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Immer die Selben. Real Madrid konnte die Champions League häufiger als jeder andere Klub gewinnen und hätte deswegen jetzt durchaus Lust auf etwas Neues. Foto: Sven Simon/Imago
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Reform der Champions League Großer Wurf oder Schweizer Käse?

Die Champions League soll zur Saison 2024/25 reformiert werden. Was Bundesliga-Klubs als alternativlos ansehen, ist für Fans ein Schlag ins Gesicht.

Die Uefa plant den großen Wurf, für viele Fans ist der ein Schlag ins Gesicht. Die Reform der Champions League ab der Saison 2024/25, über die der europäische Fußballverband am Mittwoch abstimmten wollte, verschärft die Entfremdung zwischen denen, die Fußball vor allem als Geschäft ansehen und jenen, für die er mal die schönste Nebensache der Welt war. Daran ändert auch die Tatsache nicht, dass es im Vorfeld innerhalb des Uefa-Exekutivkomitees noch größeren Diskussionsbedarf gegeben hat, weshalb die endgültige Entscheidung über die Zukunft des wichtigsten Europapokalwettbewerbs am Dienstag um drei Wochen auf den 19. April verschoben wurde.

36 statt 32 Teams, ein wirrer Modus mit zehn statt bisher sechs Gruppenspielen und der Zugang zum Wettbewerb nicht allein nach sportlichen Kriterien: Was die Klubs als eine Art Notlösung verkaufen wollen, um eine in sich geschlossene Super League der europäischen Topklubs zu verhindern, sehen Fans als weiteres Beispiel dafür an, dass sie nicht mehr gebraucht werden.

„Alle sagen, wir vermissen so schmerzlich die Fans. Und dann wird etwas beschlossen, was völlig konträr zu dem steht, was die Fans sich wünschen“, wird Nicolai Mäurer von „ProFans“ in einer Mitteilung des Bündnisses zitiert. Und Pressesprecher Sig Zelt fragt darin: „Für wen wird eigentlich der Profifußball gespielt, wenn nicht für die Fans?“

Die Antwort darauf ist genauso wenig überraschend wie die Reaktion der Anhänger. Schon lange agieren Fußballklubs als Unternehmen mit dem Ziel möglichst viel Geld umzusetzen. Die Champions League ist exemplarisch dafür, sie hat reiche Klubs noch reicher gemacht und zu mehr Langeweile in den nationalen Ligen geführt. Eine Möglichkeit wäre, die Einnahmen gerechter zu verteilen. Das wünschen die Fans. Einige Vereine wünschen sich hingegen eine Liga der besten Mannschaften Europas und der damit verbundenen Planungssicherheit, was den Geldfluss angeht.

Das Schweizer Modell sieht 36 Mannschaften in einer Gruppe vor, die aber nur je zehn Spiele bestreiten

Die Reform, die die Uefa demnächst beschließen dürfte, versucht einen Kompromiss zwischen beiden Fraktionen herzustellen. Und der trägt den Namen „Schweizer Modell“. Künftig soll die Champions League danach in einer Liga mit 36 Teams gespielt werden, in der jede Mannschaft bis zu zehn Gruppenspiele gegen ausgewählte Gegner bestreitet. Die besten acht Teams qualifizieren sich direkt für das Achtelfinale, die Klubs auf den Plätzen neun bis 24 spielen eine Play-off-Runde, um die restlichen acht Achtelfinalisten zu ermitteln. Rund 100 zusätzliche Spiele würden so in den ohnehin schon engen Terminplan im Fußball gequetscht werden müssen.

„Die Spitzenklubs stehen aktuell unter enormem Druck, weil die Verluste, die gerade wegen der Corona-Pandemie eingefahren werden, unfassbare Dimensionen erreicht haben. Insofern musste schon ein Format gefunden werden, das eine Super League abwendet“, hatte Borussia Dortmund Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke schon vor einigen Wochen in den „Ruhr-Nachrichten“ erklärt. Dass ein solches Konstrukt vorerst vom Tisch ist, sieht sein Kollege Fernando Carro von Bayer Leverkusen auch als deutschen Erfolg an: „Das haben wir, so wie es aussieht, auch durch unsere starke, einvernehmliche Position als Bundesliga verhindern können“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur.

Für viele Fans ist das Schweizer Modell hingegen Käse, anders als das aktuelle Format ist kaum ersichtlich, wer warum gegen wen spielt. Besonders kritisch sehen sie die Tatsache, dass die vier zusätzlichen Plätze unter anderem auch an Klubs vergeben können, die sich sportlich gar nicht für die Champions League qualifiziert haben, aufgrund einer neuen Uefa-Zehnjahreswertung aber trotzdem dabei sein dürfen.

Als der alte Europapokal der Landesmeister nach der Saison 1991/92 ausgedient hatte, galt die Champions League noch als attraktive Weiterentwicklung des K.-o.-System mit mehr Spielen der Topklubs. Doch die Begeisterung über immer neue Duelle der immer gleichen Teams ist zunehmend Ernüchterung gewichen. So hat es allein die Paarung Bayern München gegen Real Madrid seit dem Jahr 2000 insgesamt 20 Mal gegeben, im Zeitraum vor Einführung der Champions League waren es nur sechs Begegnungen.

Was auch daran liegt, dass Real seit der Saison 1997/98 immer qualifiziert war und die Münchner im selben Zeitraum auch nur einmal fehlten. Mit der permanenten Präsenz in der Champions League einher, geht die Langeweile in den nationalen Ligen. Und die könnte sich durch das Schweizer Modell weiter verschärfen.

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„Wo bleibt die Einsicht vom Beginn der Pandemie, sich etwas zurückzunehmen und solide Arbeit zu fördern statt immer irrwitzigere Einnahmen der ganz Großen?“, fragt Jörn Brauner von „ProFans“. Sätze wie diese klingen fast schon ein wenig naiv, denn niemand wird das Rad zurückdrehen können. Denn der Fußball entfernt sich auch deswegen von den aktiven Fans, weil er es kann. Schon in der Pandemie mit ihren Geisterspielen ist deutlich geworden, dass der Stadionzuschauer verzichtbar geworden ist. Selbst Pay-TV-Abonnenten braucht es nicht mehr unbedingt. Die nächste Saison in der Champions League wird bereits überwiegend im Internet live übertragen.

Erst wenn die Nachfrage am Produkt Fußball nachhaltig sinkt, wird sich hieran etwas ändern. Bis dahin reicht die Drohkulisse der Super League, um vermeintliche Reformen durchzuwinken. Reformen, die letztlich womöglich dazu führen, dass die Super League am Ende doch noch kommt.

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