Den Triumphbogen raus. Geraint Thomas (l.) holte sich am Sonntag den Sieg bei der Tour de France, sein Kollege Chris Froome belegte Rang drei in der Abschlusswertung. Alexander Kristoff sprintete vor John Degenkolb zum letzten Tagessieg. Foto: AFP
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Tour de France Geraint Thomas: Der ungewöhnliche Champion

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Geraint Thomas hat am Sonntag die 105. Auflage der Tour de France gewonnen. Das Porträt eines außergewöhnlichen Radrennfahrers.

Als sein großer Tour-de-France-Traum immer greifbarer wurde, sagte Geraint Thomas einen bemerkenswerten Satz. „Natürlich will ich gewinnen“, tat der Waliser kund. „Andererseits ist das nur ein Radrennen. Ich meine, es ist nicht so, als würden wir hier nach Afghanistan gehen. Das ist nämlich das richtige Leben. Wir sind einfach nur privilegiert.“ Solche Aussagen hört man selten von Fahrern, die die größte Rundfahrt der Welt absolvieren, geschweige denn von jenen, die sie gewinnen - und als Helden überhöht werden.

Der 32-jährige Thomas fuhr am Sonntag als einer der ungewöhnlicheren Champions im Gelben Trikot über die Champs-Élysées. Er ist Vollprofi aber kein Asket, ehrgeizig aber loyal, kompromisslos auf dem Rad und dennoch sehr beliebt im Peloton. „Er ist einfach ein cooler Typ“, sagte der deutsche Etappensieger John Degenkolb. Der Tour-Zweite Tom Dumoulin schien kein bisschen verbittert, als er resümierte: „Der absolut Stärkste hat gewonnen.“ Und der entthronte Seriensieger Chris Froome betonte: „Ich bin so happy für G.“ Es klang ehrlich gemeint.

Thomas, den sie im einmal mehr dominierenden Sky-Team nur „G“ nennen, erbrachte in drei Wochen Schinderei durch Frankreich den Beweis, dass langjährige treue Helfer und vermeintliche Pechvögel irgendwann zu Siegern werden können. Einfach jeder, der Thomas kennt, halte den Triumph für verdient, twitterte Ex-Sprint-König Mark Cavendish, dem Thomas 2011 zu WM-Gold verholfen hatte. „Seine Loyalität und seine Einstellung sind etwas, wonach jeder streben soll im Leben, nicht nur im Radsport. Ich bin so stolz auf dich, Kumpel“, schrieb Cavendish.

Thomas' Karriere begann auf der Bahn

Thomas war in den 90ern und zu Beginn der Nullerjahre einer der hoffnungsvollsten Nachwuchsfahrer auf der Insel. Ganz nach britischer Tradition wurde er auf der Bahn ausgebildet, nutzte sein Talent und feierte im Oval mit den Olympiasiegen 2008 und 2012 in der Mannschaftsverfolgung seine größten Erfolge vor dieser Tour.

Auf der Straße lief der in Cardiff geborene Thomas Gefahr, bei den großen Rennen nicht über die Rolle des Adjutanten hinauszukommen. Nach seinen drei ersten Profijahren im kleinen Barloworld-Team kam er 2010 zu Sky, seit 2013 war er der wichtigste Helfer von Froome. Während die Mannschaft reüssierte, blieb Thomas oft glücklos: 2017 musste er den Giro als Mitfavorit wegen eines Unfalls abbrechen. Bei der Tour wenige Wochen danach holte er zum Auftakt in Düsseldorf Gelb, konnte aber auch das Rennen nach einem Sturz nicht beenden.

Nachdem er in diesem Jahr die Dauphiné-Rundfahrt als Generalprobe für die Tour gewonnen hatte und sich Froome beim Giro verausgabte, hätte Thomas offensiv die Führungsrolle beanspruchen können. Aber das ist nicht seine Art, trotz einer bestechenden Form, trotz zwei famosen Siegen in den Alpen. Am Ruhetag vor der letzten Woche verzichtete er bei einer Pressekonferenz neben Froome sogar auf sein Gelbes Trikot.

Vom wachsenden Hype wollte er lange nichts wissen. „Ich bin in meiner Blase geblieben, habe nichts gelesen, wollte fokussiert bleiben“, berichtete er. Dass seine Frau zum entscheidenden Zeitfahren am Samstag nach Espelette kommt, wurde ihm verschwiegen. Erst dort im Ziel übermannten ihn die Gefühle, die er drei Wochen in Zaum hielt. „Der Waliser ist gefahren wie ein Streber aus der ersten Reihe, mit Seitenscheitel, ohne Angst vor den wichtigen Schulaufgaben“, lobte die „L'Équipe“ und erkannte „keine Scherereien, keine Fehler“.

Vor ein paar Jahren zog er noch Spott auf sich

Dabei kann Thomas ausgelassen sein und feiern, einem Bier zur rechten Zeit ist er nicht abgeneigt. „Wenn ich 24 Stunden am Tag wie ein Mönch leben müsste, dann würde ich zusammenbrechen“, hatte er noch 2015 gesagt. Weil er zwischen dem Radsport und dem Privatleben mit Ehefrau Sara in Monaco den richtigen Mix fand, erreichte er Paris am Sonntag nicht in der „Silhouette eines Biertrinkers“, wie ihn die „L'Équipe“ vor einigen Jahren noch sah, sondern als Regent der Tour.

Noch vor der Krönung, irgendwo zwischen Alpen und Pyrenäen, erzählte seine Trainerin aus Kindertagen dem „Guardian“ eine Geschichte: Thomas habe ihrer 14 Jahre alten, erkrankten Tochter während der Tour ein Handyvideo geschickt. „Er ermutigte sie, weiter zu kämpfen und lobte ihren kleinen Bruder dafür, dass er so ein guter Bruder ist“, sagte Debbie Wharton der Zeitung. „Die ganze Familie hat geweint.“

Auch als König G vergisst Thomas nicht, was wichtig ist im Leben.

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