Überflieger. Nationalspieler Sebastian Ferreira (rechts oben) kämpft um die sogenannte Gasse bei einem Länderspiel gegen Belgien. Foto: Jürgen Keßler/dpa
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Sebastian Ferreira vor der Rugby-WM "Wir Jungs spielen in einer kleinen Nische"

Emil Lauer

Sebastian Ferreira ist Kapitän des deutschen Rugby-Nationalteams. Im Interview spricht er über die verpasste WM und die Probleme seiner Sportart.

Am Freitag beginnt die Rugby-Weltmeisterschaft in Japan, eines der größten Sportevents der Welt. Die deutsche Mannschaft hat die Qualifikation knapp verpasst. Nationalspieler Sebastian Ferreira, 25, ist in Südafrika geboren und zur Zeit Kapitän des Nationalteams. Wir haben vor der WM mit ihm gesprochen.

Herr Ferreira, am Freitag beginnt die Weltmeisterschaft in Japan. Sie haben mit der deutschen Nationalmannschaft die Qualifikation knapp gegen Kanada verpasst. Woran lag es?
Wir waren gut vorbereitet, aber beim Spiel gegen die kanadische Mannschaft haben ein paar Dinge nicht so funktioniert. Deshalb haben wir es am Ende dann nicht geschafft.

Mit dem Abstieg in die dritte europäische Liga folgte auf die verpasste WM-Qualifikation der nächste sportliche Rückschlag für das deutsche Rugby.
Die Probleme gehen ganz weit zurück. Bei diesem Abstieg gab es keine Unterstützung für die Spieler, die jeden Tag arbeiten und sich zum Beispiel extra für ein Spiel in Georgien Urlaub nehmen mussten. Und dann haben wir mit einer falschen Taktik gespielt. Das ist kein Angriff auf die Spieler, die waren bereit für Deutschland zu spielen und auch alles reingehauen haben. Sie wurden aber einfach nicht unterstützt.

Haben Sie die Hoffnung, dass sich das deutsche Team in einer unteren Liga wieder neu aufstellen kann?
Bis jetzt habe ich noch nichts vom Deutschen Rugby Verband gehört. Ich kann dazu nichts sagen. Aber ich hoffe, dass sie einen Plan für eine sehr, sehr starke Saison haben. Bisher weiß ich noch gar nicht, wer Trainer ist oder wie es mit dem Kader aussieht. Ich glaube, wenn ein paar junge und ein paar alte Spieler zusammenkommen und eine gute Vorbereitung spielen, können wir es schaffen. Das wird aber ziemlich schwer, wenn man sich die letzten Jahre von uns in der zweiten Liga ansieht. Die Jungs, die in Frankreich spielen, würden jetzt wahrscheinlich auch nicht immer frei bekommen für die dritte Liga.

Heidelberg gilt in Deutschland als das Zentrum für Rugby. Was läuft dort gut und was könnte man noch verbessern?
Heidelberg war die erste Stadt, in der in Deutschland professionell Rugby gespielt wurde – und man muss ja irgendwo anfangen, um erfolgreich zu werden. Man könnte das alles noch ein bisschen mehr ausbreiten und mehr Sponsoren akquirieren. Diese könnten dann mehr Klubs unterstützen – und hier und dort ein paar Spieler besser fördern.

Können Sie sich erklären, warum Rugby sich in Deutschland so schwer tut?
In Deutschland gibt es mit Fußball, Handball und Leichtathletik die großen bekannten Sportarten. Dann gibt es halt noch eine kleine Nische, in der ein paar gute Jungs Rugby spielen. Die Unterstützung mit Sponsoren für Spieler ist ganz, ganz klein, im Gegensatz zum Fußball. In Frankreich haben sie genug Geld für eine Profiliga. Wenn man einen Sport professionell betreiben kann, ist das besser als auf Amateurniveau.

Wie kam es dann dazu, dass Sie als gebürtiger Südafrikaner für die deutsche Nationalmannschaft spielen? Sie sind ja sogar Kapitän.
Meine Oma ist Deutsche, sie kommt aus Dorsten. Und meine Mutter wurde zwar in Namibia geboren, ist aber auch Deutsche. Sehr, sehr viele aus meiner Familie wohnen in Deutschland – Tanten, Onkel und Cousinen.

Sebastian Ferreira, 25, ist ein in Südafrika geborener deutscher Nationalspieler im Rugby. Foto: Jürgen Keßler/dpa Vergrößern
Sebastian Ferreira, 25, ist ein in Südafrika geborener deutscher Nationalspieler im Rugby. © Jürgen Keßler/dpa

Derzeit spielen Sie bei einem Klub in Frankreich. Zuvor waren Sie in Südafrika, England und Deutschland. Das ist ein eher ungewöhnlicher Weg.
Ja, das ist kein ganz gewöhnlicher Weg. Ich war schon in vielen Ländern und habe schon überall Rugby gespielt. Und es hat mir gefallen, was ich da alles lernen konnte. Eigentlich will ja jeder etwas Festes im Leben haben, aber ich durfte schon viel reisen, habe auch viele Freunde gefunden und viele Erinnerungen und Erfahrungen gesammelt. Das geht auch immer weiter hier in Frankreich. Ich würde es nicht für einen gewöhnlichen Weg eintauschen wollen.

Und worin unterscheidet sich das Rugby in den Ländern, in denen Sie gespielt haben?
In Südafrika und England gab es ganz viele Profimannschaften und auch große Unterstützung von den Fans. In Deutschland war es mehr wie eine Familie, wir waren ganz, ganz eng. Es gab von außen eher weniger Unterstützung, dafür aber umso mehr von dem Kreis um die Mannschaft. In Frankreich ist es wieder das gleiche wie in England und Südafrika: mehr Unterstützung für Profis.

Sind sie nach Frankreich gewechselt, weil die deutsche Liga momentan einfach nicht mit den anderen konkurrenzfähig ist?
Wir haben mit dem Heidelberger RK noch im Europapokal gespielt, was ein ganz gutes Niveau war. Aber ich will meine Karriere weiterbringen und auf dem höchsten Niveau spielen, auf dem ich spielen kann. In Deutschland war es nicht so hoch, wie man es schaffen kann.

Gehören die Länder, in denen Sie bisher gespielt haben – Südafrika, England und Frankreich – für Sie auch zu den Favoriten bei der Weltmeisterschaft in Japan?
Südafrika und England auf jeden Fall. Außerdem ist Neuseeland eh immer Favorit. Einer von den dreien wird Weltmeister. Aber ich drücke als gebürtiger Südafrikaner natürlich Südafrika die Daumen, dass sie gewinnen. Ein Überraschungsteam könnte Fidschi sein, die haben eine ganz starke Hintermannschaft. Es wird sicher eine sehr spannende WM mit starkem Rugby, vor allem im Angriff.

Wer könnten Ihrer Meinung nach die prägendsten Spieler bei dieser WM werden?
Beauden Barret, der Neuseeländer, könnte einer werden. Und Südafrika hat auch einen ganz starken, mit Kapitän Siya Kolisi.

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