In seinem Element. Turner Andreas Toba ist ein Spezialist im Mehrkampf. Foto: Hendrik Schmidt/dpa
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Turner ist ein Favorit bei den Berlin Finals Das Stehaufmännchen Andreas Toba

Turner Andreas Toba hat in seiner Karriere viele Rückschläge hinnehmen müssen. Trotzdem ist er bei den Finals in Berlin ein Favorit im Mehrkampf.

Die Übung an den Ringen ist beeindruckend. Die Zugstemme vom Hang in den Stütz ist geschmeidig, nichts ruckelt oder wackelt. Aber Andreas Toba kämpft gegen die Erdanziehung. Ein paar Mal stöhnt er auf wegen der gewaltigen Kraftanstrengung. Das alles ist zu sehen auf ein paar Sequenzen seiner Trainingseinheiten, die der Geräteturner auf verschiedenen Medienkanälen präsentiert. Toba wirkt darin ausgesprochen muskulös und motiviert. Er will es noch einmal wissen. Toba ist 28 Jahre alt. Seine Karriere neigt sich dem Ende zu. Doch sie ist eben noch nicht zu Ende.

„Ich fühle mich toll“, sagt er. An diesem Wochenende in der Berliner Max-Schmeling-Halle soll dieses Gefühl am besten in den Deutschen Meistertitel im Mehrkampf transportiert werden. Auch wenn Toba das so nicht formuliert. „Ich will so fehlerfrei wie möglich turnen“, sagt er. Es ist das alte Lied: sich bloß nicht zu sehr unter Druck setzen. Die Form kann noch so gut sein, aber es kann immer was schiefgehen. Andreas Toba weiß das nur allzu gut. Vor ziemlich genau drei Jahren war Toba ebenfalls in blendender Verfassung, körperlich, aber vor allem mental.

Er hatte sich für die Olympischen Spiele qualifiziert. Toba hatte sich seinen Lebenstraum erfüllt und auch die Familientradition hochgehalten. Sein Vater Marius hatte es in den achtziger und neunziger Jahren auch als Turner zu den Olympischen Spielen geschafft. Andreas eiferte ihm nach. Und als es dann losging in Rio, war es im Grunde auch schon wieder zu Ende. Bei seiner ersten Übung, der Qualifikation für das Mannschaftsfinale am Boden, zog er sich einen Kreuzbandriss zu. Aus, vorbei, dachte man. Die Bilder, wie der heulende Toba von seinen Mannschaftskollegen getröstet wurde, gingen um die Welt.

Aber mehr noch gingen die Bilder um die Welt, wie Toba nur wenig später mit gerissenem Kreuzband eine grandiose Übung am Pauschenpferd turnte und sein Team damit ins Finale brachte, das er selbst wegen seiner Verletzung nicht mehr bestreiten konnte. Toba hatte eine tolle Heldengeschichte geschrieben. „Hero de Janeiro“ stand in den Zeitungen. Er bekam zig Preise für seine Aufopferung. „Es nervt mich nicht, dass ich immer noch darauf angesprochen werde“, sagt Toba. „Aber ich bin nicht Turner geworden, um mir wehzutun.“ Sondern um Erfolg zu haben. National ist ihm das auch gelungen.

Die Heldengeschichte von Rio hat Toba zurückgeworfen

Vier Mal wurde Toba schon Deutscher Meister. Aber jeder in der Szene – und am allerbesten natürlich Toba selbst – weiß: Es hätte noch viel mehr herausspringen können. Wäre da nicht Rio de Janeiro gewesen, die Heldengeschichte. Denn der Kreuzbandriss warf den aufstrebenden Turner zurück. 13 Monate musste er pausieren. Und es dauerte auch nur wenige Monate, bis er sich erneut am Knie verletzte. Im Februar 2018 zog er sich einen Meniskusschaden im Knie zu. „Für mich heißt alles zu geben, bis zur Grenze und darüber hinaus zu gehen“, sagt Toba. Er geht gerne darüber hinaus.

Nicht nur in Rio, sondern fast noch mehr in den leidlichen Monaten und Jahren danach. Er hat sich herangekämpft, sich schwer verletzt und sich wieder herangekämpft. „Das Wiederauferstehen ist charakteristisch für mich“, sagt er. Beim Deutschen Turner-Bund sind sie froh um diese Qualitäten. Denn trotz seines Alters und seiner vielen Verletzungen ist Toba im Mehrkampf national derzeit der Stärkste. Bei den Turn-Europameisterschaften dieses Jahres in Stettin war er als Elfter bester Deutscher. Toba war der einzige Lichtblick in der deutschen Mannschaft. Das spricht gegen den Zustand der deutschen Turner, aber es spricht auch für das Stehaufmännchen Toba.

„Wenn ich mich in diesem Jahr für die WM in Stuttgart und danach noch einmal für Olympia qualifizieren könnte, dann wäre das schön“, sagt er. Er will seinen Traum also erneut verwirklichen. Dieses Mal aber kann er gerne auf die heroische Aufopferung verzichten.

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