Zum Corona-Überblick: Alle Zahlen zu SARS-CoV-2 in Deutschland
Freiburg-Trainer Christian Streich muss nach der Niederlage auf der Siegerehrung am DFB-Pokal vorbeilaufen. Foto: Revierfoto/imago images
© Revierfoto/imago images

„Sie hatten in dem Moment dann was zu verlieren“ Von vergebenen Freiburger Chancen und wahrer Größe

Charlotte Bruch

Der SC Freiburg hat das erste DFB-Pokalfinale seiner Vereinsgeschichte verloren und kann trotzdem stolz sein auf eine beeindruckende Saison.

Lucas Höler schien auf und davon, dann wurde er mit einem beherzten Griff an die Schulter durch Marcel Halstenberg gestoppt und zu Fall gebracht. Ab der 57. Minute spielte RB Leipzig nur noch zu zehnt im DFB-Pokalfinale. Der SC Freiburg lag zu diesem Zeitpunkt mit 1:0 in Führung. Es war vielleicht der entscheidende Moment im Pokalfinale zwischen Freiburg und Leipzig, denn plötzlich fing es an, in den Köpfen der Freiburger zu arbeiten, so hatte es Christian Streich beobachtet.

„Dann kommt die Rote Karte und dann ist die Situation so, du führst 1:0 als SC Freiburg gegen RB Leipzig und bist einer mehr“, sagte Freiburgs Trainer. „Und dann hat der ein oder andere Spieler ein ganz kleines bisschen gedacht, jetzt will ich keinen Fehler machen. Einen Querpass oder sowas und dann gibt es das Unentschieden.“

[Wenn Sie aktuelle Nachrichten aus Berlin, Deutschland und der Welt live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]

Zum ersten Mal überhaupt in ihrer Vereinsgeschichte waren die Freiburger im Finale um den DFB-Pokal und auf einmal war der Titel zum Greifen nahe. Es schien alles angerichtet, die Fans der Breisgauer, die für eine tolle Atmosphäre in der Ostkurve sorgten, wurden nochmal lauter und der Glaube an einen Freiburger Pokalsieg wuchs zunehmend im Verlauf der zweiten Hälfte.

Womit wahrscheinlich die wenigsten gerechnet hatten war, dass der Platzverweis nicht etwa der Freiburger Mannschaft Auftrieb gab, sondern vielmehr die Leipziger aus ihrem Tiefschlaf weckte, die vor allem in der ersten Halbzeit dem Druck nicht gewachsen schienen und über weite Strecken des Spiels sehr zurückhaltend agierten und den bissigen Freiburgern wenig entgegenzusetzen hatten.

Die Nervosität war zu groß bei Freiburg

In den letzten 30 Minuten der regulären Spielzeit dominierte dann aber das Team von Domenico Tedesco das Spielgeschehen, während Streich auf der anderen Seite nur noch hilflos mitanschauen konnte, wie es seine Spieler mit der Angst zu tun bekamen, Fehler zu machen und die Führung noch zu verspielen.

Man konnte beinahe dabei zusehen, wie die Nervosität bei ihnen stieg, denn wann würde sich das nächste Mal solch eine große Gelegenheit ergeben. Streich gab am Spielfeldrand sein Bestes, den Spielern das nötige Selbstbewusstsein zu geben, es zu Ende zu bringen, doch auch er scheiterte: „Ich habe es versucht und ich glaube Einzelne haben es dann auch gehört, aber es ist nicht so einfach für die Jungs. Sie hatten in dem Moment dann was zu verlieren.“

Und genau das ist der entscheidende Punkt. Während der Sportclub die besten Chancen hatte, den Titel zu gewinnen, hatte Leipzig nichts mehr zu verlieren, setzte alles auf eine Karte und sollte am Ende dafür belohnt werden. Dabei war es schon so, dass nicht Leipzig sich gerade so in die Verlängerung retten konnten, sondern eher Freiburg etwas glücklich das Unentschieden halten konnte, bedenkt man den Abschluss vom eingewechselten Dani Olmo fünf Minuten vor Schluss.

In der Verlängerung selbst fing sich Freiburg dann wieder und scheiterte dramatisch drei Mal am Aluminium, sodass es ins Elfmeterschießen ging, der Rest ist bekannt. Dass es am Ende dann ausgerechnet Christian Günter war, der als Erstes einen Elfmeter vergab, passte in die Dramatik des Abends aus Freiburger Sicht.

„Ich schaffe es nicht mehr, mich zu ärgern“

Was auch ins Bild passte, war die Reaktion der Freiburger Fans, von denen kaum einer gegangen war, als die Niederlage endgültig feststand. Sie feierten zu Recht ihre Mannschaft und allen voran ihren unglücklichen Kapitän. Im Vorfeld das Spiels hatte Streich gesagt, es wäre kein Weltuntergang, wenn sie nicht gewinnen würden und er sollte Recht behalten.

Die Freiburger präsentierten sich als ausgesprochen faire Verlierer, die letztendlich dann doch weniger zu verlieren hatten als Leipzig, denen nach drei Finalteilnahmen in vier Jahren endlich der Pokalsieg geglückt war. Natürlich feierten die Leipziger entsprechend ausgelassen vor ihrer Kurve, doch am Ende blieb das Bild der Freiburger Mannschaft im Kopf, wie sie bei ihrer Ehrenrunde im Stadion gefeiert wurden, als hätten sie gerade den Pott geholt.

[Mehr guten Sport aus lokaler Sicht finden Sie – wie auch Politik und Kultur – in unseren Leute-Newslettern aus den zwölf Berliner Bezirken. Hier kostenlos zu bestellen:leute.tagesspiegel.de]

„Ich schaffe es nicht mehr, mich zu ärgern. Morgen schon und übermorgen, weil wir verloren haben, aber ich schaffe es nicht heute“, sagte ein nachdenklicher Streich. Er erzählte, er sei lange nicht so nervös gewesen vor dem großen Spiel wie vor einem in der Bundesliga, die für ihn das täglich Brot sei und das, was Halt gebe.

Es werden wohl ein paar Tage vergehen müssen, bis auch seine Spieler nicht mehr der verpassten Chance auf einen Titel nachtrauern und sich wieder daran erinnern werden, was sie in dieser Saison geleistet haben. Denn ab Sommer wird es für den kleinen Klub aus dem Breisgau, der am Samstagabend im Olympiastadion wahre Größe zeigte, international auf Reisen gehen.

Zur Startseite