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Die Regierung fördert die Akademie

Aufbruchsstimmung: Auf dem Platz der Republik in Eriwan jubeln junge Menschen, nachdem Nikol Paschinjan zum Ministerpräsidenten gewählt wurde. Foto: Stavrakis/dpa
Schach-Großmacht Armenien Die Kinder sollen zu klügeren Menschen werden

Nicht nur deshalb sei Schach als Schulfach so wichtig: Es helfe den Kindern automatisch bei anderen Fächern und im weiteren Leben, sagt Lputjan. Zwar bestätigen Wissenschaftler die Vorteile von Schach für kognitive Fähigkeiten, betonen aber auch die größere Bedeutung von physischem Sport für die Entwicklung von Kindern.

Für viele Armenier sind die Prioritäten beim Sport aber eben anders – und Schach ist fest in der Gesellschaft verankert. Immer wieder sind in den Straßen Eriwans junge und ältere Menschen zu sehen, die schweigend neben einem Schachbrett stehen. Das liegt besonders an Tigran Petrosjan, einem der Nationalhelden des Landes. Der sowjetische Großmeister armenischer Herkunft war von 1963 bis 1969 Schach-Weltmeister und entfachte bei vielen seiner Landsleute eine Euphorie für das Spiel. Sein Porträt ziert eine Geldnote, und eine große Statue von ihm steht in der Hauptstadt.

Der aktuelle Star heißt Lewon Aronjan. Natürlich ist auch er ein Großmeister. Aronjan liegt auf Platz zehn der Weltrangliste. Erwähnt man in einem armenischen Taxi, dass man aus Deutschland kommt, fällt sofort sein Name. Denn der 36-Jährige war für sechs Monate Gastspieler des Deutschen Schachbundes, lebte länger im Berliner Stadtteil Hohenschönhausen. 2011 trug er maßgeblich dazu bei, dass Armenien die Mannschafts-WM gewann. Fast hätte Aronjan im November gegen Magnus Carlsen um den WM-Titel im Einzel gespielt: Doch beim Herausfordererturnier in Berlin konnte er sich nicht gegen Fabiano Caruana durchsetzen. So trat der US-Amerikaner gegen Carlsen an – und verlor erst im Tiebreak.

Unterstützung von höchster politischer Stelle

In Armenien wird Schach von höchster politischer Stelle unterstützt. Der frühere Staatspräsident Sersch Sargsjan ist selber leidenschaftlicher Spieler und seit 2004 Vorsitzender des Armenischen Schachverbandes. Dieses Amt hat er noch immer, auch wenn er im Zuge der sogenannten Samtenen Revolution im April aus der armenischen Politik zurückgetreten ist. Hunderttausende Armenier hatten auf den Straßen gegen Sargsjan protestiert.

Karos auch auf dem Sakko. Smbat Lputjan leitet Armeniens Schachakademie. Foto: Laurenz Schneider Vergrößern
Karos auch auf dem Sakko. Smbat Lputjan leitet Armeniens Schachakademie. © Laurenz Schneider

Vor allem junge Menschen beteiligten sich an den Demonstrationen. Ihre Perspektiven sind besonders schlecht: Die Arbeitslosenquote von Jugendlichen lag im vergangenen Jahr bei fast 40 Prozent. Doch dies ist nicht das einzige Problem im kleinen Armenien, wo etwa drei Millionen Menschen leben. Das Land befindet sich mit Aserbaidschan in einem militärischen Konflikt um die Region Berg-Karabach, die Grenzen zur verfeindeten Türkei sind geschlossen. Noch immer bestreitet die Türkei, dass es 1915 einen Völkermord der Osmanen an den Armeniern gegeben hat. Außerdem ist die Korruption im Land sehr hoch. Bei den Demonstrationen im April warfen die Menschen Sargsjan vor, besonders für die Korruption verantwortlich zu sein.

Über dem Schachtisch in Lputjans Büro hängt ein großes Ölgemälde von Sargsjan. „Die Regierung hat die Akademie immer gefördert“, sagt er. Lputjan vermeidet ein klares Statement zu den politischen Ereignissen in seinem Land. Nur so viel sagt er: „Auch die klügsten Schachspieler scheitern manchmal, auch sie machen Fehler.“

Pilotprojekt in Bremen

An diesem Sonntag haben die Armenier ein neues Parlament gewählt. Der Oppositionelle Nikol Paschinjan erzielte die absolute Mehrheit. Und zu Lputjans Erleichterung hat der neue stellvertretende Bildungsminister schon gesagt: „Wir wollen viel verändern, aber Schach wird auch in Zukunft gefördert.“

Wenn es nach Lputjan geht, ist der Siegeszug des Schach sowieso nicht mehr aufzuhalten: In 20 Jahren sollten alle Kinder auf der Welt Schach spielen können, sagt er. „Ich träume nicht davon. Ich sehe einen Weg.“ Mitte November wurde Lputjan zum Vorsitzenden der Bildungskommission des Weltschachbunds gewählt. Er will in dieser Funktion den nationalen Verbänden helfen, für Schach in den Schulen zu werben. Kollegen aus der Türkei, Georgien und Usbekistan hätten sich schon interessiert gezeigt, sagt Lputjan.

Auch in Deutschland gibt es immer mehr Schulen, an denen Kinder Schachunterricht wählen können. So nehmen seit Sommer dieses Jahres mehr als 1500 Grundschüler in Bremen an einem Pilotprojekt teil. Initiiert wurde das vom ehemaligen Fußballspieler Marco Bode, der seit seiner Kindheit Schach spielt.

Den Bremer Kindern hat der sieben Jahre alte Oleg einiges voraus. Er sitzt vor dem Schachbrett und denkt darüber nach, wie sein imaginärer Gegner nun spielen würde. Denn sein Ziel an diesem Nachmittag in Eriwan bleibt es, den schwarzen König zu schlagen.

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