Mit vollem Körpereinsatz. Christian Thiede (r.) stemmt sich im Training gegen seinen Coach Sergej Maier. Foto: Christopher Stolz
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Schach für starke Jungs Armwrestling ist mehr als nur ein Kneipensport

Armwrestling stammt vom klassischen Armdrücken ab, hat aber nur noch wenig damit zu tun. Es gibt klare Regeln – und in Berlin auch richtige Profis.

In unserer neuen Serie stellen wir Sportarten vor, die hierzulande normalerweise nicht so sehr im Fokus stehen. Teil 1: Armwrestling.

Im Grunde sei Armwrestling wie Schachspielen, sagt Sergej Maier: „Es ist viel Taktik.“ Kurz vor Beginn jedes Kampfes analysiert Maier jedes kleinste Detail, das er seinem Gegenüber entlocken kann. Wo ist der Körper des Gegners nicht im Gleichgewicht? Wie kann ich die Position seines Handgelenks für mich nutzen?

Seit elf Jahren ist der heute 44-Jährige hauptverantwortlicher Trainer beim SC Eintracht und einer der erfolgreichsten Armwrestler Deutschlands. Maier wurde bereits Fünfter bei der Weltmeisterschaft, war 2016 Drittbester Europas. Notiz nehmen davon eher wenige Menschen – auch, weil sie den Sport immer noch mit dem Kneipensport Armdrücken verwechseln.

Armwrestling stammt vom klassischen Armdrücken ab

Zwar stammt Armwrestling vom klassischen Armdrücken ab, hat damit aber nur noch sehr wenig zu tun. Es gibt klare Regeln, die aus wildem Fuchteln einen echten Wettkampf machen – und bei dem die Sportler ohne vernünftiges Training chancenlos sind.

Dreimal in der Woche lädt Maier zum Training ins Haus des Sports in Marzahn ein. Seine Abteilung hat 30 Mitglieder. Einer von ihnen ist Christian Thiede. Der 36-Jährige ist Strongman, also einer, der normalerweise Lastwagen zieht oder bis zu 160 Kilogramm schwere Koffer trägt. Beim Sparringskampf hilft ihm das wenig.

Gekämpft wird im Stehen an einem rund einen Meter hohen Tisch – anders als beim Armdrücken im Sitzen ist so eine wesentlich größere Dynamik möglich. Die Ellenbogen der Kampfarme werden auf Polstern positioniert und dürfen sich auf diesem frei bewegen. Es gibt einen Haltegriff am Tischrand für die freien Hände.

Von oben nach unten. Wer den Gegner ins Polster zwingt, gewinnt die Runde. Foto: Christopher Stolz Vergrößern
Von oben nach unten. Wer den Gegner ins Polster zwingt, gewinnt die Runde. © Christopher Stolz

Die Schultern der Kämpfer dürfen nie unterhalb der Tischkante sein, außerdem müssen sie vor dem Kampf parallel zum Tisch stehen. Die Hände der Gegner befinden sich zu Beginn in der Mitte des Tisches, die Handgelenke müssen vor dem Start gerade sein.

Regelverstöße werden als Foul gewertet, Frühstart oder Anheben des Ellenbogens sind die klassischsten Vergehen. Wer zweimal foult oder vom Gegner mit dem Handrücken in ein Polster gezwungen wird, verliert die Runde. Wer zuerst vier Runden gewonnen hat, gewinnt das Duell. Sprechen ist verboten.

Wer Maier und Thiede beim Trainingskampf beobachtet, erkennt schnell, auf welche Körperpartien es ankommt. Die Arme der Sportler sind mit dicken Adern durchzogen und mit Muskeln aufgepumpt. Im Trainingsraum hängen allein für den Unterarm mehr als ein Dutzend Trainingsgeräte.

Diese zu nutzen, ist wichtig – denn das Verletzungsrisiko ist hoch. Maier sind beim Armwrestlen schon eine Sehne im Arm und auch der Bizeps gerissen. „Das passiert beispielsweise, wenn man sich nicht richtig warmmacht“, sagt Thiede. Auch Knochenbrüche sind keine Seltenheit – vor allem, wenn man den Arm zu weit weg vom Körper hält.

Starkes Bild. Sergej Maier (Mitte vorne) mit seiner Abteilung Armwrestling des SC Eintracht. Foto: Christopher Stolz Vergrößern
Starkes Bild. Sergej Maier (Mitte vorne) mit seiner Abteilung Armwrestling des SC Eintracht. © Christopher Stolz

Das ist nicht nur gefährlich, sondern auch ein Nachteil im Kampf. Denn das Ziel jedes Armwrestlers ist, die Hand möglichst nah am Körper zu halten, um den Arm des Gegners möglichst weit zu öffnen – also den Abstand von Schulter zu Hand zu vergrößern.

Wichtig sind aber auch die Handgelenke, mit denen die Sportler gewisse Techniken ausüben können – die beiden wichtigsten nennen sich „Hook“, der Haken, bei dem die Sportler das Handgelenk nach innen abknicken. Der entgegengesetzte Part nennt sich „Top Roll“.

Dass die Begriffe englische sind, hängt mit dem Ursprung der Sportart zusammen. 1967 wurde in den USA die World Armwrestling Federation gegründet. Dieser gehören heute mehr als 50 Nationen an. Die Deutsche Armwrestling-Organisation kam 1988 hinzu, seitdem führt diese jährlich nationale Meisterschaften durch.

Mit 44 Jahren ist Maier im besten Armwrestling-Alter

Sergej Maier ist achtfacher Deutscher Meister. Und das obwohl er Armwrestling, bevor er zum SC Eintracht kam, nur hobbymäßig betrieben hatte. In seiner russischen Heimat war er zuvor als Ringer erfolgreich. Maier behauptet von sich selbst, ein harter Trainer zu sein.

Das kann Thiede bestätigen. „Er verlangt viel und sagt immer: Wenn es nicht mehr geht, dann noch fünfmal – das ist die alte russische Schule, denke ich“, sagt Thiede und lacht.

„Ich lebe fürs Armwrestling“, erklärt Maier, „Ich kann nicht aufhören, das ist wie eine Krankheit.“ Ans Aufhören muss er aber auch noch lange nicht denken. Bis weit über 60 Jahre kann man den Sport auf hohem Niveau betreiben. Mit seinen 44 Jahren ist Maier somit im besten Armwrestling-Alter.

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