Isa Can Artar lebt seit vier Jahren in Berlin. Er studiert Publizistik und Kommunikationswissenschaft an der FU Berlin. Foto: privat
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Stimmen des Exils Die Träume nicht aufgeben

Isa Can Artar musste die Türkei verlassen. Heute studiert er Publizistik in Berlin. Was Exil für ihn bedeutet, beschreibt er in diesem Text.

Ich habe früher nie gedacht, dass Berlin einmal mein Lebensmittelpunkt sein würde. Überhaupt dachte ich vor 2016 nicht, dass in der Türkei für mich die Gefahr bestehen könnte, wegen journalistischer Tätigkeit ins Gefängnis zu kommen. Nach dem Putschversuch im Juli 2016 war aber klar, dass dieser auf alle Einfluss haben würde. Ich war mir sicher, dass die Regierung, die angeblich „für die Demokratie“ kämpfte, nicht nur die Gülen-Bewegung auflösen wollte, sondern gegen die ganze Opposition, Linke, Kurden und Menschenrechtsverteidiger, vorgehen würde. Ab August 2016 konnten wir ganz ausdrücklich als „Terroristen“ bezeichnet werden. Erdogan sagte: „Zwischen Terroristen, die Waffen und Bomben tragen, und jenen, die ihre Position, ihren Stift oder ihren Titel den Terroristen zur Verfügung stellen, damit diese an ihr Ziel gelangen, besteht überhaupt kein Unterschied.“

Jemand hat uns denunziert


Ich arbeitete damals neben meinem Studium der Kunstgeschichte als Chefredakteur des Online-Nachrichtenportals „Siyasi Haber“ in Istanbul. Im Oktober 2016 wurde der Inhaber des Portals zur Polizei vorgeladen, weil irgendein Bürger uns denunziert hatte. Die Polizei hatte willkürlich Artikel und Fotos von dem Nachrichtenportal gesammelt und einen Prozess angestrengt. Als Beweis der Anklage war auch ein Foto dabei, das ich in Diyarbakir während der Ausgangssperre in den kurdischen Gebieten aufgenommen hatte. Auf dem Foto sieht man Leute mit einem Plakat, auf dem steht: „Das Massaker ist eine Tradition des Staates.“
Der Inhaber unseres Onlineportals bekam ein Ausreiseverbot und die Pflicht, jede Woche eine Unterschrift zu leisten, obwohl es juristisch gar nicht um ihn ging, sondern um mich. In diesem Moment erkannte ich, dass ich nicht mehr sicher war. Als ich dann selbst eine Vorladung zur Polizei erhielt, hatte ich die Türkei schon seit drei Monaten verlassen.

Am Anfang war es hart


So begann mein Leben im Exil – in Berlin, wo ich einen Asylantrag stellte und als Flüchtling anerkannt wurde. Selbst empfindet man diesen Status, Exil oder Asyl, nicht. Erst wenn man so bezeichnet wird, sein Hiersein rechtfertigen oder diese Identität bürokratisch nutzen muss, merkt man, dass man „im Exil“ ist!
Am Anfang war es hart für mich, dass ich die Landessprache nicht sprechen, nicht allein zum Amt gehen konnte. Ich wunderte mich, wie ich damals in der Türkei die Bürokratie beherrscht hatte. Dann kommt man nach Deutschland und fängt von Null an. Ich glaube, für uns Exiljournalist*innen ist das das Schwierigste: Vorher konntest du berichten und alle konnten es lesen, und dann kannst du noch nicht mal die „Tagesschau“ schauen, weil du kein Deutsch kannst. Das Leben musste aber weiterlaufen und dadurch musste man sich wieder weiterentwickeln. Außerdem muss ich immer noch meine Einstellung verteidigen, welche zu meinem Exil geführt hat. Das bedeutet Exil für mich.

Ich konnte nicht zur Beerdigung meines Vaters


Zu Beginn des Jahres 2017 konnte ich kein Deutsch und hatte auch keine perfekten Englischkenntnisse. Dank meiner ehemaligen Freundin, die Deutsche war, hatte ich schon vor meiner Abreise Informationen gesammelt, wie ich in Deutschland mein Leben neu aufbauen kann. Wenn es hier keine Förderung fürs Deutschlernen gäbe und ich deswegen meinen Traum, als Journalist zu arbeiten, hätte aufgeben müssen, wäre ich lieber in der Türkei geblieben und vielleicht ins Gefängnis gegangen. In einem Land wie der Türkei ist es eher vorstellbar als hier, dass man eine Gefängnisstrafe auf sich nimmt, gerade für die Opposition.
Im Jahr 2017 ist mein Vater in der Türkei gestorben und ich konnte nicht bei seiner Beerdigung sein. Menschen aus dem Nahen Osten wissen, wie wichtig uns diese Traditionen sind, dass die Familienangehörigen in der Zeremonie sein sollten. Mein Vater hätte sich das gewünscht. Nach vier Jahren in meinem Exil ist hart, dass ich nicht in die Türkei reisen kann, auch wenn es dringend ist. Aber jede Entscheidung hat Folgen. Man lernt, mit diesen Folgen zu leben.

Ein Erfolg des Sozialstaats


Mein Leben im Exil bedeutete zweieinhalb Jahre lang ein Leben bestehend aus Hartz IV, Praktika und Sprachkursen. Jetzt studiere ich in Berlin an der FU Publizistik und Kommunikationswissenschaft, so wie es immer mein Traum war. Ich spreche Deutsch und mein Englisch ist viel besser als vorher. Das ist kein Beweis von Talent, sondern ein Erfolg des Sozialstaats. Wenn Menschen, die selbst nicht die Mittel für Bildung haben, gefördert werden, können viele schaffen, was sie sich wünschen.

Dieser Text erscheint im Rahmen des Projekts "Stimmen des Exils" von Tagesspiegel und Körber-Stiftung. Der Tagesspiegel veröffentlicht seit 2016 regelmäßig Texte von Exiljournalist*innen unter dem Titel #jetztschreibenwir. Die Körber-Stiftung macht in ihrem Fokusthema „Neues Leben im Exil“ die journalistischen, künstlerischen, politischen oder wissenschaftlichen Aktivitäten exilierter Menschen in Deutschland sichtbar. Dafür kooperiert sie z.B. mit den Nachrichtenplattformen „Amal, Berlin!“ und „Amal, Hamburg!“ oder organisiert Fachveranstaltungen (Exile Media Forum).

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