Skandinavier unter sich. Julian Ryerson (links) jubelt mit Sebastian Andersson. Foto: imago / Camera 4
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Unions Kapitän Christopher Trimmel fehlt gesperrt Julian Ryerson ist der König der Abgehängten

Der Norweger könnte am Montag in Frankfurt mal wieder in die Startelf des 1. FC Union rücken. Von den äußeren Umständen will er sich nicht beeindrucken lassen.

Über was die Herren Fußballprofis in der Kabine gerne debattieren, hat kürzlich Kevin Conrad ausgeplaudert. Der Kapitän des Drittligisten Waldhof Mannheim sagte, dass nämlich „in der Kabine fast über nichts anderes geredet“ werde als über das Vertragsthema – und es zudem ein „Unding“ sei, wie mit verdienten Spielern umgegangen werde.

Die Waldhof-Offiziellen rüffelten Conrad für diese grundehrliche Aussage; persönliche Interessen seien insbesondere im Profisport zweitrangig, grantelte der Sportliche Leiter Jochen Kientz.

Ryerson muss sich hinten anstellen

Allerdings scheint gerade diese Feststellung ziemlich unzutreffend, was zum Beispiel der 1. FC Union in diesen Tagen eindrucksvoll unter Beweis stellt. Speziell im Profifußball, wo der Körper binnen weniger Jahre möglichst viel Kapital generieren muss, gilt das Mantra von Herbergers elf Freunden immer weniger. Dass es ums Ego geht, ist eher Regel denn Ausnahme.

Jüngst jedenfalls verkündete der Stürmer Sebastian Polter in einem Interview mit der „Berliner Morgenpost“ seinen Abschied vom 1. FC Union im Sommer und beklagte sich bitterlich über die leitenden Personen, Unions Manager Oliver Ruhnert und Trainer Urs Fischer waren gemeint.

Der „Kicker“ wertete dies gar als „Stilbruch in Nordkorea“, weil Polters unautorisiertes Interview so gar nicht in den überschaubaren und ruhigen Union-Kosmos passen will. Seither wird in der Kabine mutmaßlich noch mehr über Vertragsthemen und Einzelinteressen geredet.

Immerhin haben die Berliner stolze 18 Spieler im Kader, die erst auf acht oder weniger Einsätze in dieser Bundesliga-Saison kommen. Wobei 17 dieser 18 Spieler nicht mal die acht erreichen – nur Julian Ryerson ist dieses seltene Glück beschieden. Dass der rechte Verteidiger von den Abgehängten der König ist, dürfte kein allzu großer Trost sein.

Geburtstagskind. Wenn Union in Frankfurt spielt, kann der gesperrte Kapitän Christopher Trimmel einen geruhsamen 33. Geburtstag feiern. Foto: Carmen Jaspersen/dpa Vergrößern
Geburtstagskind. Wenn Union in Frankfurt spielt, kann der gesperrte Kapitän Christopher Trimmel einen geruhsamen 33. Geburtstag feiern. © Carmen Jaspersen/dpa

Die Aussicht auf einen Stammplatz ist in seinem Fall äußerst beschränkt: Vor Ryerson in der Hierarchie steht Christopher Trimmel, und der gilt als gesetzt. „Als junger Spieler drückt man die ganze Zeit, aber man muss auch sehen, was auf lange Sicht gut für einen ist“, sagt Ryerson. Natürlich wolle er mehr spielen, aber „es ist eben, wie es ist. Wir sind auf dem richtigen Weg und ich bin froh, ein Teil davon zu sein.“

Erst einmal kam Ryerson in dieser Saison über die volle Spielzeit zum Einsatz. Das war im Januar bei Unions 1:3-Niederlage in Leipzig – als Trimmel krankheitsbedingt aussetzen musste. Geduld sei nötig, auch wenn natürlich jeder Spieler, der nicht so häufig zum Einsatz komme, mehr spielen wolle, findet Ryerson. Poltern lassen will er es kaum.

Am Montagabend, beim Auswärtsspiel der Berliner in Frankfurt (20.30 Uhr, live bei Dazn), könnte er immerhin mal wieder in der Startelf stehen, denn Trimmel fehlt gelbgesperrt. Amüsanter Nebenaspekt: Just am Montag begeht der Spielführer seinen 33. Geburtstag. So ganz ungelegen kommt ihm die Sperre deshalb vielleicht nicht, auch wenn der Jubilar vermutlich anderes behaupten würde.

Klar ist, dass bei der Eintracht eben ein anderer ran muss – und Ryerson als naheliegende Option gilt. Fischer wollte sich bei der Pressekonferenz am Samstag zwar nicht definitiv festlegen, sagte aber schmunzelnd: „Es besteht eine große Möglichkeit." Zuletzt plagten den 22-jährigen Ryerson zwar Rückenprobleme, doch die sollen am Montagabend kein Problem darstellen.

„Wir wollen Punkte von dort mitnehmen“

Von der Reise nach Frankfurt verspricht sich Ryerson nicht nur persönlich ein Erfolgserlebnis. „Wir wollen Punkte von dort mitnehmen, deshalb fahren wir hin. Wir haben schon ein paar Mal gezeigt, dass wir gegen nahezu jeden Gegner bestehen können“, sagt er. Ob es dann ein Punkt werde oder drei, „das werden wir sehen“.

Dass es im Stadion ziemlich ruhig zugehen dürfte, weil die Eintracht-Fans auf den Stehplätzen aus Protest gegen Montagsspiele erst gar nicht ins Stadion pilgern wollen, interessiert Ryerson nur am Rande. „Ich glaube, das spielt keine große Rolle für das, was auf dem Spielfeld passiert.“

Zumal die Berliner eine ähnliche Erfahrung gegen Leipzig ohnehin schon gemacht haben. Da schwieg bekanntlich der eigene Anhang. „Man ist auf dem Feld in seiner eigenen Blase und kriegt nicht mit, was um einen herum passiert“, sagt Ryerson.

So unbeeindruckt wie ihn die äußerlichen Bedingungen lassen, spielt er meistens auch, unspektakulär, aber linientreu. Die Flanken, die der sechsfache Torvorlagengeber Trimmel so scharf vors Tor knallt, dürften seine Mitspieler gegen Frankfurt vermissen; überhaupt ist Ryerson keiner, der offensiv Lücken reißt. Dafür arbeitet er defensiv zuverlässig, läuft viel und geht robust in Zweikämpfe. Er zählt damit zu jener Sorte Spieler, die Trainer Fischer schätzt. „Ich komme rein, erfülle meine Rolle und bin da, um meinen Beitrag zu leisten“, sagt Ryerson.

Solche Worte dürften sie beim 1. FC Union gerne hören. Sie klingen zumindest so, als stelle da jemand tatsächlich seine Einzelinteressen hinten an. Aber Julian Ryerson hat ja auch noch einen laufenden Vertrag bis Ende 2021 – und vorerst wenig zu besprechen.

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