Glückliche Tage in der Lausitz. Am 14. Oktober 2000 besiegten Bruno Akrapovic (u.) und Energie Cottbus im Bundesligaheimspiel die Bayern 1:0. Foto: Matthias Hiekel/dpa
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Vor dem Pokalduell gegen Bayern München Energie Cottbus zwischen Frust und Lust

Robert Fassbender

Der Viertligist aus Brandenburg freut sich im Pokal auf den FC Bayern, doch so weit wie jetzt war man noch nie voneinander entfernt.

Mehmet Scholl hatte nicht sehr viel Spaß an diesem 14. Oktober 2000. „Ich kann mich erinnern“, sagte der frühere Spieler von Bayern München Jahre später mal in der ARD, als er auf sein erstes Gastspiel in Cottbus zurückblickte: „In der dritten Minute wurde ich damals über die Außenlinie getreten. Ich wollte gerade aufstehen, da war mein Gegenspieler bereits über mir und sagte: ’Du hast ja dein Röckchen gar nicht an.’ Es ging dann nicht mehr viel für mich in diesem Spiel.“
Und Scholl war damit nicht allein. Selbst für die großen Bayern konnten Spiele im Stadion der Freundschaft schon mal derart ungemütlich werden, dass sich wohl mancher Profi fragte: Warum nur konnte ich keinen vernünftigen Beruf erlernen?

Franck Ribéry verschoss hier gleich zwei Elfmeter, Oliver Kahn, Willy Sagnol und Michael Tarnat wurden mit Eicheln beworfen, und Uli Hoeneß wurde mit dem Transparent begrüßt: „Dein schlimmster Albtraum ist nicht Christoph Daum.“ Zweimal verlor der Rekordmeister in der Lausitz, ohne auch nur ein einziges Tor erzielt zu haben.

Jahrzehnte später wirkt das alles irgendwie surreal, denn die Fußballwelten zwischen den beiden Klubs könnten unterschiedlicher kaum sein. Wenn Energie Cottbus am Montagabend (20.45 Uhr, ARD/Sky) den FC Bayern in der 1. Runde des DFB-Pokals empfängt, sind die beiden Klubs so weit voneinander entfernt, wie sie es vielleicht noch nie waren. Der Bayern-Albtraum von einst muss heute gegen Auerbach, Altglienicke und Lichtenberg 47 um Punkte kämpfen. Die Lausitzer, die sich sechs Jahre lang als Gallisches Dorf vor den Toren von Berlin im deutschen Oberhaus hatten behaupten können, sind wieder im Amateurfußball angekommen. Nach dem Abstieg in die vierte Liga vor ein paar Monaten war sogar unklar, inwiefern der immer noch größte Fußballstandort Brandenburgs aufrechterhalten werden kann.

Nun von einer neuen Sensation gegen die Bayern zu träumen, hält Energie-Trainer Claus-Dieter Wollitz für illusorisch. Vor seinem Wiedersehen mit Bayern-Trainer Niko Kovac, mit dem er Anfang der Neunzigerjahre zusammen bei Hertha BSC spielte, sagt er: „Mit unserer Drittliga-Mannschaft hätte ich vielleicht vom Wunder geträumt.“ Doch von dieser haben 20 Spieler den Verein verlassen. Acht externe Verstärkungen sind hinzugekommen, der Rest wurde mit Nachwuchsspielern aufgefüllt. Wollitz warnt deshalb: „Das erste Ziel muss es sein, dass wir nicht schon zur Halbzeit hoffnungslos zurückliegen.“

Trainer Wollitz legt sich mit Vereinsführung an

Es ist nicht das erste Mal, dass Wollitz in diesen Tagen öffentlich Defizite seines Kaders benennt. „Wir können mit dieser Mannschaft nicht aufsteigen“, sagte er kürzlich. Damit schlug er nicht nur Alarm, sondern legte sich auch mit der Vereinsführung an, die unmissverständlich die „Mission Wiederaufstieg“ ausgerufen hatte. „Wenn jemand anderes mit dieser Mannschaft aufsteigen kann – ich würde zur Aufstiegsfeier kommen“, sagte Wollitz. „Im Energie-Trikot!“

Zu schwach waren auch die Eindrücke, die vor allem seine Hintermannschaft beim jüngsten 5:3-Sieg gegen Rot-Weiß Erfurt in der Liga hinterlassen hatte. Und man darf sich durchaus fragen, wie eine Mannschaft, die in drei Viertliga-Spielen neun Gegentore zugelassen hat, nun Kingsley Coman, Serge Gnabry und Robert Lewandowski zu verteidigen gedenkt. „Wir müssen erst einmal defensiv gut stehen und nicht ein Tor nach dem anderen kassieren“, betont Wollitz. „Das Spiel ist gefährlich. Man kann an diesem Ergebnis auch zerbrechen.“

Der Grat zwischen Frust und Lust ist nun mal ein schmaler. Doch ein bisschen genießen wollen es die Menschen in Cottbus auch, wenn schon mal wieder Weltmeister und Champions-League-Sieger bei ihnen vorspielen. „Es geht darum, zu zeigen, dass es hier eine Region gibt, die weiterhin nach Profifußball lechzt“, sagt Wollitz. Sein Mittelfeldspieler Paul Gehrmann ergänzt: „Das ist ein Kindheitstraum, vor so vielen Zuschauern gegen Bayern München zu spielen. Das sind die Besten in Deutschland. Das muss man mal gemacht haben.“ Und vielleicht kann es Cottbus den Bayern ja doch ähnlich ungemütlich machen wie in der Vergangenheit. Auch wenn man dafür derzeit doch sehr viel Fantasie braucht.

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