Neue Pfade. Eigentlich wollte Johannes Reck Hirnforscher werden, bald wird er Chef von 800 Mitarbeitern sein. Foto: Mike Wolff
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Start-up Getyourguide Zwei Berliner revolutionieren, wie wir reisen

Erlebnisse statt Souvenirs: Johannes Recks Start-up macht es Reisenden einfach, Aktivitäten zu buchen. Das ist Investoren 484 Millionen Euro wert.

Die Erfolgsgeschichte beginnt mit einem Fehler. Im Jahr 2007 reist Johannes Reck nach Peking. Der Züricher Student der Biochemie will an einer Konferenz teilnehmen, seinen Flug aber bucht der damals Anfang 20-Jährige für einen Tag früher als seine Kommilitonen – und ist allein in Chinas Hauptstadt völlig verloren. „Damals, vor den Olympischen Spielen, war alles nur in chinesischen Schriftzeichen ausgeschildert“, sagt Reck heute. „Ich habe es gerade noch ins Hotel geschafft.“ Er will die Stadt erkunden, Sightseeing machen, kann sich aber nicht verständlich machen, „das hat überhaupt nicht funktioniert“.

Einen Tag später kommt Recks Freund Tao Tao hinterher, er spricht fließend Mandarin und führt Reck durch die Stadt. Eine simple Idee entsteht: Wäre es nicht toll, wenn es eine Plattform gäbe, auf der ortskundige Menschen Touren für Reisende anbieten können?

Zwölf Jahre später ist aus der simplen Idee ein Unternehmen geworden, das gerade fast eine halbe Milliarde US-Dollar von asiatischen Investoren eingesammelt hat. Johannes Reck und Tao Tao wohnen längst in Berlin, sie sind die Chefs des Start-ups Getyourguide. Jetzt wollen sie noch schneller expandieren, klassische Touristik-Veranstalter angreifen, viel Geld verdienen.

Die Tourismusbranche steht unter Druck, verändert sich schnell, muss sich verändern angesichts von Menschenmassen in Innenstädten, von Rollkofferrudeln und von Saufgelagen genervten Anwohnern, Klimabelastungen durch Flugzeugemissionen. Getyourguides Geldgeber sind in dieser schwierigen Marktlage mit ihrer Investition eine große Wette eingegangen. Und Johannes Reck muss jetzt zeigen, ob sein Unternehmen auf dem umkämpften Markt besteht, ob es Teil der Lösung des Tourismusproblems sein kann. Oder es womöglich weiter verschärft.

"Abstrakt riesige Summen"

Zum Gespräch in der Zentrale von Getyourguide in Prenzlauer Berg kommt Johannes Reck – 34 Jahre alt, Bartstoppeln, braune Lederslipper, die Ärmel des weißblau-gestreiften Hemdes hochgekrempelt – eine halbe Stunde zu spät. Früher weg muss er sowieso, das hat er vorher schon angekündigt, Termine, Termine. Um das gewaltige Volumen der Investitionen, sagt Reck, mache er sich eigentlich nicht viele Gedanken. „Ob zehn Millionen, 20 Millionen oder 484 Millionen – das sind alles abstrakt riesige Summen“, sagt Reck. „Was ich beeinflussen kann, ist unsere Vision, unsere Strategie.“

Wenn alles nach Plan läuft, soll Getyourguide den Tourismus in zehn bis 20 Jahren revolutioniert haben. Reisende sollen dann mit ihrem Smartphone individuell auf sie zugeschnittene Erlebnisse buchen – überall auf der Welt, egal ob in New York oder Paris oder im Dschungel von Sumatra. Es fängt an zu regnen? Dann wird die Dampferfahrt auf der Spree schnell storniert und eine Führung durchs Pergamonmuseum gebucht.

Bequem aus der Hängematte, per Smartphone

Seit der Gründung im Jahr 2009 wurden mehr als 25 Millionen Aktivitäten auf Getyourguide gebucht. Das Geschäftsmodell: Die Anbieter von Stadtrundfahrten, Tauchgängen oder Kochkursen führen für jede Buchung eine Provision an das Unternehmen ab. Die entscheidende Neuerung: Individualreisen gab es schon früher, das Start-up bietet Touristen aber die Möglichkeit, ihre Pläne immer wieder spontan umzuwerfen, auf einer einzigen zentralen Plattform, bequem aus der Hängematte, per Smartphone, gerne auf Vorschlag eines Algorithmus. Auf der Webseite von Getyourguide kann man seine Reise aus mehr als 50.000 Aktivitäten zusammenstellen, buchbar in 40 Währungen und 22 Sprachen.

Die Zahl der Mitarbeiter soll in diesem Jahr von 500 auf 800 steigen. Foto: Mike Wolff Vergrößern
Die Zahl der Mitarbeiter soll in diesem Jahr von 500 auf 800 steigen. © Mike Wolff

Ähnlich international sind die jungen Menschen, die für Getyourguide arbeiten. In der Firmenzentrale schwitzen sie an diesem heißen Mittwoch Anfang Juni an ihren Schreibtischen vor sich hin, manche lümmeln in Sitzecken, den Laptop auf den Knien. Im Moment gibt es alle zwei Wochen eine Willkommensveranstaltung für die neuen Kollegen – für Programmierer, Marketingexperten oder Datenanalysten, Stellen sind für alle Abteilungen ausgeschrieben. Ende des Jahres sollen aus 500 Mitarbeitern 800 geworden sein. Der Umzug in das ehemalige Umspannwerk Ampere an der Sonnenburger Straße in Prenzlauer Berg ist für September geplant. Alle jene, die für den Job nach Berlin ziehen, sind ebenfalls Teil der 484-Millionen-Dollar-Wette.

Im bisherigen Büro liegen am Empfang Programmier-Handbücher und Reiseführer über Prag, Manhattan oder Berlin, ganz klassisch auf Papier. Daneben hölzerne Tiki-Masken und Buddha-Köpfe aus Stein, Biografien von Amazon-Gründer Jeff Bezos und Apple-Macher Steve Jobs. Die Besprechungsräume mit den Glaswänden, in denen Mitarbeiter per Videokonferenz mit Kollegen an anderen Standorten konferieren, tragen Namen wie „Eiffel Tower“ oder „Disneyland“.

"Unser Geschäftsmodell hat nicht funktioniert"

Ursprünglich war Getyourguide als soziales Netzwerk geplant, ein studentisches Projekt an der Uni Zürich, wo sich Reck an der Eidgenössischen Technischen Hochschule mit Hirnforschung, Lernen und Gedächtnis, Molekülen und Proteinen beschäftigte. In den ersten eineinhalb Jahren trugen sich rund 200 Studenten ein, die Führungen durch die Altstadt und über das Unigelände oder Snowboardtouren anboten. „Aber es gab nur eine Handvoll Buchungen“, sagt Reck. „Der Großteil von meiner Familie, die Mitleid hatte.“ Doch die Züricher Kantonalbank interessiert sich für das Konzept und investiert 175,000 Franken. „Es gab da nur ein kleines Problem“, sagt Reck. „Unser Geschäftsmodell hat nicht funktioniert. Wir mussten uns komplett umorientieren.“ Aus einem Spaßprojekt wird plötzlich betriebswirtschaftlicher Ernst.

Reck und seine drei Mitgründer verwerfen die Idee eines sozialen Netzwerks und entwickeln eine Buchungsplattform für professionelle Touristikanbieter, in nur sechs Monaten. 2011 zieht das Start-up nach Berlin.

„Was dann passiert ist, war etwas, womit wir gar nicht gerechnet hatten“, sagt Reck. „Der Siegeszug des Smartphones.“ Ende 2013 steigen die Zugriffszahlen auf der Homepage massiv an, Touristen wollen jetzt auf dem Smartphone Aktivitäten vor Ort buchen, ihre Reise nicht von zuhause planen. Getyourguide fordert Touren-Anbieter und Museen auf, Papiertickets abzuschaffen und Buchungen bis zur allerletzten Sekunde zu empfangen. „Wir wollen vollkommene Flexibilität, das muss alles ganz einfach sein.“

Reisende wollen keine Souvenirs mitbringen, sondern Erinnerungen

Wenn Johannes Reck von diesen Veränderungen spricht, die der Tourismus bereits durchschritten hat und die ihm noch bevorstehen, ist ihm seine Begeisterung anzumerken. „Das Erlebnis ist in den Mittelpunkt gerückt“, sagt er. Ein wichtiger Trend im internationalen Tourismus ist „experiential travel“, die Reisenden wollen keine Souvenirs mehr mit nach Hause bringen, sondern Erfahrungen, Erinnerungen. Nicht nur Getyourguide ist auf diesem Markt aktiv, auch Airbnb bietet zum Beispiel unter dem Namen „Airbnb experiences“ Aktivitäten an.

Am Gemeinschaftskühlschrank im Getyourguide-Büro hängen Grüße aus aller Welt. Foto: Mike Wolff Vergrößern
Am Gemeinschaftskühlschrank im Getyourguide-Büro hängen Grüße aus aller Welt. © Mike Wolff

Reck reist selbst leidenschaftlich gern, in europäische Großstädte, aber auch zum Tauchen nach West-Papua oder zum Wandern in die Anden. Er glaubt, für Millionen Menschen auf der ganzen Welt sprechen zu können, wenn er sagt, dass seine Generation immer erlebnisorientierter und personalisierter reisen möchte: „Wir wollen nicht 100 Hotels angucken müssen. Wir wollen inspiriert werden, aber mit maßgeschneiderten Angeboten.“ Reisebüros? Pauschalangebote? In dieser Vision gestrig.

Die Entwicklung der Reiseindustrie will Getyourguide mitbestimmen. Dafür sammelt das Unternehmen auch die Daten seiner Kunden – Reck spricht von „user experience, machine learning, künstlicher Intelligenz“. Den Reisenden sollen genau jene Erlebnisse angeboten werden, die sie tatsächlich interessieren.

Ein Erlebnis soll produziert werden

Dafür müssen allerdings auch die Anbieter den Schritt in die digitale Welt machen, die Kneipe in Kreuzberg genauso wie die Anbieter von Paddeltouren im australischen Outback. „Die müssen alle online gebracht werden, die müssen alle online in Echtzeit verfügbar sein“, sagt Reck. „Das ist noch ein weiter Weg.“

Am Ende dieses Weges soll eine grundlegende Veränderung touristischer Angebote stehen. „Wir lernen genau: Was mag der Kunde? Was sind gute Angebote? Was sind schlechte Angebote?“, sagt Reck. „Basierend auf diesen Kundenpräferenzen können wir anfangen, das Erlebnis selber neu zu produzieren.“

Wie das konkret aussehen könnte, erklärt Reck an einem Beispiel. Ein chinesisches Paar Anfang 30 möchte erstmals Europa bereisen, ein Kurztrip, die Highlights des Kontinents in einer Woche. „Der status quo sieht so aus: Das Paar bucht eine Pauschalreise, die für alle Chinesen genau gleich ist, egal ob 30 oder 60 Jahre alt“, sagt Reck. „Nicht verhandelbar, Massenrestaurants, null personalisiert, aus dem Katalog, nicht mobil verfügbar.“

Auf den Eiffelturm, in die Brasserie, "ganz authentisch"

Die Getyourguide-Version dieser Reise soll anders aussehen. Das Paar ruft in der Heimat die App auf, automatisch werden ihm Aktivitäten für junge chinesische Paare, die zum ersten Mal nach Europa kommen, angeboten. Anhand bereits zuvor gebuchter Touren schlägt der Algorithmus weitere vor. Neben Standards wie dem Besuch des Eiffelturms ohne Schlangestehen vielleicht auch eine Tischreservierung in einer kleinen Brasserie oder die speziell auf chinesische Kunden zugeschnittene Louvre-Führung, „ganz authentisch“, wie Reck sagt.

Die Webseite von Getyourguide bietet 22 Sprachen an, auch die Angestellten sind international. Foto: Mike Wolff Vergrößern
Die Webseite von Getyourguide bietet 22 Sprachen an, auch die Angestellten sind international. © Mike Wolff

Aber wie authentisch können Reisen noch sein in einer Zeit, in der die immergleichen Sehenswürdigkeiten per Smartphone und Selfiestick festgehalten und im Internet geteilt werden müssen? Wird Getyourguide nicht noch mehr Menschen in Europas überfüllte Innenstädte locken? Dafür sorgen, dass noch mehr Kerosin in die Atmosphäre gepustet wird?

„Wir müssen uns damit abfinden, dass die Touristenströme in Europa weiter zunehmen werden. Man kann das gut oder schlecht finden, das ist einfach die Realität“, sagt Johannes Reck. „Es ist aber auch unsere Aufgabe, die Touristenströme deutlich intelligenter zu leiten.“ Berlin gehe es im Vergleich mit Amsterdam oder Venedig zwar noch recht gut, „aber wir müssen es schaffen, dass es auch bei uns nirgendwo diese überfüllten Punkte gibt, die die Anwohner mit Müll und Dreck und Lärm und Overcrowding nerven“. Und was die Emissionen angeht, da könnten die maßgeschneiderten Reiseerlebnisse auch Zugfahrten statt Flüge einplanen.

Lange Schlangen sind schlecht fürs Geschäft

Wenn er Touristen sieht, die vor Sehenswürdigkeiten in endlosen Schlangen stehen, ärgert sich Reck. Weil sich auch die Anwohner über das Gedränge ärgern. Und weil es schlecht fürs Geschäft ist, wenn Reisende schlechte Erfahrungen machen und im Internet negative Bewertungen abgeben.

Warum, fragt Reck, sollen alle Berlin-Besucher immer nur ins Pergamonmuseum gehen? Die Berggruen-Collection – „eine wirklich fantastische Kunstsammlung“ – sei kaum bekannt. Noch mehr schwärmt Reck für das Humboldt-Forum im neuen Berliner Stadtschloss, in dessen Kuratorium er sitzt. Das Schloss, sagt Reck, werde eines der Herzstücke der Stadt werden. Und die touristische Hauptachse zwischen Brandenburger Tor und Alexanderplatz vervollständigen. Auf die Frage, ob er sich als Berliner, Europäer oder als Weltbürger sehe, antwortet der gebürtige Rheinländer grinsend mit einer Gegenfrage: „Welcher Berliner fühlt sich denn nicht als Weltbürger?“

Wenn Johannes Reck reist, wird er gerne zu seinem eigenen Kunden. „Letzten Sommer, erzählt er, „war ich mit Freunden in der Toskana und habe sie gezwungen, Getyourguide-Touren in den Uffizien und im Dom mitzumachen, als Tester“. Sein persönliches Highlight aber sei eine Tour durch das Montepulciano-Weingebiet gewesen, auf E-Bikes. Auch nach mehreren Weinproben hätten seine Freunde und er an steilen Anstiegen Rennradfahrer überholt. „Gut fürs Ego“, sagt Reck und lacht.

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