Maryam Mardani arbeitet als Redakteurin bei "Amal, Berlin!" Foto: privat
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Stimmen des Exils Leben und leben lassen

Was ist Demokratie – und wodurch wird sie gefährdet? Eine Umfrage von Maryam Mardani

Maryam Mardani, 37, hat Berliner*innen unterschiedlicher Herkunft gefragt, was sie unter Demokratie verstehen. Sie ist Redakteurin bei „Amal, Berlin!“ und hat im Iran als Englischlehrerin und Autorin gearbeitet.

Duygu Kilic, 19 Jahre alt. Foto: privat Vergrößern
Duygu Kilic, 19 Jahre alt. © privat

Duygu Kilic, 19 Jahre, Studentin Öffentliche Verwaltung, Deutschland

Demokratie ist in Gefahr, wenn die Regierungen es schaffen, die Bürger so zu beeinflussen und zu brainwashen, dass sie gar nicht mehr merken, dass sie nur in einer Scheindemokratie leben: Die Regierung sagt nur noch, was die Bürger hören wollen, und sie merken nicht, dass sie in Wirklichkeit immer weniger Mitbestimmung und Freiheit haben. Dass eine ähnliche Gefahr auch von Bürgern ausgehen kann, haben wir bei den Corona-Demos gesehen

Zulaikha Afzali stammt aus Afghanistan und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin. Foto: privat Vergrößern
Zulaikha Afzali stammt aus Afghanistan und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin. © privat

Zuleikha Afzali, 33, wissenschaftliche Mitarbeiterin, Afghanistan

Demokratie bedeutet, dass ich in meiner Familie meine Meinung sagen kann und meine Bedürfnisse respektiert werden. Demokratie bedeutet auch, dass ich die Regierung mitwählen kann und dass Frauen nicht aus religiösen Gründen von Männern unterdrückt werden. Es bedeutet, eine aktive Rolle bei der Gestaltung der Gesellschaft zu haben, und setzt voraus, dass die Einzelnen die Konsequenzen ihres Handels auf ihre Mitmenschen und Umwelt überschauen und einschätzen können. Wenn einer der Faktoren fehlt, ist die Demokratie in Gefahr.

Mahya Taheri ist Grafikerin. Foto: privat Vergrößern
Mahya Taheri ist Grafikerin. © privat

Mahya Taheri, 47 Jahre, Grafikerin, Iran

Demokratie bedeutet, dass die Bedürfnisse von allen Menschen berücksichtigt werden. Nicht nur, wenn es darum geht, dass sie Steuern bezahlen müssen oder wählen sollen. Es geht auch darum, dass alle Zugang zu Dienstleistungen bekommen. Demokratie bedeutet auch, dass ich in der Öffentlichkeit tragen kann, was ich will, und mich niemand dafür zur Rechenschaft ziehen kann. Ich brauche mich nicht um Traditionen, Religionen oder Vorurteile zu kümmern. Demokratie heißt leben und leben lassen.

Sneha Navale: Korruption und Missbrauch der sozialen Medien gefährden die Demokratie. Foto: privat Vergrößern
Sneha Navale: Korruption und Missbrauch der sozialen Medien gefährden die Demokratie. © privat

Sneha Navale, 32 Jahre, Hausfrau, Indien

Für mich bedeutet Demokratie, dass alle Bürger*innen die Möglichkeit haben, ihre Probleme der Regierung vorzutragen. Indien ist die größte Demokratie der Welt und schafft es, trotz der großen Unterschiede in Reichtum und Ethnien vereint zu bleiben. Folgende Punkte gefährden die Demokratie: schnelles Auseinanderschnappen der Arm-Reich-Schere, Korruption, Missbrauch der sozialen Medien, um die Massen zu manipulieren. Künstliche Intelligenz, die von undemokratischen Nachbarländern eingesetzt wird.

Isabelle von Zitzewitz ist Deutschlehrerin. Foto: privat Vergrößern
Isabelle von Zitzewitz ist Deutschlehrerin. © privat

Isabelle von Zitzewitz, 42 Jahre, Deutschlehrerin, Deutschland

Gefährdet wird die Demokratie unter anderem dann, wenn die Menschen, die in ihr leben, glauben, ihre Sicht der Dinge sei die einzige Wahrheit. Demokratie erfordert Austausch, die Bereitschaft, auch andere Perspektiven einzunehmen. Was für mich auch bedeutet, dass die vielgepriesene Toleranz durchaus ihre sinnvollen Grenzen haben darf, nämlich dann, wenn dadurch die Werte und Bedürfnisse der Mehrheit geschützt werden.

Dieser Text erscheint im Rahmen des Projekts "Stimmen des Exils" von Tagesspiegel und Körber-Stiftung. Der Tagesspiegel veröffentlicht seit 2016 regelmäßig Texte von Exiljournalist*innen unter dem Titel #jetztschreibenwir. Die Körber-Stiftung macht in ihrem Fokusthema „Neues Leben im Exil“ die journalistischen, künstlerischen, politischen oder wissenschaftlichen Aktivitäten exilierter Menschen in Deutschland sichtbar. Dafür kooperiert sie z.B. mit den Nachrichtenplattformen „Amal, Berlin!“ und „Amal, Hamburg!“ oder organisiert Fachveranstaltungen (Exile Media Forum).

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