Volle Fahrt voraus. Auch Viktoria Rebensburg (im Bild) profitiert seit vergangenem Jahr von Chris Krause. Der US-Amerikaner ist beim Deutschen Skiverband (DSV) angestellt und soll am Technologiezentrum in Berchtesgaden dafür sorgen, dass die deutschen Athleten bestmögliches Material haben. Foto: Joe Klamar/AFP
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Serie Materialschlacht, Teil 2 Ski Alpin: Auf das Tuning kommt es an

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Im Ski Alpin entscheiden Hundertstelsekunden. Deshalb hängt der Erfolg auch von der Arbeit der Serviceleute ab. Der DSV ist gut aufgestellt.

Im Sport kommt es nicht immer nur auf den Athleten an. In unserer neuen Serie „Materialschlacht“ beschreiben wir, wie viel durch Technik und Material in verschiedenen Sportarten bestimmt wird.

Chris Krause kann sich noch sehr gut erinnern an die spannenden Zeiten. Dabei ist es bereits annähernd 20 Jahre her, als der Slalomski fast schon zu einer anderen Sportart mutierte. Der junge Österreicher Mario Matt raste in der Saison 1999/2000 allen davon, weil er mit Skiern unter den Füßen fuhr, die für viele seiner Kollegen wie ein schlechter Witz aussahen. Sie waren fast 30 Zentimeter kürzer als die üblichen und an Schaufel und Enden waren sie viel breiter als unter der Bindung: Der Carving-Skier, bereits seit über zehn Jahren auf dem Markt, hatte sich endgültig durchgesetzt. Alte Helden im Slalom wie etwa der Österreicher Thomas Stangassinger waren plötzlich chancenlos, weil sie den Wechsel auf den Carving-Skier verpasst hatten. „Das war eine Revolution“, sagt Krause. Der 47 Jahre alte US-Amerikaner ist seit 2018 Cheftechniker Alpin des Deutschen Skiverbandes (DSV). Er arbeitet am Technologiezentrum des DSV in Berchtesgaden. Krause soll dafür sorgen, dass die deutschen RennfahrerInnen wenn überhaupt an sich selbst scheitern – nicht aber am Material. Manchmal sehnt sich Krause ein bisschen nach den vergangenen Zeiten. Denn von einer Revolution ist der Skisport derzeit meilenweit entfernt.

„Seit damals hat sich die Taillierung der Skier im Wesentlichen nicht geändert“, sagt Krause. „Wir können nur das Feintuning vornehmen. Die Skier werden allerdings von den Herstellern gebaut.“ Und die wiederum sind an die engen Vorgaben des internationalen Ski-Verbandes (Fis) gebunden. Der legt minutiös fest, wie lang oder breit die Skier sein dürfen. Das macht die Arbeit von Krause vielleicht etwas weniger spannend, dafür aber noch mühseliger. Es kommt auf Winzigkeiten an, die den Unterschied ausmachen.

Zum Feintuning zählt unter anderem das Wachsen und das Schleifen der Skier. Und das ist tatsächlich eine Wissenschaft für sich. Die Skier werden je nach Fahrer unterschiedlich bearbeitet. Gerade beim Schleifen geht es um die Winkel der Belagskanten. Mit dem perfekten Winkel kann man mehrere hundertstel Sekunden herausholen. Das ist sehr viel Schufterei für vermeintlich wenig Zeit. „Aber das kann entscheidend sein“, sagt Krause. In ihre Überlegungen, wie sie die Skier und die Skischuhe einstellen und präparieren, beziehen die Serviceleute auch die jeweilige Strecke mit ein, die sie an den entscheidenden Stellen vermessen und analysieren. Die Schwierigkeit liegt besonders darin, aus einem Wust von Daten das Wichtigste herauszupicken und die theoretischen Erkenntnisse in die Praxis umzusetzen. Servicemänner sind gewissermaßen auch Mathematiker und Chris Krause ist einer der besten im Skizirkus.

Ein guter Servicemann ist Bedingung, um vorne mitzufahren

1994 absolvierte er ein Praktikum bei einem französischen Skihersteller. Krause blieb fortan der Arbeit am perfekten Ski treu. 2000 war er erstmals als Servicemann beim Weltcup dabei, damals für den kanadischen Skiverband. Es ist dies ein Knochenjob mit vielen Reisen rund um den Globus. Krause machte sich schnell einen Namen. Später arbeitete er für die Besten der Szene, zum Beispiel für den US-Amerikaner Bode Miller oder den Schweizer Didier Cuche. „Auch die großen Fahrer brauchen den optimalen Ski, um am Ende ganz oben zu stehen“, sagt er. „Für alle anderen ist das Material noch wichtiger.“ Soll heißen: Ohne einen guten Servicemann braucht sich ein Weltcupfahrer mit Ambitionen gar nicht erst auf die Piste zu wagen.

Für den DSV ist Krause so etwas wie ein Sechser im Lotto. Von seiner Expertise profitieren etliche SpitzenfahrerInnen wie etwa die Olympiasiegerin Viktoria Rebensburg. „Wir müssen sehr hart arbeiten, um innerhalb der starken Reglementierung durch die Fis Vorteile gegenüber der Konkurrenz zu erzielen“, sagt Krause. Der internationale Skiverband wirkt und wirkte in den vergangenen Jahrzehnten tatsächlich wie eine Bremse im Alpinensport. Neuerungen wurden und werden oft gar nicht oder nur zögerlich eingeführt.

Bestes Beispiel dafür ist der Airbag für die Abfahrer. Dieser ist technisch längst ausgereift und verspricht wesentlich mehr Sicherheit. Dennoch macht die Fis die Einführung bei den Rennen nicht verpflichtend. Es schwebt immer noch die nach Dafürhalten von Experten wie Krause unberechtigte Angst mit, dass der Airbag grundlos ausgelöst werden könnte und so Rennen entscheidet. „Es könnte schon manchmal etwas schneller gehen beim internationalen Skiverband“, sagt Krause.

Im Technologiezentrum fühlt sich Krause wohl. Er muss nicht mehr die vielen anstrengenden Reisen alle mitmachen. Vor allem aber darf er spannende Pionierarbeit leisten. Das Zentrum hat in dieser neuen Konzeption mit ihm als Cheftechniker bei den Ski Alpinen erst im vergangenen Jahr seine Arbeit aufgenommen. Personell sind sie an der Einrichtung zwar noch nicht so ausgestattet, wie das wohl in den kommenden Jahren der Fall sein wird. „Es geht aber beim DSV in die richtige Richtung“, sagt Krause. Er selbst soll diese maßgeblich mitbestimmen. Diese in der Öffentlichkeit kaum beachtete Personalie könnte noch von durchschlagender Wirkung sein für den deutschen Skirennsport.

Bisher erschienen: „Die Kufen beim Rodeln“ am 4. Januar.

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