In Abdolrahman Omarens Heimatland hat es in 50 Jahren nur zwei Präsidenten gegeben. Foto: Foto: Doris Spiekermann-Klaas
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Stimmen des Exils Ich will auch wählen

Abdolrahman Omaren

Unser Autor hat noch nie an einem demokratischen Urnengang teilgenommen. Hier erklärt er, warum er bei den US-Wahlen mitmischen möchte

Für die meisten arabischen Völker ist Demokratie nur ein Mythos – vor allem in Syrien. Dazu gibt es einen Witz: Ein amerikanischer Journalist sagte dem verstorbenen syrischen Diktator Hafez al Assad, dass in Amerika der Präsident kritisiert werden könne, ohne dass der Kritiker zur Rechenschaft gezogen werde. Dann fragte er ihn, wie die Situation in seinem Land sei. Al Assad sagte, dass auch in Syrien der Präsident der Vereinigten Staaten kritisiert werden könne, ohne dass jemand etwas dagegen sagen würde.

Dieser hübsche neue Präsident

Dieser Witz fasst das Konzept der Demokratie in einem repressiven Regime wie dem in Syrien, zusammen. Ich persönlich habe, seit ich lebe, sechs Präsidenten erlebt, die die Vereinigten Staaten regiert haben – von Ronald Reagan bis Donald Trump. Ich erinnere mich zwar nicht so gut an Reagans Amtszeit, aber woran ich mich gut erinnere, ist die Amtszeit von Bill Clinton. Immer wenn sich die Frauen in meiner Nachbarschaft zum Tratschen trafen, sprachen sie über diesen neuen hübschen amerikanischen Präsidenten. Eine der Frauen sagte, dass wenn sie an den US-Wahlen hätte teilnehmen können, sie ihre Stimme Bill Clinton gegeben hätte, damit er für immer regiert. Wie in Syrien, wo der Präsident so lange an der Macht bleibt, bis er stirbt.

Alle sind von den Ergebnissen der US-Wahl betroffen

Ehrlich gesagt, sind mir die Worte meiner Nachbarin seither nicht aus dem Kopf gegangen. Warum können wir nicht als Völker an den Wahlen der Vereinigten Staaten von Amerika teilnehmen? Ja, ich habe das Recht, an der Wahl des Bewohners des Weißen Hauses teilzunehmen, schließlich werden seine Entscheidungen mein Leben und das Leben von Hunderten von Millionen Menschen beeinflussen. Warum haben daher nur die amerikanischen Bürger das Recht, ihren Führer zu wählen, obwohl dessen Herrschaft alle Länder der Welt betreffen wird?

Wenn nichtamerikanische Menschen an den US-Wahlen teilnehmen dürften, würde Donald Trump wahrscheinlich von den Stimmen aller Rechten auf der ganzen Welt profitieren. Das haben wir ja letzten August gesehen, als in Berlin bei einer Demonstration gegen Corona-Präventionsmaßnahmen Trumps Fotos von den rechten Gruppierungen, die an der Demonstration teilnahmen, hochgehalten wurden. Es gab Demonstranten, die ein Schild mit der Aufschrift „Mr. President, make Germany great again“ trugen – eine Anspielung auf Trumps Wahlkampfslogan. Das zeigt, dass jeder davon überzeugt ist, dass die Vereinigten Staaten die Welt anführen oder sie zumindest auf die eine oder andere Weise beeinflussen.

Demokratie ist beeindruckend

Ich persönlich habe schon mehrfach gedanklich an der US-Wahl teilgenommen, indem ich mir wünschte, dass mein Lieblingskandidat gewinnt. Und es funktionierte! Barack Obama hat dank meiner telepathischen Einwirkung zweimal in Folge gewonnen. Es klappte jedoch nicht, als ich mir wünschte, dass Hillary Clinton die Wahl 2016 gewinnt. Ich spürte damals, dass sie dem Weißen Haus sehr nahe kam, ich verfolgte das Wahlkampfrennen und war sehr zuversichtlich, dass sie gewinnen würde. Doch plötzlich und entgegen allen Erwartungen und Umfragen gewann der Milliardär Donald Trump das Rennen und zerschlug damit all meine Hoffnungen – und die Hoffnungen vieler, zum ersten Mal in der Geschichte des Landes eine Frau zu sehen, die Amerika regiert. Demokratie ist doch wirklich beeindruckend, sie überrascht uns mit den unbeständigen Entscheidungen der Menschen, die glauben, dass sie ihren Interessen dienen.

99,9 Prozent für den Präsidenten

Ich bin jetzt in meinen Vierzigern und habe noch nie an einer Wahl teilgenommen – kein einziges Mal. In Syrien halten wir alle sieben Jahre ein Referendum darüber ab, ob der Präsident weiterregieren soll oder nicht. Das Ergebnis lag immer bei 99,99 Prozent und zwar zugunsten des Machterhalts unseres brillanten Präsidenten. Seit 50 Jahren kennen wir nur zwei Präsidenten, Hafez al Assad und seinen Sohn Baschar. Der zerstörte Syrien mit Russlands und Irans Hilfe, um eine Volksrevolution zu zerschlagen, die 2011 seinen Abgang forderte.
Unsere Welt ist eine Welt, die von den Vereinigten Staaten beeinflusst wird – ob wir es wollen oder nicht. Deswegen und weil es ein Menschenrecht ist, fordere ich, dass an der Wahl des Präsidenten der Vereinigten Staaten alle Völker der Erde teilnehmen dürfen, insbesondere die Völker, die in ihren Ländern der Wahl beraubt werden. So könnten sie wenigstens ein einziges Mal in ihrem Leben die Freude an Demokratie und Wahlen schmecken. Dann müsste man aber auch den Slogan des letzten Präsidentschaftswahlkampfs im Weißen Haus ändern zu „Herr Präsident, machen Sie die Welt wieder großartig!“.

Aus dem Arabischen übersetzt von Karin el Minawi. Der Autor ist syrischer Journalist. Er kam vor fünf Jahren nach Berlin und arbeitet derzeit für die Nachrichtenplattform „Amal, Berlin!“ Dieser Text erscheint im Rahmen des Projekts "Stimmen des Exils" von Tagesspiegel und Körber-Stiftung. Der Tagesspiegel veröffentlicht seit 2016 regelmäßig Texte von Exiljournalist*innen unter dem Titel #jetztschreibenwir. Die Körber-Stiftung macht in ihrem Fokusthema „Neues Leben im Exil“ die journalistischen, künstlerischen, politischen oder wissenschaftlichen Aktivitäten exilierter Menschen in Deutschland sichtbar. Dafür kooperiert sie z.B. mit den Nachrichtenplattformen „Amal, Berlin!“ und „Amal, Hamburg!“ oder organisiert Fachveranstaltungen (Exile Media Forum).

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