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Kapitän Fritz Walter (M., oben) nach dem Triumph im WM-Finale 1954. Foto: picture alliance/dpa
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Zum 100. Geburtstag Fritz Walter – der Jahrhundertspieler

Er war talentiert wie kein anderer. Doch seine wahre Leistung war eine ganz andere. Jetzt wäre Fritz Walter 100 Jahre alt geworden. Eine Würdigung.

Wer noch daran gezweifelt hat, dass Fußball so viel mehr ist als ein Spiel, der muss sich nur die Geschichte von Fritz Walter anschauen. Nicht jene vom wundersamen Weltmeistertitel 1954, zu dem er die Deutschen führte, die kennt ja selbst heute noch jedes Kind. Fritz Walter hat ein viel wichtigeres Spiel bestritten – das Spiel seines Lebens, wie er es nannte.

Neun Jahre zuvor fand es statt. Als junger geschwächter Mann wartete er da, der Krieg war vorbei, in einem Gefangenlager der Roten Armee im rumänischen Marmaroschsiget auf seinen Abtransport nach Sibirien. Die Wachleute kickten, und als der Ball dem Gefangenen Fritz Walter vor die Füße rollte, machte der einfach mit. Und wie! Es dauerte nicht lange, bis die Männer herausfanden, mit wem sie es zu tun hatten und berichteten dem fußballbegeisterten Lagerkommandanten davon.

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Ein paar Wochen später landete Fritz Walter nicht in Sibirien, sondern daheim in Kaiserslautern.

So ist die Geschichte überliefert, und eine passendere könnte es nicht geben, wenn man über Fritz Walter erzählen will. Denn für ihn gilt: Egal, wer von den alten Zeiten spricht oder wen man fragt, aus jedem spricht höchste Verehrung; nicht ein negatives Wort. Es ist ein Faszinosum – weil er eines ist. Franz Beckenbauer, der diesen Titel für sich beanspruchen könnte, sieht in Fritz Walter den wichtigsten deutschen Spieler des letzten Jahrhunderts.

Der frühere Weltmeister und Bundestrainer Rudi Völler sagte einmal: „Mein Vater hat in Tönen von ihm gesprochen, die wird kein Nationalspieler in den nächsten 100 oder 1000 Jahren erreichen.“ Und Nationalmannschafts-Rekordtorschütze Miroslav Klose hat Fritz Walter als sein „größtes Vorbild“ bezeichnet, obwohl er ihn nie aktiv auf dem Platz erlebte.

Der Krieg nahm ihm die besten Fußballerjahre

Wahrscheinlich ist die Bewunderung auch deshalb so groß, weil ein Typ wie Fritz Walter im heutigen durchgestylten Fußballgeschäft in vielerlei Hinsicht kaum noch denkbar wäre. Fritz Walter hat sein ganzes Leben lang immer nur für den einen Verein gespielt. Schon mit acht Jahren soll er der Schülermannschaft des 1. FC Kaiserslautern beigetreten sein, nachdem er vorher auf der Straße mit allem gespielt hat, das sich irgendwie als Ball eignete.

Im Alter von 17 schaffte er es dank einer Sondergenehmigung in die erste Mannschaft und mit gerade einmal 19 wurde er Nationalspieler. Der Krieg hatte gerade begonnen. 24 Mal spielte er noch für das Team, ehe der Kampf an anderen Fronten wichtiger wurde als jedes Spiel.

Die besten Jahre eines Fußballerlebens wurden Fritz Walter genommen, auch wenn er das vielleicht gar nicht so gesehen hat. Für ihn ist seine Karriere und das, was die anderen daraus gemacht haben, immer ein Rätsel geblieben. „Ich bin doch nicht prominent, nur weil ich den Ball geradeaus treten kann“, soll er gesagt haben.



Das schätzten im Übrigen alle Zeitgenossen an ihm: wie bodenständig und übertrieben bescheiden dieser Mann war, dessen herausragendes Talent gar nicht übersehen werden konnte; nicht mal im Gefangengenlager. Nach dem Kick mit der Lagerpolizei kam Fritz Walter zurück in seine Heimatstadt – und ist nie wieder weggegangen.

Dabei hätte er oft wechseln und woanders jede Menge mehr Geld verdienen können, die Topklubs rissen sich um ihn. Klar, schließlich führte er seine Lauterer mit taktischer Finesse, seiner Athletik und der Wandlungsfähigkeit – er war bis auf die Torwartposition praktisch überall zu finden – wieder nach vorne. Doch er wäre sich wie ein Verräter vorgekommen, wenn er seinen Verein verlassen hätte, er sei doch dort mit seinen Kameraden aufgewachsen, sagte Fritz Walter. Und sagt das nicht so viel über ihn?


„Der eigentliche Gründerväter der Bundesrepublik Deutschland“


Sein Gespür für das große Ganze und den Teamgeist bewunderte auch Bundestrainer Sepp Herberger, der für ihn viel mehr war als nur ein Coach. Ratgeber, Freund, Vater-Figur. Auf dem Platz verkörperte Fritz Walter das, was sich Sepp Herberger vorher in der Theorie ausgedacht hatte. Der Kapitän dirigierte und taktierte die deutsche Auswahl, und die anderen ließen es zu, weil sie von ihm überzeugt waren. „Der Fritz hat im kleinen Zeh mehr Gefühl, als wir in beiden Füßen“, gab sein Kollege Max Morlock zum Besten.

So war das auch bei der wundersamen Weltmeisterschaft 1954 in der Schweiz, wo dem deutschen Team der Beiname Walter-Elf verpasst wurde und alle nur von Fritz-Walter-Wetter sprachen, wenn es regnete – was so gar nicht im Sinne des Namensgebers war. „Ich will nicht, dass so viel von mir gesprochen wird“ sagte der. „Denn mit elf Fritz Walters in einer Mannschaft würden wir nicht gewinnen.“

Aber die Deutschen haben eben auch dank eines Fritz Walter diesen Titel 1954 nach einem filmreifen Finale in Bern geholt. Wie das die Menschen im Land verändert hat, vermag sich heute kaum noch jemand vorzustellen. Der sportliche Aufstieg war das eine, viel mehr hat diese Mannschaft allerdings noch für den gesellschaftspolitischen Neuanfang getan.

Eine Bronzefigur von Fritz Walter steht vor dem nach ihm benannten Stadion in Kaiserslautern. Foto: Uwe Anspach/dpa Vergrößern
Eine Bronzefigur von Fritz Walter steht vor dem nach ihm benannten Stadion in Kaiserslautern. © Uwe Anspach/dpa


Da braucht man nur Menschen fragen, die dabei waren. Alt-Kanzler Helmut Kohl bescheinigte Fritz Walter zum Beispiel, „an der Geschichtsgestaltung nach 1945 sichtbar mitgewirkt“ zu haben. Und der Publizist Joachim Fest hat Fritz Walter als einen der „eigentlichen Gründerväter der Bundesrepublik Deutschland“ bezeichnet.

Dass der so hoch Gelobte dennoch nicht das WM-Finale zu seinem wichtigsten Spiel ernannt hat, sondern jenes direkt nach Kriegsende, spricht für sich. Und es fügt sich in das Bild, das seine Weggefährten von Fritz Walter zeichneten. So ist auch übermittelt, dass seine Bescheidenheit mit einer Sensibilität einherging, die für sein Umfeld ungewöhnlich war.

Er galt als besonders sensibel

Darüber gibt es zig Anekdoten. Wie er sich vor Spielen immer wieder übergeben musste. Wie er sich nach heftigen Niederlagen tagelang verschanzte. Wie er als Zuschauer nach seiner aktiven Karriere vor lauter Nervosität den Betzenberg in Kaiserslautern schon während der Halbzeit verließ.

Und dann waren die Zweifel, von denen seine Kollegen berichteten. Der schlimmste Kritiker von Fritz Walter muss Fritz Walter gewesen sein. Er, der große Star, macht sich kleiner als er war. Nicht nur, weil er jegliche Heldenverehrung bis zuletzt verachtet hat, sondern auch, weil er mit dem Druck damals schon schlecht umgehen konnte. Sämtliche Trainerjobs soll er später abgelehnt haben mit der Begründung, dass er für die Branche zu verletzlich sei, was automatisch die Frage aufwirft, ob so einer im heutigen Fußballzirkus klarkommen würde?

Sepp Herberger war für Fritz Walter viel mehr als nur Trainer. Foto: imago images/Horstmüller Vergrößern
Sepp Herberger war für Fritz Walter viel mehr als nur Trainer. © imago images/Horstmüller


Zwar konnte ihn Sepp Herberger überreden, im hohen Fußballeralter von 37 Jahren bei der Weltmeisterschaft 1958 in Schweden noch einmal ein Comeback im Nationalteam zu geben, doch dann war nach 61 Länderspielen endgültig Schluss. Als der Bundestrainer ihn vier Jahre später erneut anflehte, lehnte Fritz Walter ab, obwohl ihm einige sehr wohl zutrauten, dass er athletisch noch mithalten könnte.

Nach seinem letzten Spiel für den 1. FC Kaiserslautern blieb er im Herzen, natürlich, für immer Lauterer und kam regelmäßig ins Stadion, das letztlich auch nach ihm benannt wurde. Und er blieb quasi der ewige Kapitän der 54er Mannschaft, indem er seine Kameraden von damals jährlich zu Treffen zusammentrommelte – solange sie lebten. Seine letzte große sportliche Tat vollbrachte er kurz vor seinem Tod mit 81 Jahren: Er machte Kaiserslautern zum WM-Spielort 2006.

„Fritz ist ein einfacher, lieber Mensch geblieben“

Abseits des Fußballplatzes machte er Zeit seines Lebens nichts anders, als man es von ihm kannte. „Fritz Walter hat nie die Bodenhaftung verloren, sondern ist immer ein einfacher, lieber Mensch geblieben“, sagte Rudi Völler. Skandale im Hause Walter? Gab es offenbar tatsächlich nicht. Sehr wohl aber mehrere hundert Besuche in Gefängnissen bei Menschen, die es im Leben nicht so gut traf wie ihn.

Er soll jungen Insassen davon erzählt haben, welche Chancen der Sport bietet, um wieder Anschluss an die Gesellschaft zu finden. Also auch von seiner eigenen Geschichte aus Rumänien im Gefangenenlager kurz nach dem Kriegsende. Das ist, was im Fall von Fritz Walter viel heißen will, vielleicht noch eine größere Leistung als die auf dem Fußballfeld.


Der Text ist im Buch „Hall of Fame: Die größten deutschen Fußballspieler“ erschienen. Die Autorin ist Mitglied der Jury für die Wahl der Hall of Fame des Deutschen Fußballs. Die Ruhmeshalle befindet sich im Fußballmuseum Dortmund.

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