Kundgebung der Rechten beginnt, ertönt ein Pfeifkonzert: Eine Jagd auf Migranten wie am Sonntag wollen sie nicht hinnehmen, viele fühlen sich an die Ereignisse 2015 in Heidenau erinnert. Damals hatte es schwere Ausschreitungen vor einer Flüchtlingsunterkunft gegeben.

Nach den Krawallen entstanden auch in Chemnitz asylfeindliche Gruppen. Besonders in der Peripherie, in den Stadtteilen Ebersdorf, Einsiedel und Kappel, formierten sich gleich mehrere Bündnisse, es kam zu Gewalttaten. In Einsiedel gipfelten diese in einem Brandanschlag auf das dortige Heim. Die Proteste gegen Asylheime zeigten zum ersten Mal, dass sich Neonazis in Chemnitz, wenn es um Migranten geht, der Unterstützung aus bürgerlichem Milieu sicher sein können. Die AfD, seit 2014 im Landtag, macht sich zum Vertreter der „besorgten Bürger“.

In Dresden entstand Pegida, ein Ableger später auch in Chemnitz, dort spaltete sich die Gruppe aber und verlor an Kraft. 2018 machte „Der III. Weg“ mit einem Aufmarsch zum 1. Mai von sich reden. Die Demonstration konnte trotz großen Gegenprotestes ihre Route ungestört laufen.

All das erklärt vielleicht auch, warum der Nationalsozialistische Untergrund hier jahrelang in mehreren Wohnungen unerkannt bleiben und Banküberfälle verüben konnte. Sein Unterstützerumfeld ist bis heute aktiv.

Die nächste Demo läuft schon

Am Dienstagnachmittag gibt es eine weitere Kundgebung rechter Gruppierungen vor dem sächsischen Landtag. 100 Teilnehmer waren angekündigt, bis 17 Uhr sind es gerademal 50. Deutlich zahlreicher sind die Gegendemonstranten, die dem Aufruf von Grüner Jugend, Jusos und Linksjugend gefolgt sind. Etwa 150 Menschen, die gelegentlich „Refugees welcome“, Flüchtlinge willkommen, oder „Kein Mensch ist illegal“ rufen. Ansonsten ist es ruhig.

Auffällig viele Polizisten flankieren am Dienstag das Geschehen. Die sächsische Polizei, soviel wird deutlich, will nichts riskieren. Man sei mit weit mehr Beamten vor Ort, als den Schätzungen zufolge gebraucht würden, heißt es hinter den Kulissen. Für alle Fälle.

Die als „Mahnwache“ angemeldete Versammlung ist bis Mittwoch, zwölf Uhr, geplant – sie soll die ganze Nacht dauern. Ausharrende würden noch gesucht, ruft der Organisator durchs Megafon.

Der 35-jährige Daniel H. wurde am Sonntag erstochen. Ein Syrer und einer Iraker sind tatverdächtig. Die Rechten wollen ihn nun zum Märtyrer stilisieren, dabei verachtete H. die AfD und Neonazis. Foto: F. Boillot/RubyImages
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Daniel H., den die Demonstranten zum Märtyrer machen wollen, hatte mit rechter Gesinnung nichts zu tun. Auf Facebook sprach er sich gegen die AfD aus, er liebte Punkrock und bezeichnete Neonazis als „Spinner“. Aus Sicherheitskreisen heißt es, es werde untersucht, ob der 35-Jährige und seine beiden durch Stiche verletzten Begleiter mit den zwei Tatverdächtigen einen Streit um die Beschaffung von Drogen hatten. Ein politischer Hintergrund sei nicht zu erkennen.

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