Stimme des Exils: Maryam Mardani aus dem Iran. Foto: Stefan Weger
© Stefan Weger

Stimmen des Exils: Zum internationalen Frauentag Die Grenzen im Kopf

Maryam Mardani

Ich drohe an meinem eigenen Schweigen zu ersticken: Warum Frauen aus Ländern wie dem Iran auch in Deutschland nicht frei sein können.

Nun sind es schon ein paar Jahre, seit ich nach Deutschland gekommen bin und immer noch ist mir das Konzept Grenze nicht klar. Ich sitze in meinem Zimmer und starre auf die Weltkarte an meiner Wand. Mein Blick wandert von Land zu Land, von Kontinent zu Kontinent, und ich denke an meine Abreise aus dem Iran zurück. Welch Erleichterung, als ich die Kontrolle hinter mir und den Stempel im Pass hatte. Ich war nicht im letzten Moment auf eine Ausreiseverbotsliste gerutscht. Ich durfte die Grenze überqueren.
Im Lexikon steht: „Grenze ist der Rand eines Raumes“, steht da. Diese Definition überzeugt mich nicht, denn nach all diesen Jahren, die seit meinem Grenzübertritt vergangen sind, bin ich noch immer gefangen in den Grenzen meines Landes. Oder, anders gesagt, die Grenzen des Iran erstrecken sich bis nach Berlin. Diese Definition von Grenze steht nicht im Lexikon und man sieht sie auf keiner Weltkarte, sie existiert in den Köpfen und besonders in den Köpfen von Frauen.
Sie macht sich in Alltagsszenen bemerkbar. Wenn ich meine Einkaufstasche nehme, um zu Lidl zu gehen, streiche ich mir automatisch mein Kopftuch zurecht. Dabei trage ich seit meiner Abreise aus dem Iran gar kein Kopftuch mehr. Wenn meine Hand also ins Leere fasst, zucke ich zusammen. Schrecksekunde. Gliederstarre. Hat mich jemand gesehen? Polizei? Besonders schlimm treffen mich die unsichtbaren Grenzen im Ramadan. Im letzten Ramadan spazierte ich durch die Friedrichstraße, es war heiß und ich hatte Durst. Ich sah die Menschen in den Cafés sitzen, Limonade trinken und Eis essen. Im Iran wäre das undenkbar. Deswegen hatte ich Scheu, die Wasserflasche aus meiner Tasche zu holen, um in der Öffentlichkeit zu trinken. Die Angst sitzt tief und schlägt zu, wenn mein Kopf gerade mit anderen Dingen beschäftigt ist. Schließlich spülte ich sie mit einem großen Schluck aus der Flasche herunter.
Doch es sind nicht nur Kleinigkeiten. In einem anderen Bereich machen sich die Grenzen sehr viel stärker bemerkbar. Eine Frage, die sich fast alle irgendwann stellen, wenn sie aus dem Iran ins Ausland gehen: „Soll ich mein Schweigen brechen und das Unrecht benennen, das mir angetan wurde oder soll ich schweigen?“ Die Antwort ist eine Weichenstellung. Sie hat schwerwiegende Konsequenzen und nicht immer kann man sich später umentscheiden. Denn, wer sich entscheidet, die Stimme zu erheben und zu protestieren, wird entweder nie mehr in den Iran fahren können oder reist nur mit der Angst im Schlepptau, von der Polizei geschnappt zu werden.
Man kann hier auch von Zensur sprechen, denn es ist eine ganz reale Bedrohung. Immer wieder zieht mich diese Zensur über die Grenze in den Iran zurück und sagt: „Sei still!“ Wenn ich die Ideologie des Regimes in Frage stelle oder solche Kritik auf Facebook oder Instagram auch nur andeute, verspiele ich mein Recht zurückzukehren. Meine Eltern sehen wollen, bedeutet zu schweigen. Auch, wenn ich an meinem Schweigen zu ersticken drohe. Wenn ich nicht schweige, dann plagt mich das Heimweh.
Geht das nur mir so? Tatsächlich habe ich viele Freundinnen und Bekannte, die ähnliche Geschichten erzählen. Da es um den langen Arm des Iran geht und viele der Regeln unseres Heimatlandes Frauen eingrenzen, sind wir Frauen besonders betroffen. Golroch, eine 64jährige Soziologin und Frauenaktivistin, lebt schon seit 40 Jahren im politischen Exil in Deutschland. „Wenn man sich entscheidet, in den Iran zu reisen, so braucht dies eine Phase der Verwandlung, die ungefähr zwei Jahre dauert“, sagt sie. Zunächst gehe es darum, den iranischen Pass zu bekommen und dazu müsse man alle politischen Aktivitäten auf Eis legen; keine Veranstaltungen, keine Demonstrationen. „Um in den Iran zu kommen, unterstellen sich die Menschen strenger Zensur. Sie ändern ihre Art zu Leben und ihr soziales Umfeld.“
Huda, eine 29jährige Künstlerin, sagt: „Zensur ist nicht auf ein bestimmtes, umgrenztes Territorium beschränkt. Zensur verfolgt die Menschen bis in den letzten Winkel der Welt. Die Grenzen, die Diktatoren aufstellen, graben sich oft tief in das Bewusstsein der Menschen ein. Die Tabus verfolgen die Menschen manchmal sogar ihr ganzes Leben lang.“
Ich starre wieder auf die Weltkarte an meiner Zimmerwand. Eine neue Art von Grenze tut sich auf. Es ist die Grenze zwischen den Menschen, die als Migranten aus einem Land wie dem Iran nach Deutschland kommen und schweigen, damit sie wieder heimkehren können und denen, die das nicht tun. Die ihre Stimme erheben und protestieren. Diese Person ist nicht länger eine Migrantin, es ist eine Frau, die sich selbst ins Exil bugsiert hat. Auf welcher Seite dieser Grenze jemand steht, ist für viele Iranerinnen hier in Berlin eine existenzielle Frage – schließlich geht es hier um die Abwägung zwischen Würde und Heimweh – und klar ist: Die Grenze zwischen den beiden Gruppen wird immer spürbarer, je größer der Druck und der Einfluss aus dem Iran wird.

Dieser Text erscheint im Rahmen des Projekts "Stimmen des Exils" von Tagesspiegel und Körber-Stiftung. Der Tagesspiegel veröffentlicht seit 2016 regelmäßig Texte von Exiljournalist*innen unter dem Titel #jetztschreibenwir. Die Körber-Stiftung macht mit ihren Projekten im Programmbereich "Exil" die journalistischen, künstlerischen, politischen oder wissenschaftlichen Aktivitäten exilierter Menschen in Deutschland sichtbar. Dafür kooperiert sie z.B. mit den Nachrichtenplattformen „Amal, Berlin!“ und „Amal, Hamburg!“ oder organisiert Fachveranstaltungen (Exile Media Forum).

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