Journalistin Tarfah Al-Fadhli floh mit ihrem fünfjährigen Sohn aus Jemen. Foto: privat
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Stimmen des Exils: Zum internationalen Frauentag Ich kam mit einer Tasche voller Hoffnung

Tarfah Al-Fadhli

Die jemenitische Journalistin Tarfah Al-Fadhli freute sich auf eine bessere Zukunft in Deutschland. Nun wundert sie sich über dieses Land.

Obwohl seit meiner Ankunft in Deutschland sechs Jahre vergangen sind, erinnere ich mich immer noch an die ersten Momente, als ich den Münchner Bahnhof zum ersten Mal betrat. Dieser Moment hängt an der Wand meines Herzens, er hat meine Erinnerung nie verlassen.
Ich kam mit einer Tasche in der Hand, einer Tasche voller Schmerz und Hoffnung, und an der anderen Hand war mein fünfjähriges Kind. Ich flüsterte: „endlich frei atmen und meine Rechte als Frau ausüben, diese Rechte, die mir durch die Gesetze der diktatorischen Regierung in meiner Heimat genommen wurden, deren Männer immer auf den Leichen von Frauen gelebt haben.“ Jahrelang hatte ich unter der Missachtung meiner Gesellschaft gelitten, die versuchte, mich im Haus einzusperren, nur weil ich mit Anfang Zwanzig geschieden bin. Aber mein Ehrgeiz kannte keine Grenzen, ich verkaufte mein Gold, um mein Universitäts- und Masterstudium abzuschließen, dann arbeitete ich in internationalen Organisationen. Ich stand auf meinen eigenen Füßen, aber weil mein Leben als Frauenrechtsaktivistin und Tochter einer mächtigen Familie in Gefahr war, hob ich meine weiße Fahne und ging.
In Deutschland angekommen, vergingen Jahre, in denen ich mich gegen den Wind stemmte, um die Sprache zu lernen, freiwillig zu arbeiten und mich um meinen kleinen Jungen zu kümmern. Trotz all der Hindernisse, denen ich auf dem Weg begegnete, gab es tief in meinem Inneren ein kleines Fenster, durch dieses konnte ich die Früchte meiner glänzenden Zukunft sehen, die ich am Ende erreichen will.
Mit der Zeit, als ich anfing, mich mehr zu integrieren, war die erste Tatsache, die mir auffiel, die Ungleichheit der Gehälter von Männern und Frauen. Das war für mich ein Schock! Als ich mich über den Grund dafür wunderte, war die Antwort, die ich von einigen Männern und Frauen erhielt, nicht weniger schockierend: Weil Frauen gebären und Mutterschaftsurlaub haben! In Jemen ist die Geburtenrate höher als in Deutschland, trotzdem bekommen Frauen für denselben Job dasselbe Gehalt wie Männer.
Ich fand auch weitere Tatsachen, die meine rosigen Erwartungen zunichte machten, vor allem was die Diskriminierung geflüchteter Frauen bei der Jobsuche betrifft. Das macht mich glauben, dass Frauen in jeder Ecke dieser Erde immer leiden, und ganz unten steht die Flüchtlingsfrau.
Für mich persönlich war eine der seltsamsten Situationen folgende: Als ich mit einem deutschen Mann verlobt war, nach zwei Jahren unserer Beziehung, gingen wir zum Standesamt, um die Hochzeit vorzubereiten. Eines der erforderlichen Dokumente war die Zustimmung meines Vormunds! Die Worte der Mitarbeiterin trafen mich wie ein Blitz. Ich sagte zu ihr: Meine Eltern sind tot, und ich bin nach Deutschland geflohen, aus meiner Gemeinde und weg von meinen Brüdern! Vom wem soll ich eine Genehmigung erhalten? Sie antwortete mir: „Sie sind Jemenitin und wir unterliegen dem Recht des Landes, aus dem der Einzelne stammt. Dies sind die Gesetze!“
Ich habe mich gefragt, warum stimmt Deutschland solchen ungerechten Gesetzen unserer Herkunftsgesellschaften zu und wendet sie hier bei uns Flüchtlingen an? Eine Juraprofessorin sagte mir Monate später: Wenn die Ehegesetze des Heimatlands den Werten der Gleichberechtigung klar widersprechen, sind unter Umständen Ausnahmen möglich. Ich hoffe es!
Ich weiß keine klare Antwort auf meine vielen Fragen. Aber was ich weiß, ist: Mich überwältigt das Gefühl, dass die Mauern meines Landes noch immer auf meinen Schultern liegen.

Dieser Text erscheint im Rahmen des Projekts "Stimmen des Exils" von Tagesspiegel und Körber-Stiftung. Der Tagesspiegel veröffentlicht seit 2016 regelmäßig Texte von Exiljournalist*innen unter dem Titel #jetztschreibenwir. Die Körber-Stiftung macht mit ihren Projekten im Programmbereich "Exil" die journalistischen, künstlerischen, politischen oder wissenschaftlichen Aktivitäten exilierter Menschen in Deutschland sichtbar. Dafür kooperiert sie z.B. mit den Nachrichtenplattformen „Amal, Berlin!“ und „Amal, Hamburg!“ oder organisiert Fachveranstaltungen (Exile Media Forum).


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