Eigentlich gut trainiert. Christopher Reinhardt (Zweiter von rechts) im Deutschland-Achter. Foto: Imago
© Imago

Ruderer Reinhardt nach seinem Kollaps „Die fehlende Selbsteinschätzung war ausschlaggebend“

Während der langen Ruderregatta auf dem Nord-Ostseekanal verlor Christopher Reinhardt im Deutschland-Achter das Bewusstsein. Ein Interview.

Christopher Reinhardt, 22, rudert seit Mai 2019 im Deutschland-Achter und wurde in diesem Jahr Welt- und Europameister. Beim Kanal-Cup, einer prestigeträchtigen internationalen Ruderregatta auf dem Nord-Ostseekanal über 12,7 Kilometer, kollabierte er am Sonntag während des Rennens. Der Deutschland-Achter fuhr trotzdem weiter und gewann das Rennen.


Herr Reinhardt, wie geht es Ihnen wenige Tage nach der Regatta auf dem Nord-Ostseekanal?
Ich bin noch ein bisschen matschig. Ich habe die Zeit seit dem Rennen fast nur im Bett verbracht. Es kann noch ein, zwei Tage dauern, bis ich mich wieder fit fühle. Zum Glück haben wir jetzt erst einmal drei Wochen frei.


Ihr Trainer Uwe Bender hat nach dem Rennen gesagt, dass es „das größte Drama“ war, das er „je beim Kanal-Cup gesehen habe“. Wieviel davon haben Sie mitbekommen?
Nicht viel, ich kann mich bis Kilometer sieben erinnern, danach kommen die Erinnerungen erst im Krankenwagen zurück. Ein, zwei Aussagen von Martin (Anm. d. R.: Martin Sauer, der Steuermann) sind mir noch im Kopf. Die 20 Minuten danach fehlen mir. Ich habe irgendwann gemerkt, dass mir die Kräfte schwinden. Den Rest kenne ich nur aus Erzählungen. Ich habe mir auch Videos angeschaut. Schön anzusehen war das nicht.

Hätten beide Boote nicht eigentlich aufhören müssen zu fahren? Die anderen wussten offensichtlich nicht, was genau mit Ihnen los ist.
Laurits (Anm. d. R.: Laurits Follert, sitzt hinter Christopher Reinhardt im Boot) hat mich ja, als ich ins Boot reingeknallt bin, schnell wieder aufgerichtet. Er hat auch jemanden gerufen, aber es ist so schnell niemand gekommen. Womöglich wäre das Rennen für uns vorbei gewesen, wenn schnell jemand zur Hilfe da gewesen wäre.


Können Sie sich erklären, was zu dem Schwächeanfall geführt hat?
Letztlich war die fehlende Selbsteinschätzung ausschlaggebend. Ich bin zuvor noch nie bei voller Belastung über mehr als sechs Kilometer gefahren. Denn dass man nach Ergometer-Tests mal leer ist, kommt vor. Die Vorbereitung war auch gut. Der Schlaf war gut, ich habe sogar noch eher zu viel als zu wenig getrunken.

Also war die ungewöhnlich lange Distanz von 12,7 Kilometern mitentscheidend? Gerade nach der anstrengenden WM, bei der Sie nur zwei Kilometer fahren?
Wir hatten nach der WM zwei Tage Pause, aber natürlich steckt einem die Belastung noch in den Knochen. Natürlich habe ich mich nicht perfekt gefühlt – aber die Distanz ist an sich kein Problem, wenn man sich darauf einstellt. Vielleicht hatte ich auch schon im Hinterkopf, dass es das letzte Saisonrennen sein wird.


Kurios wurde es, als nach Ihnen auch ein Ruderer aus dem konkurrierenden holländischen Boot einen Schwächeanfall erlitt.
Ja, Martin Sauer hat da dazu auch etwas gesagt im Boot. Das war, als ich mich wieder einigermaßen berappeln konnte. Auch bei dem Holländer war es wohl die Überlastung. Er hat ein Kommando falsch verstanden, dachte, dass es nur noch wenige hundert Meter bis ins Ziel sind und hat voll durchgezogen. Dabei waren es noch über zwei Kilometer.


Sind Sie denn auf Situationen wie diese vorbereitet?
Nein, so etwas ist ja noch nie vorgekommen. Also ist es natürlich auch schwierig, sich darauf vorzubereiten.

Sie gelten als einer der Fittesten im Boot, hatten in der Vorbereitung die besten Ergometer-Werte. Ist es da nicht umso verwunderlicher, dass es ausgerechnet Ihnen passiert ist?
Verwunderlich nicht. Nur, weil man auf zwei Kilometern die beste Leistung bringt, heißt das noch nicht, dass man auf jeder Distanz der Stärkste ist. Ausschlaggebend war ja letztlich nicht die fehlende Fitness, sondern die fehlende Erfahrung.


Die Belastung als Profiruderer ist unheimlich hoch. Sie trainieren sieben Mal pro Woche, mehrmals am Tag. Ist es da schwer, sich Pausen zu nehmen?
Ja, aber wir sind ja nun mal Leistungssportler. Da muss man viel trainieren. Und ich bin noch dazu eher jemand, der sich im Rennen ganz gut abschießen kann. Wie auch im WM-Finale: Da war ich danach zwar nicht ohnmächtig, musste mich aber übergeben.

Sie sind der Jüngste im Boot. Ist es da schwerer, offen anzusprechen, dass man eine Pause braucht? Ist es überhaupt möglich, sich für ein paar Tage rauszunehmen?
Sich für ein paar Tage rauszunehmen, ist natürlich schwierig – gerade auch aufgrund des hohen Konkurrenzkampfes. So ist jedoch das Fitnesslevel auch dementsprechend hoch. Aber wenn starke Erschöpfung einsetzt und es körperlich wie technisch keinen Sinn macht, dann haben die Trainer schon ein offenes Ohr. Denn gerade in solchen Momenten ist man sehr empfänglich für Infektionen. Dann ist es auch mal möglich, Trainingseinheiten zu verschieben.

Und was lernen Sie aus dem Vorfall am Sonntag?
Ich muss noch lernen, auch mal locker zu lassen. Momentan kann ich nur an oder aus. Ich habe deshalb viel mit dem Team geredet, auch noch länger mit dem Bundestrainer telefoniert. Gerade auch, weil ich ja keine Erinnerungen mehr hatte.

Zur Startseite