Gefährlicher Fahrradweg an der Holzmarkstraße in Mitte, Kinder zwischen Lkw. Foto: Jörn Hasselmann
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Holzmarktstraße in Berlin-Mitte Proteste am Vorzeige-Radweg

Ausgerechnet am ersten "geschützten" Radweg, in der Holzmarktstraße in Mitte, demonstrieren Aktivisten für noch sicherere Wege.

Er ist der bislang sichtbarste Erfolg rot-rot-grüner Fahrradpolitik, der neue Radstreifen in der Holzmarktstraße nahe der Jannowitzbrücke – viele sagen sogar, der einzige sichtbare Erfolg. Weiß-rote Poller trennen seit drei Wochen den mit 3,5 Metern geradezu luxuriös breiten Radweg ab und verhindern vor allem, dass Autos illegal parken.

Ausgerechnet dort demonstrierten Aktivisten am Sonnabend für noch bessere Wege. Und das hat einen Grund: Der gerade eröffnete – und grün markierte – Weg endet nach 350 Metern in einer – rot gestrichenen – „Weiche“. Radfahrer, die geradeaus wollen, nehmen den geraden Strang, rechtsabbiegende Radfahrer bleiben am rechten Rand. Zwischen den beiden – plötzlich viel schmaleren – Streifen ist die Autospur für Rechtsabbieger. Und das ist das Problem: Rechtsabbiegende Lkw und Pkw müssen den roten Radstreifen kreuzen.

Die "Weiche" soll Abbiege-Unfälle verhindern

Aus Sicht der Verkehrsverwaltung des Senats soll die Weiche Unfälle verhindern. „Jetzt kreuzen sich die Wege von Autos und Radfahrern vorher bei wesentlich besserer Sicht“, teilte die Verwaltung mit. Es sei „der aktuelle und auch bewährte Standard“ des geltenden Regelwerks „Empfehlungen für Radverkehrsanlagen“. In den vergangenen Jahren waren zahlreiche Radfahrer durch Rechtsabbiegende Lastwagen getötet worden; es ist die häufigste Ursache für tödliche Unfälle. „Wer geradeaus radeln will, steht an der Holzmarktstraße links vom Auto“, heißt bei der Behörde.

Der Verein „Changing Cities“, (früher Volksentscheid Fahrrad), sieht das ganz anders. „Hier wird der Abbiegekonflikt nur vorverlagert“, sagt Sprecherin Ragnhild Soerensen. Schlimmer sei, dass Autos an der Weiche – sie liegt 100 Meter vor der Kreuzung deutlich schneller sind als beim Abbiegen an der Ampel.

Der Verein Changing Cities demonstriert für sichere Radwege für alle von 10 bis 80 Jahre. Foto: Jörn Hasselmann Vergrößern
Der Verein Changing Cities demonstriert für sichere Radwege für alle von 10 bis 80 Jahre. © Jörn Hasselmann


Die Demo stand unter dem Motto „Sichere Kreuzungen haben keine Fahrradweichen“, Changing Cities forderte am Sonnabend den Senat auf, keine Fahrradweichen mehr zu planen und bereits vorhandene umzugestalten. Tatsächlich sind diese für geübte Radfahrer eine Verbesserung im Vergleich zu den bisherigeren Regelungen – für Kinder oder unsichere Menschen sind sie aber nichts. Changing Cities machte den Konflikt am Sonnabend mit zwei gemieteten Sattelschleppern und einer Schar Kinder deutlich. „Ich würde meinen Kindern verbieten, dort lang zu fahren“, sagte Vereinsmitglied Jens Blume.

Aktivisten fordern Umbau der Kreuzung

Bei Twitter entspann sich nach der Aktion eine intensive Debatte zwischen Aktivisten, Verbänden und der Verkehrsverwaltung. Kritisiert wurde zum Beispiel, dass die durchgezogene Linie an der Weiche nicht gegen verbotswidriges Befahren geschützt ist. Der Sprecher von Senatorin Regine Günther (parteilos, für Grüne), Jan Thomsen, antwortete, dass geprüft werden solle, ob Baken wie an der Kolonnenstraße montiert werden könnten. Nach dem tödlichen Unfall im Januar 2018 in Schöneberg hatte die Debatte um "geschützte" Radwege begonnen. Schon zuvor hatte die Verwaltung mitgeteilt, dass die Lösung „nicht optimal erscheint“ und die Kreuzung noch einmal überprüft werden soll.

Tatsächlich sind an den anderen Zufahrten der riesigen Kreuzungen die Bedingungen für Radfahrer noch deutlich schlechter, jede Ecke ist anders gestaltet. Auch auf den 500 Metern der Holzmarktstraße zwischen Alexander- und Lichtenberger Straße gibt es viele Absonderlichkeiten. Wieso stehen Poller nur auf der einen Seite? Am Beginn des neuen Poller-Weges ist der grüne Streifen gerade einmal 142 Zentimeter breit, wie ein Aktivist gestern zeigte. Der Grund ist einfach: An dieser Kreuzung ist weniger Platz für Radler, damit Autofahrer in der anderen Fahrtrichtung zwei Spuren zum Linksabbiegen haben.

An den Bushaltestellen gibt es keine Farbe und keine Poller in der Holzmarktstraße. Foto: Jörn Hasselmann Vergrößern
An den Bushaltestellen gibt es keine Farbe und keine Poller in der Holzmarktstraße. © Jörn Hasselmann

Und wenn ein Bus an der Haltestelle in der Holzmarktstraße, stoppt, müssen Radler hinter ihm warten oder in den Fließverkehr ausweichen. Wegen der Haltstelle ist hier auch die farbige Markierung unterbrochen.

An der Kreuzung Lichtenberger Straße ist der Radweg nur 2 Meter breit. Damit Autofahrer zwei Linksabbiege-Spuren haben. Sonst sind es 3,5 Meter. Foto: Jörn Hasselmann Vergrößern
An der Kreuzung Lichtenberger Straße ist der Radweg nur 2 Meter breit. Damit Autofahrer zwei Linksabbiege-Spuren haben. Sonst sind es 3,5 Meter. © Jörn Hasselmann

Die Poller sind übrigens nicht stabil, sondern extrem flexibel. Sie schnellen hoch, wenn sie umgefahren werden.

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