Silke Kassner, 41, (rechts im Bild neben Michael Vesper und Max Hartung) ist Kanutin und stellvertretende Vorsitzende der Athletenkommission des DOSB. Sie hat den neuen Verein für deutsche Athleten mitgegründet. Foto: promo
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Spitzensport in Deutschland "Zwei Drittel der Athleten sind nicht versorgt"

Silke Kassner, stellvertretende Vorsitzende der Athletenkommission im DOSB, spricht über die Situation im Spitzensport und die Gründung eines unabhängigen Vereins.

Frau Kassner, sehen Sie sich als Gründer des neuen Vereins „Athleten Deutschland“, der sich unabhängig vom Deutschen Olympischen Sportbund für Sportler einsetzen will, als Revolutionäre oder Reformer?

Wir sehen uns als Reformer und Visionäre. Wir wollen die Arbeit der Athletenkommission professionalisieren und erleichtern. Dazu brauchen wir Manpower, die Athleten unterstützt, damit wir von der Basis herauf Themen erkennen und die Interessen der Athleten vertreten können, egal ob beim DOSB, bei der Sporthilfe, bei der Nationalen Antidoping Agentur (Nada) oder bei den Stützpunkten. So etwas macht man nicht nebenbei.

Gab es einen Moment, in dem Ihnen und Ihrem Kollegen Max Hartung, dem Ersten Vorsitzenden der Athletenkommission, klar wurde, dass Sie es nicht mehr ehrenamtlich schaffen?

Ich muss speziell auf die Arbeit in den letzten drei Jahren hinweisen. Eine unserer Aufgaben ist es, den Kontakt zu den Athleten zu pflegen. Wir reden hier von 60 Sportverbänden, alleine im Nada-Testpool befinden sich fast 9000 Spitzensportler. Die sind alle gleich wichtig, mit denen wollen wir gleichermaßen in Kontakt stehen. Das ist mit einem siebenköpfigen ehrenamtlichen Team aber einfach nicht zu schaffen. Das hat sich auch bei der Vorbereitung von konkreten Themen gezeigt, zum Beispiel beim Anti-Doping-Gesetz, zu dem wir Stellung nehmen sollten. Wir sind keine Juristen, wir können es nicht leisten, uns nebenbei in solche Fragestellungen einzuarbeiten. Oder die Diskussion um die Sportgerichtsbarkeit und die Neuausrichtung des internationalen Anti-Doping-Systems. Wir Athleten wollen an den Prozessen, die zur Entscheidung führen, stärker beteiligt werden. Die Spitzensportreform ist ein ähnliches Beispiel. Wir müssen uns gerade deshalb aber die Frage stellen: Wie stellen wir uns in Zukunft auf? Ich kann mich nicht von Training, Beruf und Studium freistellen lassen, um mich in all diese komplexen Fragen einzulesen. Deshalb ist die Athletenkommission als rein auf freiwilligen Vertretern basierendes Organ nicht mehr zeitgemäß.

Hat die Arbeit in der Athletenkommission auch Ihren Alltag beeinträchtigt?

Ich hatte kaum noch Zeit, professionell Sport zu machen. Max Hartung hat sportlich auch enorm eingebüßt. Auch andere Kommissionsmitglieder konnten die Themen, für die sie eingesetzt sind, nur noch halbherzig bearbeiten. Was aber noch wichtiger ist, sind die Zeit und der Raum für Gespräche mit den Athleten. Es geht um eine Bandbreite von Fragen: Läuft der Alltag mit einer dualen Karriere? Gibt es Probleme mit dem Spitzenverband? Gibt es rechtliche Fragen?

Die Spitzensportreform scheint ein großes Thema bei Ihnen zu sein, das Ihnen noch mehr Arbeitsbelastung bringt.

Das Thema beschäftigt uns natürlich sehr. Nur eine Änderung der Strukturen reicht nicht, das hat zum Beispiel die Bundeswehr sehr gut verstanden: Die will nicht nur Stellen mit Freistellung für Athleten schaffen, sondern auch für Ausbildung und Weiterbeschäftigung nach der Karriere sorgen, auch im zivilen Bereich. Es geht um mehr als nur die Trainingsbedingungen: Es geht um Ausbildung, um medizinische Versorgung, um die Zeit nach der Karriere. Deswegen richtet die Bundeswehr auch gerade einen Studiengang für Sportler ein. Aber die Bundeswehr kann keine Lösung für alle Athleten sein. Es gibt 744 Plätze beim Bund, dann noch einmal 400 bei der Polizei. Das bedeutet, dass man zwei Drittel der Athleten nicht versorgen kann. Das hat die Politik auch sehr gut verstanden.

Sie haben sich dazu auch mit dem Sportausschuss des Bundestags ausgetauscht.

Wir hatten in diesem Jahr mehrfach Gelegenheit, uns mit dem Ausschuss und dem Innenministerium auszutauschen. Das ist ein Fortschritt, denn es wurde sehr viel über die Athleten geredet, aber kaum mit ihnen. Die Vertreter der großen Koalition haben dann einen Entschließungsantrag ins Parlament eingebracht, die Gründung einer unabhängigen Interessenvertretung der Athleten zu unterstützen. Unser Vorhaben werden wir auch mit den Vertretern der neuen Regierungskoalition diskutieren, aber auch mit der SPD und der Linken. Das sind öffentliche Mittel und Steuergelder. Aber ich glaube auch, dass es ein öffentliches Interesse an einem professionell organisierten Spitzensport gibt.

Wie ist der Gründungsprozess bei der Vollversammlung im Oktober verlaufen?

Vergangenes Jahr bei der Vollversammlung in Bonn haben wir den Athleten bereits unsere Arbeitsbelastung dargelegt. Die Athleten haben das gut verstanden. Sie spüren auch im Alltag, dass die Anforderungen höher geworden sind. Wir haben dann ein Jahr lang geprüft, wie hoch die Arbeitsbelastung ist, was für Unterstützung wir brauchen, um professionell arbeiten zu können und auch das Vereinsmodell geprüft. Die Athleten wollten das, das war deutlich spürbar. Deswegen haben wir auch gleich an dem Wochenende den Gründungsakt vollzogen. Wir hielten es für wichtig, eine ordentliche Rechtsform zu haben, damit wir eine vernünftige Ausgangssituation für Gespräche haben.

Es gab viel Kritik, weil sie bewusst aus bisherigen Strukturen ausgeschert sind. Wie verlief der Dialog mit dem DOSB?

Der DOSB hat die neue Entwicklung kritisch gesehen, wohl auch, weil lange in der Öffentlichkeit der Begriff „Gewerkschaft“ benutzt wurde. Wir sind als Kommission an internationale Regeln gebunden, an die wir uns auch weiterhin halten wollen. Es geht uns mit dem Verein um die operative und organisatorische Unterstützung der Athletenkommission und der Athletenvertreter. Dem DOSB zu erklären, dass wir keine Gewerkschaft sind und dass es nicht darum geht, die Athletenkommission zu ersetzen, hat ein Weilchen länger gedauert, und ich bin mir immer noch nicht sicher, ob es vollständig verstanden wurde. Bei den Verbänden sah das anders aus, da wurde schnell verstanden, dass es uns darum geht, die Athleten bestmöglich zu unterstützen. Wir wollen das Sportsystem sinnvoll ergänzen und zum erfolgreichen Spitzensport sowohl auf dem Spielfeld als auch in der Gestaltung der Rahmenbedingungen für Training und Wettkampf beitragen.

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