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Lia Thomas könnte aufgrund der neuen Regularien zukünftig nicht an den Wettbewerben der Frauen teilnehmen. Foto: IMAGO/Icon SMI
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Weltverband beschließt neue Regularien Trans Schwimmerinnen werden von Wettbewerben der Frauen ausgeschlossen

Die Fina hat die Regeln für trans Frauen beim Schwimmen verschärft. Zukünftig soll es eine "offene Kategorie" geben. Der Bundesverband Trans* kritisiert das.

Kaum ein Sieg ist so umstritten wie dieser: Als erste trans Athletin hat die Schwimmerin Lia Thomas in diesem Jahr einen Titel in der höchsten Kategorie der National Collegiate Athletic Association (NCAA) gewonnen und damit Geschichte geschrieben.

Doch der Erfolg der US-Amerikanerin wurde schnell zum Politikum. Ihr wurden unfaire Vorteile und Betrug vorgeworfen, Floridas Gouverneur Ron DeSantis behauptete sogar, sie würde die Frauenkategorie zerstören – offenbar mit Erfolg.

Denn nun hat auch der Weltschwimmverband (Fina) Konsequenzen gezogen und am Sonntag eine entsprechende Regelung verkündet: Demnach dürfen trans Frauen nur noch bei den Frauen antreten, wenn sie geschlechtsangleichende Maßnahmen bis zum Alter von zwölf Jahren abgeschlossen haben. Konkret heißt es in dem 24-seitigen Beschluss, dass trans Frauen nur dann berechtigt seien, bei Wettkämpfen in der Frauenkategorie anzutreten, wenn „sie zur Zufriedenheit der Fina nachweisen können, dass sie keinen Teil der männlichen Pubertät über das Tanner-Stadium 2 hinaus oder vor dem 12 Lebensjahr, je nachdem was später eintritt,“ erlebt haben.

Ab dann muss ihr Testosteronspiegel kontinuierlich unter 2,5 nmol/L gehalten worden sein, denn selbst eine „unbeabsichtigte Abweichung“ von diesen Werten kann rückwirkend zur Disqualifikation oder Sperre führen.

Der Beschluss wurde am vergangenen Wochenende mit 71 % der Stimmen von 152 nationalen Verbänden bei den Weltmeisterschaften in Budapest angenommen. Fina-Präsident Husain al-Musallam sagte: „Wir müssen das Recht unserer Athleten auf Teilnahme an Wettkämpfen schützen, aber wir müssen auch die Wettbewerbsfairness bei unseren Veranstaltungen wahren, insbesondere in der Kategorie der Frauen bei Fina-Wettbewerben.“

Neben der neuen Regelung soll zukünftig eine Arbeitsgruppe eingesetzt werden, die sich um eine „offene Kategorie“ kümmert für Personen, die „nicht die Kriterien für die Männer- oder die Frauen-Kategorie erfüllen“.

Faktisch werden trans Frauen von Wettbewerben ausgeschlossen

In den sozialen Medien entbrannte nach Veröffentlichung der Regelung eine hitzige Debatte: Ex-Olympiasiegerin Nancy Hogshead-Makar, die bereits in den vergangenen Monaten von „unfairen Vorteilen“ gesprochen hatte, befürwortete die Entscheidung und auch die ehemalige britische Schwimmerin Sharron Davies schrieb auf Twitter: „Ich kann gar nicht sagen, wie stolz ich auf meinen Sport, die Fina und den Fina-Präsidenten bin, weil sie Wissenschaft betreiben, die Athleten und Trainer befragen und sich für einen fairen Sport für Frauen einsetzen.“

Kalle Hümpfner vom Bundesverband Trans* hingegen kritisiert den Beschluss: „Die neue Regelung baut großen Druck auf junge trans Mädchen auf. Sie müssen schon früh Entscheidungen treffen, wenn sie in den professionellen Leistungssport einsteigen möchten.“ Es sei unrealistisch, vor Vollendung des 12. Lebensjahres eine medizinische Transition vollständig abzuschließen. „In Deutschland werden in diesem Alter keine Operationen bei trans Jugendlichen im Genitalbereich durchgeführt; das ist eine Phase, in der Maßnahmen wie Pubertätsblocker oder Hormontherapie im Vordergrund stehen.“

Und selbst in diesem Bereich sind die Hürden sehr groß, sodass nur wenige Jugendliche Zugang haben. Insgesamt bedeuten die neuen Regeln also, dass trans Frauen faktisch zukünftig von vielen wichtigen Schwimmwettbewerben ausgeschlossen sind.

Hümpfner sagt, überhaupt sollte jede Person im eigenen Tempo entscheiden, welche geschlechtsangleichenden Maßnahmen umgesetzt werden sollen. „Es ist nicht nötig, dass trans Frauen oder Mädchen alle aktuell möglichen Operationen durchführen, um als weiblich anerkannt zu sein.“

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Dem internationalen Trend widerspricht die Regelung eher: So hat das Internationale Olympische Komitee zu Beginn des Jahres einen neuen Regelrahmen vorgelegt, nach dem es kein einheitliches Testosteronlevel mehr gibt, das trans Athlet*innen unterschreiten müssen, um zu Wettkämpfen zugelassen zu werden. Der Leichtathletik-Weltverband wiederum schreibt vor, dass Athletinnen einen Testosteronwert im Blut von fünf Nanomol pro Liter Blut nicht überschreiten dürfen. Im Vergleich dazu hat die Fina den Grenzwert also relativ niedrig angesetzt.

Vorteile lassen sich wissenschaftlich nicht belegen

Dabei haben wissenschaftliche Studien längst gezeigt, dass Athletinnen mit höherem Testosteronlevel nicht per se einen Vorteil haben. In der Korrektur einer Studie, die im „British Journal of Sports Medicine“ veröffentlicht wurde, schrieben die Autor*innen, dass sich der Zusammenhang von Testosteronwert und sportlicher Leistung nicht belegen ließe. Hümpfner gibt außerdem zu bedenken: „Leistungsvorteile im Sport werden durch viele Faktoren bestimmt: Körperbau und die Spannweite der Arme haben beispielsweise einen großen Einfluss darauf, wie erfolgreich eine Person schwimmen kann. Es ist daher eine Verkürzung sich nur auf das Geschlecht zu beziehen und vermeintliche Leistungsvorteile für trans Frauen zu bestimmen.“

Doch obwohl sich vermeintliche Vorteile nicht belegen lassen, gab es in der Vergangenheit immer wieder Versuche trans Frauen aus Frauenteams auszuschließen. Im Jahr 2020 etwa wollte der Rugby-Weltverband trans Frauen gänzlich aus Frauenteams ausschließen und begründete die Entscheidung mit Sicherheitsbedenken und körperlichen Vorteilen.

Als erste trans Athletin hatte Laurel Hubbard im vergangenen Jahr an den Olympischen Spielen teilgenommen. Foto: imago images/ZUMA Wire Vergrößern
Als erste trans Athletin hatte Laurel Hubbard im vergangenen Jahr an den Olympischen Spielen teilgenommen. © imago images/ZUMA Wire

Im vergangenen Jahr nahm die Gewichtheberin Laurel Hubbard als erste trans Athletin in der Geschichte an den Olympischen Spielen teil und sah sich bereits vor Beginn der Spiele diskriminierenden Anfeindungen ausgesetzt.

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Und erst in der vergangenen Woche verschärfte der Radsport-Weltverband die Teilnahmebedingungen für trans Frauen, indem er den maximalen Wert für den Testosteronspiegel von fünf Nanomol pro Liter auf 2,5 senkte und die zeitliche Frist, in der dieser Wert nicht überschritten werden darf, von zwölf auf 24 Monate verlängerte.

Die Schaffung einer eigenen Kategorie nur für trans Athlet*innen im Schwimmen ist allerdings ein Novum. Hümpfner findet die Entscheidung problematisch, „weil es eine Verbesonderung darstellt“. Unklar sei außerdem, ob die Gruppe überhaupt groß genug werde, damit Wettbewerbe stattfinden könnten. „Trans Personen machen allgemein weniger Sport sowohl im Amateur- als auch im Leistungssport, denn die Hemmschwelle ist sehr groß, sich in einen Bereich zu begeben, in dem nach Geschlechtern getrennt wird und Körper stark normiert werden.“

So berichten viele trans Personen von großen Hürden, die sie davon abhielten Sport zu treiben, und von diskriminierenden Kommentaren während der Transition. „Solche Richtlinien wie die der Fina schrecken trans Personen zusätzlich ab“, sagt Hümpfner.

Inwiefern die Fina tatsächlich eigene Wettbewerbe für trans Personen ausrichtet, wird sich erst noch zeigen. Lia Thomas jedenfalls darf aufgrund der Regularien vorerst an keinem Wettbewerb teilnehmen – auch nicht an den Olympischen Spielen in Paris, die eigentlich ihr großes Ziel waren.

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