Diesen Schlüssel ließ der aus Königsberg geflüchtete Paul Rohrmoser bis zu seinem Tod in seiner Küche in Göttingen hängen. Foto: Thomas Bruns
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Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung Der lange Weg des Schlüssels

Das neue Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung in Berlin ist eröffnet. Als Teil der Bildungsarbeit werden Besucher hier auch direkt angesprochen.

Dem alten Schlüssel sieht man nicht an, woher er kommt. Es ist eben ein Schlüssel, der einen langen Weg hinter sich hat. Er stammt aus Königsberg, und die Tochter, die ihn dem Museum überlassen hat, verbindet eine Geschichte damit. Aber könnte er nicht auch aus Jaffa oder Aleppo stammen? Er könnte. Denn der Schlüssel öffnet im wahrsten Sinne die Herzen der Besucher, erschließt Geschichten, von 1945, 1948 und auch von 2015.

„Perspektivwechsel“ nennt das Daniel Ziemer, der mit Jenny Baumann die Bildungsarbeit im Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung verantwortet. Ein Objekt lasse sich aus verschiedenen Perspektiven betrachten, fordere zu Gesprächen heraus. Die Bildungsarbeit solle sich nicht auf Führungen und Workshops beschränken. Sie setze bereits in der ständigen Ausstellung ein, wo es immer wieder Objekte gebe, die einen Perspektivwechsel herausforderten, betont Ziemer. „Der Schlüssel ist eine universelle Erfahrung“, sagt Baumann. Und schon weitet sich der Horizont über den Schicksalen deutscher Geflüchteter und Vertriebener.

"Was würden Sie nicht zurücklassen?"

Zur Didaktik gehört auch, Besucher direkt anzusprechen. Im „Forum“ werden die Gäste des neuen Hauses eingeladen, sich über den Audioguide einzubringen. „Was bedeutet die Eröffnung des Dokumentationszentrums für Sie persönlich? Was würden Sie nicht zurücklassen? Worüber müssen wir sprechen?“ Gerade Klassen mit Schülern unterschiedlichster Herkunft können hier viel kommentieren. „Das Publikum ist Experte in eigener Sache, jeder bringt andere Erzählungen mit, wie etwa jemand aus Sarajevo“, sagt Ziemer. Mit Führungen für Schulklassen und einer Jugendgruppe von Karame e. V. haben Ziemer und Baumann schon vor der Eröffnung Erfahrungen gesammelt.

„Was hat das mit mir zu tun?“ ist auch so ein Satz, der zumindest zum Antworten aufruft. Der Eröffnungsworkshop „Wir und Ihr“ behandelt universelle Fragen von Ausgrenzung und Zuschreibungen. „Wie kann Vielfalt gelingen, was ist eine Minderheit und wieso?“ Das Haus bietet Geschichten an, lädt aber auch dazu ein, selbst welche zu erzählen. Zum Beispiel über den eigenen Fluchtweg, der dann in eine Weltkarte eingezeichnet wird.

Ab Juli beginnen die öffentlichen Führungen, die auch für Blinde und in Gebärdensprache angeboten werden. Daniel Ziemer: „Geschichtsbilder sind Konstrukte, sie laden ein, sie aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten, immer wieder.“

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