Urs Fischer, 53, kam im Sommer 2018 nach Berlin und führte den 1. FC Union sensationell in die Bundesliga. Foto: Sven Simon/Imago
© Sven Simon/Imago

Unions Urs Fischer vor dem Bayern-Spiel "Robert Lewandowski ist der beste Mittelstürmer der Welt"

Der Berliner Bundesliga-Coach über die neue Spieler-Generation, das Derby gegen Hertha und die Chancen seines 1. FC Union beim FC Bayern München.

Urs Fischer, 53, kam im Sommer 2018 nach Berlin und führte den 1. FC Union sensationell in die Bundesliga. An diesem Samstag spielt Union ab 15.30 gegen den FC Bayern in der Münchner Arena.

So könnte Union spielen: Gikiewicz – Trimmel, Friedrich, Subotic, Lenz – Gentner, Andrich – Becker, Ingvartsen, Bülter – Andersson.

Herr Fischer, wie kann man einen Weltklasse-Stürmer wie Bayerns Robert Lewandowski stoppen?
Lewandowski ist sehr schlau und schleicht sich in den Rücken der Abwehrspieler. Die Verteidiger brauchen also die Sicherheit, dass ihnen immer ein Mitspieler hilft. Bei der Ballannahme müssen wir sofort da sein, damit er nicht aufdrehen kann, nicht in die Tiefe gehen kann. Das muss sehr gut antizipiert werden, der Weg zum Tor muss zu sein. Klingt nicht so schwer, aber wenn es ein sicheres Mittel gäbe, um Lewandowski zu verteidigen, dann hätten es schon andere angewandt.

Ist er der beste Mittelstürmer der Welt?
Ja, ich finde schon. Er zeigt seine Qualitäten nicht erst seit ein, zwei Jahren, sondern sehr konstant, das muss man erst mal hinbekommen.

Sie waren früher selbst Abwehrspieler und spielten in der Schweiz gegen einige große Stürmer wie Karl-Heinz Rummenigge, Stéphane Chapuisat oder Giovane Elber. Gegen wen sahen Sie weniger gut aus?
Ich sah gegen alle gut aus (lacht). Das war natürlich unterschiedlich und hing von der Tagesform ab. Kubilay Türkyilmaz war ein sehr guter Stürmer in der Schweiz, der war sehr schnell und hatte einen Riecher. Der war fast nicht zu verteidigen.

Hatten es Verteidiger zu Ihrer Zeit dennoch einfacher? Es gab keinen Videobeweis, ein Trikotzupfer fiel kaum auf.
Den Fußball von damals und von heute kann man überhaupt nicht vergleichen. Das ist inzwischen ein ganz anderes Niveau, eine andere Intensität. Wir hatten mehr Zeit, um Entscheidungen zu treffen. Als ich in den 1980er Jahren meine Karriere startete, haben wir noch mit Libero gespielt. Da hattest du wirklich noch eine Lebensversicherung hinter dir.

Was hat sich noch verändert?
Heute müssen die Jungs so viel mitbringen: Schnelligkeit, Technik, Sprungkraft, Robustheit, Mentalität, Antizipation, Zweikampfstärke. Dazu kommt auch noch die Spieleröffnung. Es ist alles viel komplexer geworden. Früher waren Verteidiger zum Verteidigen da, heute müssen sie auch dem Spiel nach vorne ihren Stempel aufdrücken.

Gefahr in Verzug. Wo Robert Lewandowski auftaucht, sind Tore für die Bayern nicht weit. Foto: Aris Messinis/AFP Vergrößern
Gefahr in Verzug. Wo Robert Lewandowski auftaucht, sind Tore für die Bayern nicht weit. © Aris Messinis/AFP

Was waren Ihre Stärken?
Ich war kompromisslos in den Zweikämpfen und hatte keinen schlechten Antritt. Auf Sprintdistanzen hatte ich eher Probleme. Ich konnte das Spiel gut lesen, antizipieren, wahrnehmen – das ist ja auch eine Schnelligkeit. Und wenn du 550 Spiele machst, hoffe ich schon, dass es insgesamt ausreichend war – oder alle Trainer waren sehr lieb zu mir.

Dank Ihres guten Spielverständnisses war klar, dass Sie mal Trainer werden wollen?
Meine Trainer haben mir zwar immer wieder gesagt, dass ich mit meiner Art irgendwann mal Trainer werde. Das hat mich damals aber nicht interessiert. Je älter ich wurde, desto mehr habe ich schließlich gewisse Entscheidungen des Trainers hinterfragt. Ich bin dann in der U 14 eingestiegen, hatte aber nicht die Idee, Profitrainer zu werden, sondern einfach nur Spaß daran.

Wie sehr achten Sie auf Ihre Außendarstellung, auf Autorität?
Es ist immer gut, wenn dich Leute beurteilen, die ganz normal im Leben stehen und vielleicht nicht so viel mit Fußball am Hut haben. Die haben meist eine gute Wahrnehmung. In meiner Zeit als Jugendtrainer war das auch ein Thema. Vor meiner ersten Teambesprechung als Trainer der U 14 habe ich mir schier in die Hosen gemacht, weil ich das nicht gewohnt war. Das musste ich erst lernen.

Mit dem FC Basel haben Sie in der Champions League gespielt. Ist das Spiel beim FC Bayern trotzdem ein Höhepunkt in Ihrer Trainerkarriere?
Ich muss ehrlich sagen, dass ich solche Spiele im Vorfeld nie als Highlights betrachtet habe. Im Nachhinein bleiben sie mir dann vielleicht speziell in Erinnerung. Ich bereite ein Spiel gegen Bayern so vor wie jedes andere. Es geht um drei Punkte und wir wollen dort etwas holen.

Sie haben zuletzt zwei Mal mit einer Dreierkette gespielt. Wo liegen die Unterschiede zur Viererkette?
Mir geht es vor allem darum, ein System zu finden, das uns behagt. Zuletzt hat man gesehen, dass das der Fall war – sowohl mit Dreier- als auch mit Viererkette. Man muss aber aufpassen und darf die Bewertung nicht nur vom Resultat abhängig machen. Es gibt nicht das eine Topsystem, aber unser Ziel war es, flexibler aufzutreten und das ist uns bisher ganz gut gelungen. Es geht auch immer darum, mit deiner Formation beim Gegner etwas auszulösen, ihn in unangenehme Situationen zu bringen und in seinen Kopf zu kommen.

Szenekenner. Urs Fischer war von 1984 bis 2003 Fußballprofi beim FC Zürich und in St. Gallen. Foto: Britta Pedersen/dpa Vergrößern
Szenekenner. Urs Fischer war von 1984 bis 2003 Fußballprofi beim FC Zürich und in St. Gallen. © Britta Pedersen/dpa

Die Bayern haben einige Verletzte und in den vergangenen fünf Spielen immer zwei Tore kassiert. Kommt das Spiel für den 1. FC Union in München also genau zur richtigen Zeit?
Ach, hören Sie doch auf! Das ist nur eine Momentaufnahme, Bayerns Kader ist groß genug, um ein paar Verletzungen zu kompensieren. Natürlich haben sie gerade ein bisschen Pech. Bei Niklas Süle ist es mit dem Kreuzbandriss gravierend, das hatten wir auch mit Akaki Gogia. Sicherlich kassieren sie in dieser Phase mal ein paar Tore mehr, aber sie haben in der Champions League auswärts 3:2 gewonnen und sind in der Gruppe nach drei Spielen mit neun Punkten schon fast durch. Ich gehe nicht davon aus, dass Bayern nervös wird. Dass ihnen die Situation vielleicht nicht gefällt, zeigt doch nur, wie hoch ihre Ansprüche sind.

Wie sehen Sie die Kritik, mit der die Bayern momentan konfrontiert werden?
Als ich noch nicht in Deutschland war, haben alle geschimpft, dass die Bundesliga langweilig sei, weil die Bayern immer vorne sind. Jetzt hast du neun Mannschaften innerhalb von zwei Punkten und Bayern soll plötzlich eine Krise haben. Ich verstehe das nicht.

Es rumort jedenfalls häufig zulasten von Bayern-Trainer Niko Kovac, nun soll angeblich Ralf Rangnick im Gespräch sein. Wie erklären Sie sich solche Diskussionen?
Ich glaube, man weiß als Trainer, worauf man sich einlässt. Dass du infrage gestellt wirst, wenn du erfolgreich bist, war früher nicht so. Heute wirst du dann zum Teil sogar entlassen. Das ist etwas relativ Neues, das finde ich schon außergewöhnlich. Aber auch das ist ein Teil des Trainerberufs. Niko Kovac hat es ja eigentlich richtig gesagt: Meine Entscheidungen sind nie richtig. Und am Schluss sind sie falsch.

Nach dem Spiel in München reist Union direkt nach Freiburg, wo am Dienstag die zweite Runde im DFB-Pokal ansteht. Weil Sie so auch dem Derby-Trubel entgehen können? Am kommenden Samstag steht ja das Spiel gegen Hertha an.
In erster Linie hat das organisatorische Gründe. Unser Fokus gilt momentan nur München. Dass die Spiele gegen Freiburg und Hertha für die Überlegungen von uns Trainern schon jetzt eine Rolle spielen, ist aber auch klar. Der Kader ist groß, du musst überlegen, ob du vielleicht ein bisschen rotierst.

Anzugträger unter Druck. Bayerns Trainer Niko Kovac steht in München immer auf dem Prüfstand. Foto: Sven Hoppe/dpa Vergrößern
Anzugträger unter Druck. Bayerns Trainer Niko Kovac steht in München immer auf dem Prüfstand. © Sven Hoppe/dpa

Sie haben einige Derbys mit dem FC Zürich gegen Stadtrivale Grasshoppers erlebt. Welche Bedeutung hat ein Stadtderby für Sie?
Jedes einzelne Derby damals war speziell, weil es eben ein Derby ist! Und ein Stadtderby ist nochmal spezieller. Für mich waren das immer Spiele, in denen ich extrem fokussiert war.

Sie waren mit Zürich sehr eng verbunden.
Ich habe mit sieben Jahren dort begonnen, bin beim FCZ groß geworden. Dann bekommst du so eine Rivalität schon in jungen Jahren mit, die Jugendspiele waren schon ganz spezielle Spiele. Und weiter oben bleibt das so. Diese Spiele versucht man, unbedingt zu gewinnen. Aber was ein Derby bedeutet, das muss jeder für sich selbst wissen.

Was erwarten Sie von den Derbys gegen Hertha?
Wir hatten noch kein Derby in der Ersten Liga, aber das waren ja schon in der Zweiten Liga auf ihre Art spezielle Duelle. Das wird bestimmt wieder so sein. Ein Stadtderby ist ein Stadtderby!

Sie fehlen in München. Die verletzten Union-Profis Akaki Gogia (l.) und Grischa Prömel. Foto: Andreas Gora/dpa Vergrößern
Sie fehlen in München. Die verletzten Union-Profis Akaki Gogia (l.) und Grischa Prömel. © Andreas Gora/dpa

Wie nah waren sich der FC Zürich und die Grasshoppers?
Da waren quasi nur Bahngleise dazwischen, so hat man das getrennt. Auf der einen Seite befand sich das Stadion des FC Zürich, auf der anderen das der Grasshoppers.

Das heißt, es gab schon einige Berührungspunkte im Vorfeld eines Stadtderbys?
Es gab gewisse Bereiche, die den Grasshoppers gehörten, und gewisse Bereiche, die der FCZ beanspruchte. Und die jeweils anderen Bereiche, die hast du gemieden. Nicht böswillig, sondern weil das halt einfach so ist, es ist Derby, Derbyzeit! Da gibt es gewisse Regeln und die musst du einhalten. Ob die nun Sinn ergeben oder nicht, sei mal dahingestellt.

2011 gab es die „Schande von Zürich“, einen Spielabbruch.
Es war ein Spiel, das wirklich ausartete, nicht auf dem Platz, aber von der Zuschauerseite her. Bengalos wurden in Sektoren geworfen, wo sich auch Jugendliche und Kinder aufgehalten haben. Das geht dann einfach zu weit. So etwas darf nicht sein. Trotz aller Rivalität braucht es eine Grenze.

Nicht ganz unumstritten. Vladimir Petković, aktueller Fußball-Nationaltrainer der Schweiz. Foto: John Sibley/Reuters Vergrößern
Nicht ganz unumstritten. Vladimir Petković, aktueller Fußball-Nationaltrainer der Schweiz. © John Sibley/Reuters

Sie waren 2011 auch für den höchsten Derbysieg verantwortlich, 6:0 gegen die Grasshoppers. Vorteil Berlin: Für Unions höchsten Sieg gegen Hertha reichen zwei Tore Differenz.
Das ist mir eigentlich völlig egal. Wenn wir eines mehr machen als der Gegner, umso schöner. Aber die Aufgabe wird schwierig genug.

Die Schweizer Boulevardzeitung „Blick“ fragte kürzlich ihre Leser, wer neuer Nationaltrainer der Schweiz werden soll. Sie erhielten die meisten Stimmen. Welchen Stellenwert hat das für Sie?
Einerseits ist das toll, andererseits nicht, weil ein Trainerkollege infrage gestellt wird, der gute Arbeit leistet. Ich glaube, da macht man keine Umfrage wie diese, da fehlt mir ein bisschen der Respekt.

Hat sich Ihr Blick auf die Schweiz verschoben, seit Sie in Berlin sind?
Das nicht, aber ich habe Erfahrungen dazugewonnen. Ich habe mich vorher immer in meinem Land bewegt. Da kennt man alles und fühlt sich zu Hause. Jetzt hat man plötzlich ganz neue Aufgaben: Wohnungssuche, Versicherungen, Papiere. Da brauchte ich schon Hilfe. Ich kann jetzt nachvollziehen, was es heißt, im Ausland zu leben. Das hat keine schlechten Gefühle ausgelöst, es ist aber etwas anderes. Da ist es entscheidend, dass du Unterstützung bekommst, um dich wohl zu fühlen und gute Leistung zu bringen.

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