Willmanns Kolumne aus Sao Paulo Es wird keine WM 2014 geben
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In Sao Paulo - Militärpolizei an allen Ecken


In der Stadt Militärpolizei an allen Ecken. Etwas abseits, beobachtend. Die WM beginnt in einer Woche. Davon ist in der Stadt nichts zu sehen. Fußballtouristen - Fehlanzeige. Keine trunkenen Engländer, keine lachenden Italiener, keine böse guckenden Deutschen, keine wuselnden Japaner. Sao Paulos größte Sehenswürdigkeit ist das Sanduíche de mortadela. Die Wurstschicht ist dicker als das Brötchen selbst und besteht aus schätzungsweise zwanzig Lagen. Zwischendrin tummelt sich Käse. Wie mein Freund Uli zu sagen pflegt: wer dieses Brötchen isst, muss sofort zum Arzt.
Sao Paulo hat auch nicht viel touristisch Sehenswertes zu bieten. So weit das Auge schaut, Neubauten und Straßen. Mit versperrten Eingängen und Wachpersonal. Um sich vor Überfällen zu schützen. Die große Kathedrale stammt aus den Fünfzigern. Die davor war zu klein, also musste eine neue her. Das ist der allgemeine Umgang mit Nutzgebäuden. Denkmalschutz ist eine nette Erfindung reicher Länder. Die Fußballstadien sind vielleicht die wahren Kathedralen. Das neue Stadion von Palmeiras entsteht seit drei Jahren. Oder waren es vier? Die Stadionbaustelle weckt das Heimweh nach unseren heimischen Berliner Baustellen.

Fußball No! Der Protest ist der des gesunden Menschenverstandes. Die große Mehrheit der Brasilianer ist gegen die Weltmeisterschaft. Wer will es ihnen verdenken? Das Schulsystem am Boden, die Politik korrupt. Es gibt zu wenig Krankenhäuser. In den meisten Favelas kennt man Leitungswasser oder Abwassersysteme nur aus dem Fernsehen. Einige wenige Menschen mit viel Geld bestimmen über die große Mehrheit mit wenig bis keinem Geld. Die Brasilianer sagen, die Banken und die Stadt würden seit gestern umsonst Fähnchen verteilen. Als ich aus dem Fußballmuseum zurück ins Hotel komme, hängt über der Rezeption plötzlich eine Girlande

Es gibt keine geschlossene Front gegen die WM, nur eine breite, gepflegte Ablehnung.

Bei der WM 1950 erlebte Brasilien sein nationales Fußballtrauma

Der Paulista Joao sagt, gegen die Bösartigkeit und Geldgeilheit unserer höchstens Fußballfunktionäre ist dein DFB ein harmloser Kaninchenzüchterverein. Wer in Brasilien als Funktionär mit dem Fußball zu tun hat, benötigt solide kriminelle Energie. Joaos einzige Frage zum deutschen Fußball lautet: Trägt euer Trainer ein Toupet?

Großartig das Fußballmuseum im Estádio do Pacaembu. Eingebaut unter die Ränge, beweist es die unheimliche Präsenz des Fußballs im Alltag der Brasilianer. Fußball findet heute in Brasilien vor dem Fernseher statt.
1950 erlebte Brasilien sein nationales Fußballtrauma. Auch eine WM im eigenen Land. Finale Brasilien gegen Uruguay. Als die Urus den WM-Pokal entführten und den Dolch tief in die Brust Brasiliens stießen. Daran erinnert im Museum ein dunkler Schmerzensraum. In Zeitlupe stottern die bewegten Bilder über eine Leinwand. Gespenstische Musik, auf ein Lachen steht die Todesstrafe.

Das Gegenteil von Volkssport. Am 12. Juni soll des Teufels General nach Sao Paulo kommen. Sepp Blatter, der schwarze Engel des Mammons. Das Fell des Bären wartet auf seine Verteilung.
Fußball kann man auch mit einer Cola-Dose spielen. Blatter rechnet mit Protesten. Der Regenwald schrumpft. Sao Paulo ist schon wieder drei Meter fetter. Schwupps, nochmal vier. Am 13. Juli wird Brasilien vielleicht Weltmeister sein. Auf den Straßen singen die Demonstranten jeden Tag „Nao vai ter Copa do Mundo no Brasil!“ (Es wird keine WM in Brasilien geben).

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