Stimmen des Exils - Zum Internationalen Frauentag "Ich möchte mein eigenes Geld verdienen"

Hend Taher

Für Migrantinnen ist es schwer, in Deutschland beruflich Fuß zu fassen: Zwei Beispiele.

Rudaba Badakhshi, die Regionalkoordinatorin für die Region Mitteldeutschland bei  

Eine Arbeit zu finden ist gerade für Frauen mit Kopftuch oft schwer. Foto: picture alliance / Uwe Anspach/d Vergrößern
Eine Arbeit zu finden ist gerade für Frauen mit Kopftuch oft schwer. © picture alliance / Uwe Anspach/d

In Syrien schließt Reem A. ihre Ausbildung als medizinisch-technische Laborassistentin erfolgreich ab. Kurz danach heiratet sie und wird schnell schwanger. In kurzem Abstand bekommt sie noch zwei Kinder. „Ich habe meine Zeit sehr gerne meinen Kindern gegeben. Meine Rolle als Mutter hat mich vollkommen erfüllt“, sagt  Reem, die mittlerweile vierfache Mutter ist. Bei seiner Arbeit als Ingenieur und Händler für Autoersatzteile verdient ihr Mann sehr gut. Aber dann bricht der Krieg aus, Aleppo wird bombardiert, Reem flieht mit ihren Kindern. Im Jahr 2017 kommt die Familie nach Aachen. Und jetzt beginnt für Reem wie für viele geflüchtete Frauen ein schwieriger Weg: Wie soll sie hier Fuß fassen? Dass sie arbeiten möchte, ist für sie selbstverständlich: „Ich kenne das gar nicht, Geld vom Staat zu bekommen. Für mich und meine Kinder möchte ich selbständig sein und mein eigenes Geld verdienen.“

"Mit Kopftuch kann ich kein Praktikum bekommen"

Der Weg zur Arbeit beginnt mit dem Lernen der deutschen Sprache. Da es für Reems kleine Tochter keinen Kitaplatz gibt, kann sie keinen Deutschkurs besuchen. Nach einem Jahr bekommt ihre Tochter den Platz, ungefähr ein halbes Jahr später fängt Reem der Kurs an. Anfang letzten Jahres schließt Reem ihre zweite Sprachprüfung erfolgreich ab. Im Jobcenter erfährt sie, dass Ausbildungsplätze als medizinisch-technische Laborassistentin in  Düsseldorf möglich sind. Aber ein Umzug kommt für sie nicht in Frage, also muss sie sich etwas anderes suchen. Sie erfährt, dass es einen großen Bedarf an Erzieherinnen gibt. „Ich mag es sehr gerne Kinder zu betreuen und habe die Geduld und das Verständnis für sie.“ Die Mitarbeiterin im Jobcenter empfiehlt Reem erstmal Praktika zu machen, um zu erfahren, ob sie diesen Arbeitsbereich wirklich mag. Als erstes fragt Reem in der Kita ihrer Tochter. „Die Leiterin hat vor den Augen meiner Kleinen gesagt, dass ich mit meiner Kleidung und meinem Kopftuch kein Praktikum in der Kita bekommen kann. Meine Tochter fragte mich später, warum nicht. Ich war sprachlos.“ Parallel sucht sie nach einem Ausbildungsplatz als Kinderpflegerin, denn in Aachen gibt es freie Ausbildungsplätze in Teilzeit, und Reem möchte gerne in Teilzeit arbeiten. „Ich denke, es ist besser langsam anzufangen, weil die deutsche Sprache für mich eine große Hürde ist.“ Das Jobcenter würde aber nur eine Vollzeit-Ausbildung finanzieren. Reem beantragt beim Jobcenter einen weiteren Deutschkurs. Sie bekomme eine Ablehnung: Ihr Sprachniveau sei für die Ausbildung ausreichend, mehr brauche sie nicht, wird ihr gesagt.  

Das Abiturzeugnis muss anerkannt werden - sie verpasst die Bewerbungsfrist

Doch Reem gibt nicht auf und sucht weiter, nach einem Praktikum und nun auch nach einem Vollzeit-Ausbildungsplatz. Im Herbst  lernt sie in einer kirchlichen Hilfsgruppe für geflüchtete Menschen eine Mitarbeiterin der Grundschule kennen, die ihre jüngste Tochter mittlerweile besucht, und bekommt dort ein Praktikum für zwei Wochen. „Das war eine sehr gute Erfahrung, das Arbeitsteam war sehr kooperativ.“ Nur zweifelt Reem wegen ihres Kopftuchs daran, dass sie nach der Ausbildung eine Stelle finden wird. Doch sie sucht weiter, findet eine Schule, die freie Ausbildungsplätze hat und fängt an mit Hilfe von deutschen Freundinnen an ihre Unterlagen zu vorzubereiten. Ihr Abiturzertifikat muss erneut in Deutschland übersetzt und dann anerkannt werden, dies dauert drei bis vier Monate. Wegen der Coronapandemie verspätet sich die Anerkennung - bis jetzt. Damit verpasst Reem die Bewerbungsfrist, die am ersten Februar 2021 ablief. Die Unterlagen nachzureichen wird ihr nicht erlaubt.

Online trifft Reem auf Facebook-Gruppen, in denen andere Syrerinnen von ihren Erfahrungen berichten, und sie erfährt, dass es einen Beruf gibt, der "Tagesmutter" heißt, wo sie selbständig arbeiten kann. Das macht ihr neue Hoffnung. „Ich denke und hoffe, dass ich damit bessere Chancen habe zu arbeiten als in einer Schule oder in der Kita.“ Online sucht Reem nach Kursen, um sich auf den Beruf vorzubereiten. "Am liebsten würde ich sofort anfangen zu arbeiten, schließlich bin ich nicht mehr jung", sagt Reem - sie ist 41 Jahre alt.

"Es dauert fünf bis sieben Jahre"

Das Bildungssystem in Deutschland und die Asyl- und Aufenthaltsgesetze, die nach Alter und Herkunftsland unterscheiden, seien für migrantische Menschen sehr schwer zu verstehen, sagt Rudaba Badakhshi, die Regionalkoordinatorin für die Region Mitteldeutschland bei DaMigra: ein Dachverband von Migrant_innen-Organisationen. Der Verband arbeitet gegen jegliche Formen von Diskriminierung, für die Vernetzung, Qualifizierung und Chancengerechtigkeit und Gleichstellung der Migrant_innen. DaMigra wird gefördert von der Bundesbeauftragten für Migration, Flüchtlinge und Integration, vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und dem Bundesministerium des Inneren. 

Die Frauen bräuchten verlässliche, mehrsprachige Beratung, die sich auch in den Systemen ihrer Herkunftsländer auskennt, sagt sie weiter. „Je nach körperlicher und seelischer Situation brauchen die Menschen zwischen fünf bis sieben Jahre, bis sie wirklich hier ankommen.“ Asylbewerber dürften in bestimmten Phasen des Asylverfahrens noch nicht arbeiten oder den Wohnort ohne Genehmigung verlassen, was Monate, manchmal Jahre dauert. Manche Frauen bekämen über Jahre eine Duldung, was kein ständiger Aufenthaltsstatus sei, und könnten gar nichts machen, so Badakhshi. Kurzfristige Aufenthaltsgenehmigungen, die kürzer seien als die Dauer einer Ausbildung, hindert viele daran, Plätze zu bekommen. Die Anerkennung der Zertifikate dauere viel zu lange und sei teuer. „Frauen, die ihre Zertifikate nicht aus ihrer Heimat mitgebracht haben oder sie nicht anerkannt bekommen, müssen mit der Ausbildung bei Null anfangen.“ Die Lebensbedingungen von vielen Frauen erschweren ihnen den Zugang zu Bildung und Beratungsstellen, sagt Badakshi. Manche leben in Erstaufnahmeeinrichtungen fernab von Verkehrsmitteln oder bekommen keine Kinderbetreuung. Es fehle ihnen an sozialen Netzwerken, die sie auffangen und ihnen weiterhelfen könnten. 

Nora ist frustriert und hoffnungslos

Ein weiteres Beispiel: Sechs Monate nach der Geburt ihrer Tochter, Lena, steigt Nora L. wieder bei ihrem  Job ein. Sie arbeitet als Human Ressource Managerin in einer nationalen Bank in einem arabischen Land. Da ihre Tochter schwerbehindert ist und dauerhaft medizinische Behandlungen braucht, muss die Familie nach Deutschland umziehen. Schweren Herzens kündigt Nora ihren Job, verlässt ihre Familie, Freunde und ihre geliebte Heimat und zieht in ein Dorf in der Nähe von Düsseldorf. Doch sie hofft auf neues Glück. Sie lernt fleißig Deutsch, macht den Führerschein und sucht Beratungsstellen auf, um sich beruflich neu zu orientieren. 

Das ist sechs Jahre her. Heute ist Nora frustriert und hoffnungslos. „Ich bin seit sechs Jahren von meinem Mann finanziell abhängig. Das war ich lebenslang nie.“ Bei ihrem Mann, der Deutscher ist, dauerte es ungefähr ein Jahr, bis er eine Stelle gefunden hatte. Trotz guter Deutschkenntnisse, fließend gesprochenem Englisch und Hunderten von Bewerbungen wurde Nora nur zweimal zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen und bekam danach Absagen. Sogar bei Bewerbung für Praktika bekommt sie keine Antwort. „Ich drehe mich im Kreis, denn ich weiß einfach nicht, was ich machen soll. Ich würde auch nochmal studieren, nur was genau?"

In ihrer Heimat verdiente sie mehr als ihr Mann

In jeder Beratungsstelle bekomme sie unterschiedliche Informationen. Die Fortbildung, die ihr empfohlen wurde und die sie mit Hilfe ihres Mannes finanzieren und erfolgreich abschließen konnte, habe nichts gebracht. In einer Beratungsstelle bekommt sie einen Minijob bei ihrer Beraterin. „Ich brauche unbedingt eine richtige Arbeit. Das gibt mir nicht nur finanzielle Unabhängigkeit, sondern ein eigenes Leben. Im Moment habe ich ein Leben nur mit Hilfe von anderen.“ Mit Begeisterung erzählt Nora von ihrem alten Job, wie sie und ihre Kollegen die Bank zu einer gefragten Bank umgewandelt haben. Wie sie die Struktur fairer gemacht haben. Wie beliebt sie war und wie sie ihre Arbeit geliebt hat. Wie sie durch ihre Arbeit an viele Orte gereist und dabei Menschen aus unterschiedlichen Ländern begegnet ist. Sie verdiente sehr gut, mehr als das, was ihr Mann jetzt als Ingenieur in Deutschland verdient, und hatte ein eigenes Auto. Dass sie sich jetzt nicht mal finanzieren kann, kann sie nicht fassen. „Ich habe immer die Herausforderungen bewältigt und das erreicht, was ich erreichen wollte. Jetzt bin ich so verzweifelt wie nie. Gerade jetzt sollte ich aber für meine Tochter stark sein, um sie psychisch unterstützen zu können.“

Für interkulturelle Vielfalt sensibilisieren

"Wir brauchen auf dem Arbeitsmarkt Förderungen für "Diversity-Training" mit dem Ziel, eine Sensibilisierung für interkulturelle Vielfalt zu schaffen", sagt Rudaba Badakhshi von DaMigra, "und eine politische Bildung, vor allem in Schulen, um zu reflektieren und ein Verständnis für globale Entwicklungen zu schaffen. Dazu müssen unsere Asylgesetze reformieren und die ausschließende und benachteiligende Restriktionen nachjustieren." Sie ermutigt Frauen, nach Weg X, Y und A und B und C zu suchen, Geduld zu haben und nie die Hoffnung zu verlieren. 

Dieser Text erscheint im Rahmen des Projekts "Stimmen des Exils" von Tagesspiegel und Körber-Stiftung. Der Tagesspiegel veröffentlicht seit 2016 regelmäßig Texte von Exiljournalist*innen unter dem Titel #jetztschreibenwir. Die Körber-Stiftung macht mit ihren Projekten im Programmbereich "Exil" die journalistischen, künstlerischen, politischen oder wissenschaftlichen Aktivitäten exilierter Menschen in Deutschland sichtbar. Dafür kooperiert sie z.B. mit den Nachrichtenplattformen „Amal, Berlin!“ und „Amal, Hamburg!“ oder organisiert Fachveranstaltungen (Exile Media Forum).

 

 

 

 

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