Leon Draisaitl wird hart bedrängt vom US-Amerikaner Christian Wolanin. Foto: imago images/osnapix
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Vor der Eishockey-WM Noch zu viele Schönheitsfehler auf dem Eis

Deutschland hat eine gute Mannschaft zusammen, doch noch läuft es nicht so richtig rund. Das erste WM-Spiel steht aber bald an.

Es war ein Moment, in dem die Schönheit des Spiels alles andere zur Nebensache verkommen ließ. Unfassbar brillant, wie der Kölner Frederik Tiffels den Puck im Bogen am gegnerischen Verteidiger vorbeisegeln ließ. An sich unmöglich, wie dann der vors Tor gleitende Kölner Leon Draisaitl den Puck aus der Luft mit der Schlägerkelle ins Tor stieß. So einen Treffer gibt es im Eishockey selten, so einen Treffer gab es in Deggendorf noch nie zu bestaunen. An sich hätten sie beim vorletzten WM-Testspiel der deutschen Mannschaft Ende April nach diesem Traum von Tor das Spiel für beendet erklären müssen, das Kunstwerk der beiden Kölner Jungs im Stadion in Dauerschleife zeigen und Freigetränke für alle Besucher verteilen können. Schöner konnte es nicht mehr werden. Und ob nun 2:1 oder 5:1 gegen Österreich im Testspiel, das war ja nun auch egal.

Es ist eine neue Generation von Spielern, die dem deutschen Eishockey ein anderes Gesicht gibt. Früher wurde gemauert, gerackert, gearbeitet - mitunter erfolgreich. Nun, spätestens seit dem Gewinn der olympischen Silbermedaille 2018, wird gespielt, schneller gespielt und auch gezaubert - mitunter aber auch ohne Erfolg. Sieben Testspiele hat die Mannschaft unter dem neuen Trainer Toni Söderholm vor dem ersten WM-Vorrundenauftritt am Sonnabend gegen Großbritannien hinter sich gebracht und die Bilanz fällt vor dem Turnier in der Slowakei nicht positiv aus. Vier Spiele haben die Deutschen verloren, drei davon hätten sie nicht verlieren müssen.

Das 2:5 am Dienstag in Mannheim gegen die USA fiel auch unter diese Kategorie, 2:1-Führung verspielt, im letzten Drittel (0:3) gegen einen - sehr prominent und stark besetzten Gegner - zu viele Fehler gemacht. Leon Draisaitl war entsprechend genervt. Er sprach von „individuellen Fehlern“ in der Defensive, aber auch davon, dass der eingeschlagene Weg seiner Mannschaft der richtige sei. „Wir probieren, Tore zu schießen.“ Das sei nun mal das Mittel, um zu gewinnen. Eishockey verhindern, das war einmal. So tickt der Center von den Edmonton Oilers, mit 23 Jahren auf dem Weg, zum offensiv besten Angreifer der Welt zu reifen: Draisaitl ist einer der besten Spieler in der National Hockey League (NHL) und da sind die Ansprüche groß. Viele der jungen Spieler im deutschen Team um ihn herum denken ähnlich.

Moritz Seider etwa, gerade erst 18 Jahre alt geworden, wird vor dem sogenannten NHL-Draft in diesem Jahr als einer der besten Verteidiger der Welt gehandelt. Der Jungprofi aus Mannheim darf bei der WM spielen. Dominik Bokk, 19, Profi in Schwedens erster Liga, hatte da weniger Glück. Vergangenes Jahr sicherte sich NHL-Klub St. Louis schon in der ersten Runde die Rechte an Bokk, trotzdem schickte ihn Bundestrainer Söderholm während der Vorbereitung nach Hause. Andere große Talente wie Lean Bergmann (zuletzt Iserlohn, bald Mannheim) oder Markus Eisenschmid (Mannheim) sind dagegen in jungen Jahren schon weit vorne im Team. Die Auswahl an guten, jungen deutschen Spielern ist eben größer denn je für einen Bundestrainer und damit ändern sich auch die Ausrichtung des deutschen Spiels und die Ansprüche, mit denen Söderholm arbeitet.

Agieren, nicht reagieren

Der Finne, des Deutschen so gut mächtig, dass ihn das zu interessanten rhetorischen Spielzügen befähigt, lebt für den Erfolg und Akribie. Das war bei ihm schon als Spieler so, 2007 gewann er mit Finnland WM-Silber. Nach dem unglücklichen Spiel gegen die USA sagte er: „Es kommt jetzt darauf an, wie wir die Probleme auf dem Eis lösen. Wir müssen geduldig und sauber spielen.“ Was die Anderen können, darüber redet der Nachfolger von Marco Sturm nicht. In den Kategorien schwacher und starker Gegner denkt er weniger, seine Mannschaft muss agieren, nicht reagieren.

Darauf angesprochen, ob mit dem ersten WM-Spiel in Kosice für die Deutschen gehen Außenseiter Großbritannien am Samstag ein „Pflichtsieg“ anstehe, sagte Toni Söderholm vor seinem ersten WM-Turnier als Cheftrainer: „Es gibt nur Pflichtsiege. Wir wollen das erste Spiel gewinnen, der Gegner spielt keine Rolle. Und wenn wir das erste Spiel gewonnen haben, wollen wir das zweite Spiel gewinnen.“ Und so soll das dann weitergehen für die Deutschen im Turnier.

Spielmacher wollen eben immer gewinnen. Bei allem Mut und bei aller Brillanz müssen die Deutschen aber auch noch sauberer werden in der Defensivarbeit, besonders gegen die prominente Gegnerschaft bei der Weltmeisterschaft. Dann kann das Turnier in der Slowakei tatsächlich ein sehr erfolgreiches werden für ein Team, das in den kommenden Jahren zu einer starken Mannschaft reifen kann.

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