Zoya Anwer Mahfoud leitet ein Erzählprojekt für arabische Frauen. Foto: Stefan Weger
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Stimmen des Exils - Zum Internationalen Frauentag Sprechen ist Gold

Zoya Anwer Mahfoud

Haki dahab: Warum es so wichtig ist, dass arabische Frauen ihre Stimme erheben - und sich in geschützten Räumen austauschen

Es summt immer noch in meinen Ohren von den Gesprächen mit meiner Großmutter. Ihre größte Angst war, dass ihre Tochter allein bleiben könnte, ohne Ehemann, ohne Kinder. Ihrer Meinung nach braucht jede Frau einen Ehemann, auch wenn das Lied in ihr dadurch getötet wird. Ich höre die Stimme meiner Großmutter noch heute von vielen Frauen. Die Stimme einer Frau gehört oft nicht wirklich ihr. Patriarchalische Systeme spielen immer noch eine zu große Rolle. Aus Angst haben Frauen an solchen Systemen mitgewirkt, um sich vor Missbrauch und sogar vor der Bedrohung durch den Tod zu retten.

Also habe ich darüber nachgedacht, können wir hier, in einem freien Land, frei reden? Ich habe einmal gehört: „Unsere Geschichte beginnt, wenn unsere Melodie aufhört“. Es geht oft um Angst, Verzweiflung, Zögern, Dinge, die wir sagen wollen und nicht sagen können. Sprechen und Austausch, das ist genau das was wir brauchen. Wie kann man das realisieren? Dazu ist mir eine Initiative eingefallen „Haki dahab“. Haki dahab bedeutet: Sprechen ist Gold. Wir haben immer gelernt, dass wir schweigen müssen. Aber das Reden gibt uns die Gelegenheit, uns selbst und andere kennenzulernen. „Haki dahab“ ist ein geschützter Raum, in dem Frauen mit Frauen auch aus verschiedenen Generationen frei reden können. Es geht um die Erfahrungen, die Frauen machen und unter denen sie leiden. Es geht aber auch um die soziale Ebene: Wir unterstützen uns gegenseitig, indem wir Erfahrungen austauschen und durch das, was wir erlebt haben, Vertrauen aufbauen. 

Viele Dinge sammeln sich in unserer Lebenslinie an. Das erste Spiel meines Vaters, meine erste Schultasche, meine erste Liebe, Liebesbriefe, der Zorn meines Bruders, Lippenstift, Mamas Trauer, Trennungsbriefe, das Fahrrad, das ich nicht fahren durfte, meine erste Rebellion, die Universität, das Bild meines Freundes im Krieg, Verlust, Flucht, Entfremdung, Heimat, und dann entdecken wir plötzlich, dass wir mit all diesen Dingen ganz allein sind. Und oft braucht es Mut, um zu erzählen, was passiert ist und was passiert. Noch mehr Mut braucht es, sich seinen eigenen Geschichten zu stellen. 

Frauen aus dem Orient sind bekannt für ihren Humor

Erzählen geht eigentlich nicht ohne persönliches Treffen. Aber in Coronazeiten ist es leider nicht möglich, also haben wir unsere Frauenrunde mit Zoom organisiert. Auf einem Bildschirm mit mehreren Fenstern erscheinen alle drei Wochen acht wunderschöne Gesichter. Trotz ihrer Sorgen begleitet sie ihr Humor, für den die Frauen aus dem Orient bekannt sind. Jede hält eine Mokkatasse in ihrer Hand. So erzählen wir uns unsere Geschichten. 

Die größten Herausforderungen sind die sozialen und moralischen Überzeugungen der Frauen, die Angst vor offener Sprache und die Gefahr aus der Familie und der Gesellschaft. Aber einige Frauen trauen sich, die Tabus zu brechen und emotional und spontan zu erzählen.

Rasha ist Syrerin, 32 Jahre alt. Sie studierte in Syrien Literatur. Sie arbeitet in einer Frauenorganisation und ärgert sich darüber, dass einige Geflüchtete versuchen, eine Parallelgesellschaft einzurichten und in Europa alles so zu behalten, wie es war. „Meine Freundin ist geschieden ist und hat drei Kinder. Sie wurde von einer arabischen Frau unter Druck gesetzt: Sie solle zu ihrem Ehemann zurückkehren, weil es nicht gut sei, mit ihren Kindern allein zu bleiben. Das macht mich wütend“, sagt Rasha und fragt: „Was zwingt diese Frauen heute dazu, in ihren alten Bräuchen und den veralteten Moralvorstellungen zu verbleiben?“ 

Amina wurde mit 14 Jahren verheiratet

Ich habe selbst hier in Vereinen für Frauen, die von physischer und psychischer Gewalt betroffen sind, gearbeitet. Wie oft musste ich erleben, dass jede Erfahrung anders ist. Damals  bemerkte ich das große Bedürfnis, dass diese Frauen sprechen und ihre Stimmen hören wollen. Es könnte ein schöner Roman sein, wie Amina ihre Lebenserfahrung beschrieben hat.

„Ich bin immer noch das kleine Mädchen auf der Suche nach meinem Leben, das dort aufhörte, als das andere Leben begann“. Amina ist 48 Jahre alt, erst nach drei Begegnungen traute sie sich zu reden. Sie wurde in Tunesien mit 14 Jahren verheiratet und seitdem lebte sie nur für ihre vier Söhne. Das ist jetzt vorbei. Sie befasst sich schon lange mit der Zwangsehe. unter der sie lebte und heute noch leidet. „Ich möchte einfach mit den Worten sprechen, die in mir stecken. Vor zwei Jahren habe ich mich zur Scheidung entschieden und es hat gutgetan.“ Sie arbeitet als Verkäuferin. 

Bei „Haki dahab“ geht es nicht darum, Lösungen für Frauen zu finden. Aber es geht darum Erfahrungen auszutauschen und so kann ein tiefes gegenseitiges Verständnis entstehen. Auf diese Weise geben wir unseren täglichen Erfahrungen einen Sinn, indem wir sie teilen und erzählen. Es ist schwierig, aber nicht unmöglich, zu versuchen, Veränderungen in unserer Lebensform herzustellen und sie zu akzeptieren. Genauso viele kämpfen für ihre Mentalität, aber es gibt auch viele die versuchen ihre Mentalität zu ändern. Was ich bei „Haki dahab“ erlebt habe, ist der der Wunsch von Frauen, über ihr Leben zu sprechen. Es geht darum nicht nur zu reden und Spaß zu haben, sondern die Dinge in den eigenen Händen zu halten und um sich selbst besser kennenzulernen.

Dieser Text erscheint im Rahmen des Projekts "Stimmen des Exils" von Tagesspiegel und Körber-Stiftung. Der Tagesspiegel veröffentlicht seit 2016 regelmäßig Texte von Exiljournalist*innen unter dem Titel #jetztschreibenwir. Die Körber-Stiftung macht mit ihren Projekten im Programmbereich "Exil" die journalistischen, künstlerischen, politischen oder wissenschaftlichen Aktivitäten exilierter Menschen in Deutschland sichtbar. Dafür kooperiert sie z.B. mit den Nachrichtenplattformen „Amal, Berlin!“ und „Amal, Hamburg!“ oder organisiert Fachveranstaltungen (Exile Media Forum).

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