Genießer. Uli Hoeneß weiß, wie er seine Erfolge feiert. Foto: Alexander Hassenstein/Reuters
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Wie Hoeneß mich vor Rummenigge schützte Eine persönliche Erinnerung an den Bayern-Präsidenten

Uli Hoeneß wird sich beim FC Bayern zurückziehen. Unser Reporter erinnert sich an Interviews in Hoeneß' Büro, Gebrüll im Olympiastadion und einen Spaßkick.

Das längste, intensivste und wohl auch in großen Teilen ehrlichste Gespräch führten wir vor einigen Jahren auf einem Golfplatz in der Nähe von München. Uli Hoeneß sprach und sprach und sprach, im Golfauto, zwischen den Schlägen, und dann fand er zwischendurch noch Zeit, immer auf sein Handy zu schauen und einem Gesprächspartner am anderen Ende des Handys knappe Order zu erteilen: „Kaufen!“ oder „Verkaufen!“.

Wahrscheinlich wurde Uli Hoeneß am Ende der Golfrunde um etliche Zehntausender reicher. Weil er das gewonnene Geld nicht anständig versteuerte, musste er später in den Knast.

Alljährlich, immer dann, wenn die Fußballspieler des FC Bayern München ihre Herbstkrise nehmen, wird kolportiert, dass eine Ära zu Ende geht, die Ära des FC Bayern München, des erfolgreichsten und renommiertesten Klubs Deutschlands und vielleicht auch Europas und der Welt. Nach der Krise sind sie dann doch wieder Deutscher Meister geworden.

Aber nun geht wirklich eine Ära zu Ende. Die des FC Hoeneß München. Und die Frage, die sich stellt, liegt natürlich auf der Hand: Ist der FC Bayern ohne Uli Hoeneß, den gebürtigen Schwaben, überhaupt denkbar?

Zum Schwaben und den Klischees: Das Gespräch nach der Golfrunde endete in einem Restaurant. Hoeneß bestand darauf, den Gesprächspartner einzuladen, was einem Journalisten eigentlich strengstens untersagt ist. „Dann ziehe ich eben alle meine Äußerungen zurück“, sagte Hoeneß lachend, der Journalist begnügte sich mit einer Suppe.

Aus und vorbei. Uli Hoeneß tritt am Freitag als Präsident des FC Bayern ab. Foto: Swen Pförtner/dpa Vergrößern
Aus und vorbei. Uli Hoeneß tritt am Freitag als Präsident des FC Bayern ab. © Swen Pförtner/dpa

Das Klischee mit dem geizigen Schwaben wird auch in der Familie Hoeneß widerlegt. Es gibt einen renommierten Fotografen, der nach einer Trennung in arge finanzielle Schwierigkeiten geraten war. Frau Susi Hoeneß übergab ihm einen Blanko-Scheck, den der Fotograf üppig einlöste, aber  nie zurückzahlte. Kein Wort darüber im Hause Hoeneß.

Was ist nicht alles über Uli Hoeneß berichtet worden? Er sei eiskalt! Emotionslos, nur auf seinen Vorteil bedacht! Der Reporter kennt Hoeneß seit über dreißig Jahren, eine der ersten Begegnungen fand in den Katakomben des Münchner Olympiastadions statt, nachdem der Reporter als Volontär der „Süddeutschen Zeitung“ einen reichlich ironischen Artikel über die Verpflichtung von Jürgen Wegmann publiziert hatte. Die Begegnung war keine Begegnung, sondern ein einseitiges Gebrüll. Emotionslos?

"Scheiße, ich hätte lieber verloren"

Ein anderes Mal in Moskau, nach einem gewonnenen Spiel des FC Bayern, da gestand der nur auf seinen Vorteil bedachte Uli Hoeneß dem Reporter unter vier Augen: „Scheiße, ich hätte lieber verloren, aber jetzt stehen wir im Halbfinale, da können wir den Rehhagel doch nicht rauswerfen.“

Otto Rehhagel hatte sich damals mit der kompletten Mannschaft, dem gesamten Verein und der Journaille überworfen. Zwei weitere Niederlagen später waren dann die Möglichkeiten da, den unbeliebten Trainer los zu werden.

Servus. So sieht das aus, wenn Uli Hoeneß an der Säbener Straße das Abschlusstraining der Bayern verfolgt. Foto: Sven Hoppe/dpa Vergrößern
Servus. So sieht das aus, wenn Uli Hoeneß an der Säbener Straße das Abschlusstraining der Bayern verfolgt. © Sven Hoppe/dpa

Etwa 100, 200, 300 Mal hat der Reporter in Hoeneß‘ Büro auf der Säbener Straße gesessen. Auch als Karl-Heinz Rummenigge längst Hausverbot ausgesprochen hatte nach einem kritischen Artikel über „Killer-Kalle“. „War schon hart“, raunte Hoeneß dem Reporter auf dem Gang zum Olympiastadion zu, „aber in allen Punkten richtig.“

Und als „Killer-Kalle“ den Reporter einmal im Bürotrakt des FC Bayern auf dem Weg zu Hoeneß‘ Büro sah, schnauzte er durch den Gang: „Sie haben hier Hausverbot.“ Da kam Hoeneß aus seinem Zimmer geschossen: „Kalle, mach hier nicht so eine Welle, lass uns in Ruhe.“

Die Gespräche waren streitsüchtig, intensiv, meistens ehrlich, „dazu kann ich jetzt nichts sagen, ich möchte Sie nicht anlügen“, und immer wieder unterbrochen vom Gang zum Fenster, weil Uli Hoeneß einen Blick auf den trainierenden FC Bayern, seinen FC Bayern werfen wollte. Sein Werk.

Erst reden, dann denken, dann korrigieren

Das hat der begnadete Fußballer (na ja, nehmen wir mal seinen verschossenen Elfmeter im Finale der Europameisterschaft 1976 gegen die Tschechoslowakei aus) im Jahre 1979 begonnen. Seine Rache am Reporter nahm er dann tatsächlich auf dem Platz. In einem Spaßspiel der Münchner Journalistenschar gegen die alten Herren des FC Bayern stand der Reporter, immerhin gelernter Wasserballtorwart im Tor, Hoeneß schoss fünfmal aufs Tor. Das waren fünf Treffer.

Eine Ära geht zu Ende. Uli Hoeneß war und ist der FC Bayern. Er hat Fehler gemacht in den vergangenen Jahren. Nicht nur bei der Steuererklärung. Ich habe gebrochen mit ihm, als er, der absolute Nicht-Rassist, sich rassistisch gegenüber Mesut Özil geäußert hat.

Unbedacht, wie er immer reagierte. Erst reden, dann denken, dann korrigieren. Damals, nach dem Gebrüll wegen Wegmann, saß er am nächsten Tag wie gewohnt im Büro, empfing den Reporter wie gewohnt freundlich und herzlich: „Jetzt warten Sie doch mal ab, wie der Wegmann einschlägt.“

Straftäter. 2014 betritt Uli Hoeneß den Gerichtssaal in München. Foto: Christof Stache/dpa Vergrößern
Straftäter. 2014 betritt Uli Hoeneß den Gerichtssaal in München. © Christof Stache/dpa

Womöglich ist Hoeneß müde geworden, wie wir alle müde werden im zunehmenden Alter. Zu glauben ist das nicht. Vielleicht ist er auch noch immer gekränkt von den Buh-Rufen bei der Mitgliederversammlung im vergangenen Jahr. "Das trifft mich sehr", sagte er damals. Warum auch immer er nun aufhört, eins ist gewiss: Schön, schön war die Zeit.

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