Stimmen des Exils Auf die Bühne, Mädels!

Aora Helmzadeh

Freiheit kann man lernen: Über das Dilemma, in einer traditionellen Familie Demokratie leben zu wollen

Seit einigen Jahren arbeite ich in einem Theaterprojekt mit geflüchteten Kindern. Meine Aufgabe ist, die Theaterarbeit zu dokumentieren. So kam ich mit den Schwestern Bashireh und Bahareh in Kontakt, die kürzlich mit ihren Eltern aus Afghanistan geflohen waren. Immer wenn ich mich ans Filmen machte, sagten sie: „Bitte, film uns nicht! Unser Vater will das nicht. Wir dürfen nicht im Video auftauchen.“
Flucht bringt eine Familie in tausend Schwierigkeiten: Sie müssen bürokratische und sprachliche Hürden überwinden, sich um Schule, Wohnung, Aufenthalt kümmern. Und dann ist da noch die neue Gesellschaft: Kann man erwarten, dass sie von jetzt auf gleich den Schalter umlegen? Anders gefragt: Wie wird aus einer Familie aus Afghanistan, die von den strengen Sitten und der Religion dort geprägt ist, eine aufgeschlossene Familie, die ihre Kinder ermutigt, sich frei zu entfalten? Das geht nicht über Nacht und manchmal geht es gar nicht. Wie kann es sein, dass die Kinder hier eigentlich alle Freiheiten haben, sie aber nicht nutzen? Viele Frauen leben wie in einem Käfig. Diese Widersprüche zerreißen so manche Familie.

Leben im Käfig

Wenn die Kinder bei ihrer Ankunft in Deutschland noch klein sind, begegnen sie der neuen Gesellschaft mit Neugier. Sie wollen sich ausprobieren. Damit stellen sie ihre Familie auf die Probe. Die Mütter fragen sich, wie viel Freiraum sie ihren Kindern in der neuen Umgebung zu geben verpflichtet sind und was sie sich selbst erlauben können. Manche wollen rebellieren, aber haben Angst, ihre Familien zu zerstören. Das gilt besonders, wenn sie religiös sind und sich Gedanken über die Meinung der anderen machen.
Auch die Väter stehen vor Herausforderungen: Der traditionelle Vater ist es oft gewohnt, die Entscheidungen für alle zu treffen, aber in der neuen Umgebung sieht er seine Macht dahinschmelzen. Die Kinder sind nicht mehr gesetzlich verpflichtet, ihm zu gehorchen, und Körperstrafen sind nicht erlaubt. Er hat verschiedene Optionen: Entweder er demokratisiert die Familie und gibt Frau und Kindern Mitspracherecht oder er verschanzt sich voller Angst, errichtet einen Käfig, in dem er nach den strengen Regeln aus der Heimat in Deutschland weiterleben kann.

Freiheit heißt, Rechte einzufordern

Ich kenne eine Familie, in der der Vater es durchsetzt, dass die Mädchen Kopftuch tragen. Ich habe viel mit der 16-jährigen Tochter diskutiert: „Warum lässt du dich von deinem Vater dazu zwingen?“, frage ich sie. „Es bleibt mir nichts anderes übrig!“, so ihre Antwort. Es reicht also offensichtlich nicht, in einem demokratischen Land zu leben, man muss auch lernen, mit der Freiheit umzugehen. Freiheit hat einen Preis und dieser ist, dass man sich seiner Freiheitsrechte bewusst sein und mutig die Rechte einfordern muss. Demokratische Einstellung muss man lernen. Im privaten Bereich ist das oft besonders schwer. Bedeutet es doch: Man muss lernen, selbst frei zu sein und die Freiheit der anderen auszuhalten. Man muss für sich selbst und andere Verantwortung übernehmen, ohne sie einzuengen.

Wir haben es geschafft!

Für die Schwestern Bashireh und Bahareh im Theaterworkshop war es hart. Sie liebten die Schauspielerei, aber mussten die Bühne verlassen, wenn ich mit meiner Kamera kam. Sie konnten nur kleine Rollen übernehmen und mussten viel am Rand stehen. Sie verpassten so mehrere gute Chancen. Sie standen dort mit ihren ordentlichen Kopftüchern, die sie verteidigten, obwohl sie diese ganz offensichtlich nicht freiwillig trugen. Was für ein Dilemma!
Ein Jahr später kam ich wieder zum Theaterworkshop, um dort zu filmen. Ganz automatisch bat ich Bashireh und Bahareh, die Bühne zu verlassen. Da winkten sie nur ab: „Alles klar, das brauchen wir nicht mehr. Du kannst jetzt filmen. Wir haben es geschafft.“ Was für eine Freude – bei ihnen und auch bei mir. Zeigt es doch: Freiheit ist erreichbar, lernbar und praktizierbar. Sogar im komplizierten Kosmos traditioneller afghanischer Familien. Das macht Hoffnung.

Die Autorin, 31, ist vor fünf Jahren aus dem Iran gekommen. Dort hat sie als Journalistin und Filmemacherin gearbeitet. Sie ist Redakteurin bei „Amal, Berlin!“. Dieser Text erscheint im Rahmen des Projekts "Stimmen des Exils" von Tagesspiegel und Körber-Stiftung. Der Tagesspiegel veröffentlicht seit 2016 regelmäßig Texte von Exiljournalist*innen unter dem Titel #jetztschreibenwir. Die Körber-Stiftung macht in ihrem Fokusthema „Neues Leben im Exil“ die journalistischen, künstlerischen, politischen oder wissenschaftlichen Aktivitäten exilierter Menschen in Deutschland sichtbar. Dafür kooperiert sie z.B. mit den Nachrichtenplattformen „Amal, Berlin!“ und „Amal, Hamburg!“ oder organisiert Fachveranstaltungen (Exile Media Forum).

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