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Alt und vital. Timo Boll bespielt nach 15 Jahren wieder als Nummer eins der Welt die Tischtennisplatten. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa
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Tischtennis Timo Boll: Der Ballvorherseher

Warum Timo Boll auch mit 37 Jahren wieder an der Spitze der Tischtennis-Weltrangliste steht - und noch lange nicht Schluss ist.

Die Nummer eins der Tischtennis-Weltrangliste ist für das Wochenende in Berlin angekündigt. Nur musste Dimitrij Ovtcharov leider absagen, wegen einer Kapselverletzung spielt er bei den deutschen Meisterschaften nicht mit. Doch statt Ovtcharov, der mit seinen 29 Jahren gerade in der Blüte seiner Karriere steht, kommt die Nummer eins nun auf einmal trotzdem in die Ballsporthalle nach Hohenschönhausen. Sie heißt seit diesem Donnerstag Timo Boll.

15 Jahre, nachdem er das erste Mal ganz oben stand, rückt Boll wieder auf Platz eins vor. Am 8. März wird Boll 37 – so alt war noch nie ein Spitzenreiter der Weltrangliste im Tischtennis. Boll hat darauf in seiner verschmitzten Art reagiert: „Die älteste und die langsamste Nummer eins.“ Der Computer habe eben jetzt dieses Ergebnis ausgespuckt, „und ich möchte eine gewisse Freude nicht verhehlen.“

Was sagt das aber eigentlich aus, mit 37 die Nummer eins zu sein? Spricht das für Boll? Und für oder gegen Tischtennis? Oder sagt es einfach nur etwas über den Modus der Weltrangliste aus? Es ist von allem mindestens ein bisschen, von manchem sogar eine Menge. Um mit der Begleiterzählung anzufangen: Die Chinesen als Dominatoren der Sportart haben gerade etwas mehr mit sich selbst zu tun, das Trainerteam wurde ausgewechselt, es kam zu Streit. Dazu hat der internationale Verband ein bisschen an der Punktevergabe der Weltrangliste geschraubt. Wer viel spielt, profitiert jetzt mehr, dazu kommen noch ein paar Sondereffekte. Aber all das kann noch nicht erklären, warum Timo Boll wieder oben steht.

Es gibt gute Gründe, warum gerade Tischtennis solche Geschichten erzählt und vor allem einige, warum dabei jetzt Timo Boll im Mittelpunkt steht. Athletisch ist Tischtennis, körperlich belastend, weil der Gegner einem immer da hinspielen will, wo man es nicht erwartet. Aber der Kopf muss ebenso mitspielen, das macht die Sportart so schön komplex. Wenn die Schnellkraft nachlässt und die Regenerationsfähigkeit des Körpers auch, dann lässt sich das ausgleichen mit dem Einschätzungsvermögen, dass der Ball aller Erfahrung nach jetzt dorthin kommen wird und dabei diese oder jene Rotation hat. Dazu braucht es auch einiges an Spielintelligenz. Das ist die Lesekunst des Spiels.

Er zerlegt das Spiel bis ins kleinste Detail

Vor Boll gab es einige wenige, die das auch geschafft haben. Der Schwede Jan-Ove Waldner, der mit 38 Jahren noch ein olympisches Halbfinale erreichte, als er schon ein Bäuchlein vor sich hertrug. Oder sein Landsmann Jörgen Persson, der bei Olympia sogar mit 42 noch Vierter wurde. Was für Boll spricht? Da liefert Jörg Roßkopf, der Bundestrainer, eine Erklärung nach der anderen. Vorneweg: „Er hat das Spiel einfach verstanden.“
Das Spiel betrachtet Boll als „Hochgeschwindigkeitsschach“, er wägt vor und im Ballwechsel alle Möglichkeiten ab, arbeitet mit Wahrscheinlichkeiten. Das kommt ihm vor allem bei den Situationen zugute, die das Tischtennis derzeit prägen: Aufschlag und Rückschlag. „Da zerlegt er das Spiel bis ins Kleinste. Andere, die nach ihm kommen, haben das vernachlässigt“, sagt Roßkopf. Selbst mancher der besten Chinesen sei im Aufschlag-Rückschlag-Spiel nicht so stark wie Boll. „Die Power der Chinesen hat Timo nicht.“ Aber was nützt die größte Schlaghärte, wenn der Ballwechsel schon nach wenigen, überlegten Spielzügen vorbei ist?

Bolls Hochbegabung ist auch sein Gemüt. Er findet die richtige Balance zwischen Anspannung und Entspannung. „Er macht sich nicht verrückt, auch wenn es mal nicht so gut läuft. Andere bekommen dann die Hektik“, sagt Roßkopf, der auch erst mit 41 sein Karriereende erklärte. So erlebt er mit Boll besondere Momente: „Er macht zwei Wochen Pause und spielt dann trotzdem einen phantastischen Wettkampf.“ Im Gegensatz dazu würde etwa Dimitrij Ovtcharov „nach so einer Pause am liebsten am Tag vorher noch zwölf Stunden trainieren“. Die Kunst, sich Training, Wettkämpfe und Pause einzuteilen, beherrsche Boll perfekt, „das kann man auch nicht lernen.“

Sein Spiel hat Boll immer weiterentwickelt. Roßkopf geht dabei ins Detail. „Auf einen halblangen Ball spielt er jetzt aggressiver.“ Über das Karriereende habe er sich mit Boll jedenfalls noch nie unterhalten. Die Olympischen Spiele 2020 in Tokio sind bei Timo Boll fest eingeplant, seinen Vertrag beim Bundesligisten Borussia Düsseldorf hat er bis 2022 verlängert. „Ich habe ihm gesagt: Er soll so lange spielen wie möglich“, erzählt Roßkopf, „es gibt nichts Schöneres.“

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