Zum Corona-Überblick: Alle Zahlen zu SARS-CoV-2 in Deutschland
Vincent Keymer, 17, spielt Schach seitdem er fünf ist und wurde mit 14 Jahren bereits Großmeister. Foto: picture alliance/dpa/Georgios Souleidis
© picture alliance/dpa/Georgios Souleidis

Vincent Keymer im Interview „Gegen Magnus Carlsen war ich auf jeden Fall sehr aufgeregt“

Marc Tawadrous.

Vincent Keymer ist mit 17 der jüngste deutsche Schach-Großmeister. Im Interview spricht er über Spiele gegen den Weltmeister, sein Training und das Abitur.

Herr Keymer, was fasziniert Sie am Schachspiel?
Das ist gar nicht so leicht zu sagen. Ich finde es schön, dass es ein so kreatives Spiel ist. Eigentlich spielt man keine Partie zweimal, es ist alles sehr unvorhersehbar. Man muss es aber auch einfach an sich mögen und daran Spaß haben. Es ist auf jeden Fall wichtig, dass man das Spiel auch einfach genießen kann.

Sie waren mit 14 der jüngste deutsche Großmeister. Haben Sie darauf hin trainiert?
Dass ich Großmeister werde, war irgendwann klar und eher eine Frage der Zeit. Letztendlich hat es dann auch erst recht spät geklappt. Ich hatte einige Anläufe, bis ich dann die letzte GM-Norm bekommen habe. Es macht wenig Sinn, sich bei jeder Partie damit zu befassen, ich habe einfach gespielt, bis es geklappt hat. Dennoch war es natürlich trotzdem ein Ziel, Großmeister zu werden.

Würden Sie sich selbst denn als begabt bezeichnen?
Da ist die Frage, was man als Definition von begabt sieht. Ich hab natürlich sehr viel trainieren und lernen müssen, aber es kann schon sein, dass ich mich am Anfang ein bisschen leichter getan habe als andere. Das ist aber auch nicht so leicht einzuschätzen.

Erfahren Sie als das große deutsche Schachtalent viel äußeren Druck?
Druck von außen habe ich nie viel gespürt, der kommt eher aus mir selbst. Ich bin, wie die meisten Schachspieler, mein größter Kritiker. Man erwartet ja auch ein gewisses Niveau von sich selbst, spielt man dann deutlich unter diesem, ist man meist selbst nicht zufrieden mit sich.

Wie funktioniert es denn, einer der besten Schachspieler Deutschlands zu sein und nebenbei in die Schule zu gehen?
Reibungslos hat es natürlich nicht immer funktioniert. Manchmal ist es schon sehr stressig und oft gibt es auch Wochen, in denen ich sehr viel in der Schule fehle. So war das auch jetzt im Sommer, was noch etwas schwieriger ist, weil ich kurz vor meinem Abitur stehe. Aber ich hole den Schulstoff immer nach und bis jetzt hat das so auch immer gut geklappt.

Haben Sie ein Team hinter sich oder einen Coach, der Sie vorbereitet?
Seit 2017 trainiere ich mit Peter Leko, dem Vize-Weltmeister von 2004. Dieses Training ist hauptsächlich durch die Förderung der Grenke AG möglich. In den ersten Jahren haben wir sehr viel an meinen Eröffnungen gearbeitet. Mit der Zeit entsteht so auch das Repertoire für die Turniere. Die meiste Arbeit geschieht also zu Hause oder im Trainingscamp. Wenn man dann bei Turnieren ist, bleibt meist wenig Zeit, um noch viel Neues zu lernen. Das Ziel dort ist, das gelernte einfach sehr gut wiederzugeben und sich den Begebenheiten anzupassen.

[Wenn Sie aktuelle Nachrichten aus Berlin, Deutschland und der Welt live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräteherunterladen können]

Sie haben zuletzt eine lange Zeit nur online spielen können, wie war Ihre erste Partie, die Sie wieder am Brett gespielt haben?
Ich wusste nicht so richtig, wo ich stehe. Es gab im Sommer 2020 schon ein paar Turniere, die auch wieder live gespielt wurden. Über den Winter hatte ich dann 9 Monate Pause und als dann wieder Schachturniere am Brett gespielt wurden, merkte ich einfach, dass ich es nicht mehr so richtig gewohnt war. Ich kannte natürlich alles noch, aber ich war nicht mehr so genau in den Abläufen drin.

Haben Sie ein Vorbild im Schach oder jemandem, dem Sie besonders gerne beim Spielen zuschauen?
Ich verfolge natürlich die Weltmeisterschaft sowie andere Turniere, vor allem deswegen, weil dort ein extrem hohes Niveau gespielt wird. Man kann dabei immer viel lernen, einen konkreten Spieler als Vorbild hab ich aber nicht.

Sind Sie noch aufgeregt, wenn Sie so große Turniere spielen wie beispielsweise im November die Europameisterschaft?
Ja, man ist immer in gewisser Weise aufgeregt, aber oft hat man dafür auch nicht wirklich die Zeit oder Kraft. Ich hatte am siebten November noch eine Partie beim Grand Swiss in Riga, am achten bin ich dann zurückgeflogen, habe am neunten eine Englischklausur geschrieben, hatte den zehnten einen Tag Pause und bin am elften schon wieder nach Zagreb geflogen. Das war zeitlich sehr knapp, da bleibt wenig Raum für wirkliche Aufregung.

Vor seiner Partei gegen Magnus Carlsen war Keymer besonders aufgeregt. Foto: AFP Vergrößern
Vor seiner Partei gegen Magnus Carlsen war Keymer besonders aufgeregt. © AFP

Gab es eine Partie, vor der Sie besonders aufgeregt waren?
Gegen Magnus Carlsen 2019 war ich auf jeden Fall sehr aufgeregt. Das ist natürlich etwas anderes, wenn man eigentlich noch nie vorher gegen solche Weltklassespieler gespielt hat und plötzlich dem Weltmeister Carlsen gegenüber sitzt. Auch mit den vielen Zuschauern war das natürlich besonders.

Sie haben erst nach langem Kampf verloren. Waren Sie trotzdem zufrieden mit Ihrem Spiel?
Was heißt zufrieden? Er musste unbedingt die Partie gewinnen, weil meine Elo noch sehr niedrig war. Dazu konnte er in der Eröffnung keine Hauptvarianten spielen, weil ich sonst ganz gute Chancen gehabt hätte, auf Remis zu spielen. Dadurch habe ich dann Chancen bekommen und natürlich hätte ich mir gewünscht, dass ich diese Chancen irgendwie genutzt hätte. Aber an sich bin ich froh, dass ich zumindest einen Kampf liefern konnte und nicht schnell untergegangen bin. Natürlich hätte ich mir gewünscht, dass es noch besser ausgeht, aber im Prinzip kann ich sagen, ich habe es wirklich probiert.

Gewöhnt man sich irgendwann daran, gegen solche Weltklassespieler zu spielen?
Man gewöhnt sich mit der Zeit schon ein bisschen mehr daran. Nach mehreren Partien gegen solche Weltklassespieler erkennt man gewissermaßen, dass sie auch nur normalsterbliche Menschen sind. Als ich gegen Carlsen gespielt habe, war er beispielsweise schon seit einigen Jahren die Nummer eins der Welt, hatte schon mehrere Weltmeisterschaften gewonnen. Wenn man aber solche Spieler kennenlernt, sieht man, dass auch sie Fehler machen. Das gibt Hoffnung und hilft einem dann vielleicht auch bei der Einschätzung, wenn man gegen sie spielt.

Gerade ist die WM zwischen Magnus Carlsen und seinem Herausforderer Jan Nepomnjaschtschi zu Ende gegangen. Haben Sie auch das Ziel, irgendwann eine Weltmeisterschaft zu spielen?
Es ist schwierig, da sein großes Ziel zu setzen. Die Weltmeisterschaft erreichen ganz, ganz wenige, selbst von den Top-Spielern. Es würde mich freuen, wenn das irgendwann klappt, aber damit kann man sich beschäftigen, wenn man in der Weltspitze ankommen sollte.

Zur Startseite