Herthas Dodi Lukebakio (2.vr) bejubelt sein Tor zum 1:1 mit Herthas Vedad Ibisevic (2.vl) und Karim Rekik Foto: dpa/
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Unentschieden in München Das neue Gesicht von Hertha BSC

Die Berliner hadern mit der Elfmeter-Entscheidung zugunsten der Bayern. Doch sie zeigen auch, was sie in dieser Saison auszeichnen könnte.

Marko Grujic gab ein Furcht erregendes Bild ab: Von seinem linken Auge war nur noch ein schmaler Schlitz geblieben, und unter der Braue hatte sich eine stattliche Beule erhoben, die in diversen Blau- und Lila-Tönen schimmerte. Das Aussehen des Serben nach dem Auftaktspiel von Hertha BSC in der Fußball-Bundesliga war ein Ausweis für die Unbeugsamkeit, mit der die Berliner im Allgemeinen und Grujic im Besonderen dem Deutschen Meister Bayern München begegnet waren. Es war aber auch ein Symbol dafür, dass Hertha beim 2:2 in München mit einem blauen Auge davon gekommen war.

Etwas mehr als fünf Minuten waren es noch bis zur Pause, als Grujic den Berlinern mit seinem Tor zum zwischenzeitlichen 2:1 einen unerwarteten Glücksmoment bescherte. Der Assist wurde offiziell Vedad Ibisevic zugeschrieben, der den Torschützen mit einem Pass in die Spitze in Position gebracht hatte. Einen weiteren Scorerpunkt, zumindest einen halben, hätte allerdings auch Grujic verdient gehabt: In der Entstehung des Treffers gewann er das entscheidende Kopfballduell gegen Benjamin Pavard.

Und das gleich doppelt. Zum einem behauptete Herthas Mittelfeldspieler den Ball, zum anderen wurde der Innenverteidiger der Bayern durch den Zusammenprall außer Gefecht gesetzt: Pavard hielt sich die Hand an die Schläfe, er taumelte, während Grujic einfach weiterrannte, Torhüter Neuer umkurvte und den Ball ins Tor schob. „In dem Moment habe ich nichts gespürt“, sagte der Berliner. Auch den Jubel bekam er noch hin, dann sackte er auf den Rasen. „Ich war ein bisschen verwirrt“, gestand Grujic, der erst einmal mehrere Minuten behandelt werden musste.

„Robert hat meine Unerfahrenheit ausgenutzt“

Ein Zustand geistiger Verwirrung war ihm auch nach gut einer Stunde zu attestieren, als dem 23-Jährigen jene Aktion gegen Robert Lewandowski unterlief, die Hertha letztlich den ersten Sieg bei den Bayern seit Oktober 1977 kostete. Als Spätfolge seines Knock-outs aus der ersten Hälfte wollte Grujic seinen Aussetzer allerdings nicht entschuldigt wissen. „Ich denke, ich habe einen Fehler gemacht“, sagte er. „Robert ist ein sehr erfahrener Spieler. Er liebt solche Situationen und hat meine Unerfahrenheit ausgenutzt.“

Beide standen noch im Berliner Strafraum, als sich das Geschehen längst in weiter Entfernung abspielte. Grujic griff nach Lewandoswkis Schulter, und der Pole nutzte die Intervention zu einer formvollendeten Flugeinlage, die weder der Schiedsrichter noch die Zuschauer in der ausverkauften Arena mitbekommen hatten. Allerdings hatte der Videoassistent in Köln aufgepasst und Harm Osmers von seiner Beobachtung in Kenntnis gesetzt. Nach Ansicht der Fernsehbilder entschied der Schiedsrichter auf Elfmeter.

Ein Foul im Strafraum ist ein Foul, selbst wenn der Ball weit weg ist; insofern war Osmers Entscheidung regelkonform. Und trotzdem war nicht nur Grujic „richtig wütend auf den Schiedsrichter“. Auch Kapitän Vedad Ibisevic zürnte. „Man hat so ein Gefühl, dass man nur auf so eine Szene wartet“, sagte Herthas Kapitän. „Mit allem Respekt für die großen Bayern: Komischerweise genießen immer sie solche Vorteile. Das ist schwer zu akzeptieren. Und irgendwie tut das weh.“

Letztlich war es für Hertha ein süßer Schmerz, weil der Punkt bei den Bayern mehr ist, als die gewöhnlich pessimistischen Fans für das Auswärtsspiel bei den Bayern einkalkuliert hatten. Zumal nach dem Verlauf der ersten Minuten. Die Bayern dominierten, die Bayern gingen durch Lewandowski in Führung. „Ich glaube, dass da nicht mehr viele Menschen auf uns gesetzt haben“, sagte Ante Covic.

Mit aller Entschlossenheit

Der neue Trainer soll Hertha ein umfassendes Facelifting verpassen, und wie die neuen Gesichtszüge einmal aussehen könnten, das war selbst gegen die Bayern zumindest schon zu erahnen. Mit allen Risiken und Nebenwirkungen. Mutig, dominant, aktiv: So soll die neue Hertha aussehen. Die reinen Zahlen – 6:17 Torschüsse, 29 zu 71 Prozent Ballbesitz, 0:12 Ecken – belegten den Wandel nur bedingt. „Wenn du in München spielst, weißt du, dass du nicht die Dominanz ausstrahlen kannst, die du gerne hättest“, sagte Covic.

Die Bayern mit Robert Lewandowski hatten mit Hertha und Niklas Stark ihre Probleme. Foto: AFP Vergrößern
Die Bayern mit Robert Lewandowski hatten mit Hertha und Niklas Stark ihre Probleme. © AFP

„Trotzdem musst du der Mannschaft verklickern, dass du einige gute Momente haben musst, um hier was zu holen.“ Es waren wirklich nur einige wenige Momente, aber die nutzte Hertha mit aller Entschlossenheit: Erst traf Dodi Lukebakio mit einem abgefälschten Distanzschuss zum 1:1, und nur vier Minuten später lief Grujic dem taumelnden Pavard davon. Ein bisschen Glück braucht man in München auch, aber, so sagte Bayerns Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge, „Hertha BSC hat es auch gut gemacht“.

Die Berliner attackierten die Münchner zum Teil schon an deren eigenem Strafraum, sie rückten im Kollektiv weit auf und verteidigten insgesamt sehr hoch. „Wir waren mutig. Das sollten wir auch sein“, sagte Lukas Klünter, der als Innenverteidiger in der Dreierkette begann und nach Covics Systemumstellung auf ein 4-3-3 als rechter Außenverteidiger spielte. „Wenn die Bayern eins gar nicht abkönnen, dann, dass sie hoch angelaufen werden“, sagte Klünter. „Das hat vernünftig geklappt.“

„Das ist geil“

Allerdings boten die Berliner den Bayern dadurch hinter ihrer letzten Kette auch immer wieder viel Platz. Das 1:0 der Münchner fiel, nachdem sich Lewandowski tief in der eigenen Hälfte im Zweikampf gegen Niklas Stark behauptet hatte und die Bayern anschließend schnell umschalteten. Mit mehr Präzision bei den letzten Pässen hätten sie vor Lukebakios Tor zum 1:1 sogar deutlich höher führen können. Andererseits gibt es in der Bundesliga nicht allzu viele Mannschaften, die dem gegnerischen Pressing derart gelassen standhalten können wie die Münchner.

„Wir haben gut verteidigt, aber wenn das Spiel noch zehn, fünfzehn Minuten länger gedauert hätte, hätten wir Probleme bekommen“, sagte Herthas Innenverteidiger Niklas Stark. In der zweiten Hälfte zogen sich die Berliner unter dem Druck der Bayern weit zurück, eine Entlastung fand nicht mehr statt. Covic sprach von 35 Minuten Abwehrschlacht nach Lewandowskis Elfmetertor zum 2:2, und einigen kritischen Momenten, die sein Team habe überstehen müssen. Hertha kämpfte, Hertha wehrte sich – und Hertha wurde belohnt. „Das ist geil“, sagte Vedad Ibisevic. „Das macht eine Mannschaft aus.“

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