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Dass Clarisse Cremer als erste Frau ins Ziel gelangt, bedeutet ihr nichts, sagt sie nach ihrer Ankunft. "In diesem Sport macht das Geschlecht keinen Unterschied." Foto: Olivier Blanchet / VG2020
© Olivier Blanchet / VG2020

Sie ist die jüngste Teilnehmerin Französin erreicht als erste Frau das Ziel beim Vendée Globe

Die 31-jährige Clarisse Cremer belegt am Ende Rang zwölf. Sie braucht 87 Tage für die Nonstop-Weltumseglung – und stellt damit einen Rekord ein.

Manche, die das Vendée Globe bestreiten und Gewalt über eine der seltenen 18-Meter-Yachten der Imoca-Klasse gewinnen wollen, müssen jahrelang warten, und sie empfehlen sich immer wieder vergeblich mit guten seglerischen Leistungen, während es anderen leichter gemacht wird, als ihre Erfolge es rechtfertigen.

Zu letzteren gehörte zweifellos Clarisse Cremer. Als die zierliche Französin 2018 von Banque Populaire unter Vertrag genommen wurde, hatte sie von allem, was dafür nötig war, allenfalls Ansätze gezeigt. Doch mit ihrem fröhlichen, oft unbedarft wirkenden Charme und ihren kämpferischen Augen strahlt Cremer eine seltene, bei Profis oft unterentwickelte Freude am Segeln aus.

Die scheint ihr auch nicht abhanden zu kommen, wenn es mal nicht gut läuft. Cremer stand mehr für ein Versprechen als eine Garantie. Genau das, was die französische Volksbank suchte.

Die hatte den vormaligen Vendée-Globe-Gewinner Armel Le Cleac'h finanziert. Und weil der anschließend in die Kaiserklasse der Ultime-Trimarane wechselte und sich ein - bis heute nicht fertiggestelltes - Rekordschiff bauen ließ, überlegte die Bank, was sie in der Zwischenzeit unternehmen könne. Weil Cremer ein beachtenswerter zweiter Platz beim Mini-Transat 2017 gelungen war, setzte sich Banque Populaire darüber hinweg, dass eine Debütanten wenigstens ein großes Rennen gewonnen haben sollte, um in die Nähe der größeren Budgets zu gelangen.

Doch das Versprechen hat gehalten.

Auf die Zunge beißen. Clarisse Cremer hat sich bei einem Manöver verletzt. Foto: Clarisse Cremer / VG2020 Vergrößern
Auf die Zunge beißen. Clarisse Cremer hat sich bei einem Manöver verletzt. © Clarisse Cremer / VG2020

Am Mittwoch überquerte die 31-jährige Cremer die Ziellinie des Vendée Globe als 12. Sie ist die erste Frau, die nach 87 Tagen wieder in Les Sables d'Olonne eintrifft. Damit stellt sie den zwanzig Jahre bestehenden Rekord von Ellen MacArthur ein, die 94 Tage für die Nonstop-Weltumsegelung gebraucht hatte.

Wenn Cremer auch zu keiner Zeit etwas mit dem Ausgang des Rennens zu tun hatte, dessen Sieger Yannick Bestaven vor einer Woche ins Ziel gelangte, so hat sie einen wohltuenden Kontrapunkt zu dem verbissenen Bewährungshunger vieler Kontrahenten gesetzt. Niemand hat diese Nonstop-Weltumsegelung so leicht aussehen lassen wie sie.

Den Südozean hatte sie noch nie gesehen

Dabei war sie beim Start die am wenigsten erfahrene der sechs Teilnehmerinnen. Den Südozean hatte sie noch nie gesehen. Und der entbehrungsreichen Karriere einer Rennsportlerin, wie Isabelle Joschke sie verfolgte, hatte sie die Gründung eines Startups vorgezogen, mit dem sie Abenteuerreisen vermittelte.

So hat die Absolventin einer Pariser Elite-Hochschule vielleicht am meisten von der sich langsam durchsetzenden Überzeugung profitiert, dass Frauen in diesem harten Geschäft ebenfalls bestehen können, wenn man ihnen das richtige Schiff gibt.

Am Anfang habe sie ihren Mangel an Erfahrung gespürt, sagt Cremer. Gegen Ende ihrer Reise hatte die 31-Jährige mit Stürmen zu kämpfen. Foto: Clarisse Cremer / Banque Populaire X Vergrößern
Am Anfang habe sie ihren Mangel an Erfahrung gespürt, sagt Cremer. Gegen Ende ihrer Reise hatte die 31-Jährige mit Stürmen zu kämpfen. © Clarisse Cremer / Banque Populaire X

Die "Banque Populaire X", Baujahr 2011, ist ein Juwel ihrer Generation. Sie hatte bereits mehr Rennen als jede andere Imoca-Yacht gewonnen, bevor sie für Cremer optimiert wurde. Unter dem Namen "Macif" war sie beim Vendée Globe 2013 siegreich gewesen, setzte ihre Erfolgsserie als "SMA" fort und wurde nach einer schweren Havarie des vormaligen Skippers an Banque Populaire verkauft.

Der neue Sponsor entschied, das ohnehin schnelle Boot nicht mit Foils nachzurüsten. Wohl auch, weil die damit verbundenen Erwartungen die Debütantin überfordert hätten. Sie sollte Gelegenheit haben, sich als das Girl next door zu profilieren, das sie ist.

Die Rollen in diesem Rennen werden nach Charaktereigenschaften verteilt

Es ist wahr, was Isabelle Joschke sagt, dass die Rollen in diesem Rennen nach Charaktereigenschaften verteilt werden. Denn das Rennen ist zu lang, um nicht jedem der 33 Soloskipper in die Seele zu blicken.

Das gilt auf besondere Art für die sechs Frauen, die sich zum Teil seit vielen Jahren auf Top-Niveau bewegen, aber erst durch ihre Teilnahme an diesem Abenteuer in den Fokus einer breiten Öffentlichkeit geraten sind.

Sam Davies, 46, setzt ihre Weltumsegelung nach einem Reparaturstopp in Kapstadt außerhalb der Wertung fort. Foto: Anne Beauge Vergrößern
Sam Davies, 46, setzt ihre Weltumsegelung nach einem Reparaturstopp in Kapstadt außerhalb der Wertung fort. © Anne Beauge

Zwei von ihnen mussten das Rennen vorzeitig beenden. Die Deutsch-Französin Isabelle Joschke brach es nach einem Kielschaden ab und steuerte ihr lädiertes Schiff nach Salvador de Bahia, und die Britin Sam Davis lief nach einer Kollision Kapstadt an, um die angeknackste Kielstruktur reparieren zu lassen.

Beide hatten sich zuvor berechtigte Hoffnungen auf einen der vorderen Plätze gemacht. Denn obwohl mit älteren Booten ausgestattet, waren diese aufwendig nachgerüstet und mit den Turbo-Foils der jüngsten Generation versehen worden, was die beiden Frauen, solange sie sich im Rennen befanden, sehr schnell unterwegs sein ließ.

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Sie wurden allerdings zu stark beansprucht, mental und physisch, um nebenbei noch amüsante Videobotschaften von Bord zu schicken, wie es Cremer tut. Selbst als sie sich bei einer Kletteraktion im Gesicht verletzt, goutiert sie das Missgeschick mit einem breiten, blutigen Lächeln.

Ein andermal filmt sie sich beim Singen ihrer Lieblingssongs wie es Teenager tun, und der ironische Zug in ihrem Gesicht verrät, dass sie um die Koketterie weiß. Das Boot wird zur Bühne alltäglicher Minidramen wie dem, dass sie irgendwann ihre letzte Pampelmuse isst.

Schweigsame Lady. Die Britin Miranda Merron, 51, hat schon zu viel mitgemacht für Sperenzien. Foto: Team Campagne de France Vergrößern
Schweigsame Lady. Die Britin Miranda Merron, 51, hat schon zu viel mitgemacht für Sperenzien. © Team Campagne de France

Damit ist Cremer so ziemlich das exakte Gegenteil von Miranda Merron, mit ihren 51 Jahren die älteste, die schon viermal den "Großen Süden" und seine endlosen Wasser befahren hat. "Ich habe dort noch nie ein anderes Schiff gesehen", sagt die Britin. "Dort unten ist niemand."

Mit ihrer rauen, tiefen Stimme und ihrem trockenen britischen Humor grunzt sie Fragen nach ihrem reichlichen Tee-Vorrat belustigt weg. Einen großen Sponsor wie Cremer hat sie nicht. "In den ersten 24 Stunden des Rennens glaubt man ständig, dass noch jemand an Bord ist", sagt sie einmal. "Der Wind nimmt zu und du wunderst dich, warum die andere Person sich nicht um die Segel kümmert."

Ann Davison war einst die erste Soloseglerin, die den Atlantik überquerte

Lange kannte Merron es nur so. Sie war als Neunjährige mit ihren Eltern erstmals über den Atlantik gesegelt, zählte später zu der legendären Frauen-Crew von "Maiden", war an Bord, als Dee Caffari 2009 nur mit Frauen - darunter Davies - einen Rekord für die Umrundung der Britischen Inseln und Irlands aufstellte.

Mag sie auch 3000 Meilen hinter Cremer zurückliegen, so steht sie für eine weibliche Traditionslinie im Hochseesegeln, die für sie mit einem Besuch bei Ann Davison begann, der ersten Soloseglerin, die den Atlantik überquerte. Merrons Mutter hatte ihre Tochter bei der Dame abgesetzt, damit sie sich anhörte, was sie zu sagen hatte.

"Jetzt habe ich mir meine Streifen verdient." Clarisse Cremer an Kam Hoorn. Foto: Cremer Vergrößern
"Jetzt habe ich mir meine Streifen verdient." Clarisse Cremer an Kam Hoorn. © Cremer

"Ich habe beinahe jeden Tag geweint", sagt Cremer. Anfangs habe sie deutlich ihr Defizit in Sachen Erfahrung gespürt. Dennoch sei ihr nie der Gedanke gekommen, aufzugeben. Stattdessen habe sie "den Kopf ausgeschaltet und einfach weitergemacht".

Die meiste Zeit über lag sie nur einige hundert Meilen hinter der Spitzengruppe, lieferte sich mit Romain Attanasio, dem Lebensgefährten von Sam Davies, ein packendes Duell unter Nicht-Foilern, entkam schließlich nach Norden, wo die Stürme immer stärker wurden, je näher sie zum Ziel gelangte. All das schien ihr nichts anhaben zu können. Geholfen haben dürfte ihr überschäumendes Temperament. Es schadet nicht, sich an kleinen Dingen zu begeistern, wenn es sie über die nächste große Schwierigkeit hinweghelfen.

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