So ginge es auch: Aber unser Kolumnist will natürlich lieber auf dem Rad sitzen. Foto: Andrew Matthews/dpa
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Radkolumne „Abgefahren“ Meine ausgeklügelte Temperatur-Taktik für Hitze-Mimosen

Michael Wiedersich

Weil ihm der Sommer so zu schaffen macht, sind die Trainingsfahrten unseres Kolumnisten längst zu Hitzeschlachten mutiert. Zum Glück weiß er sich zu helfen.

Michael Wiedersich ist Sportjournalist und Radsporttrainer. Hier schreibt er im Wechsel mit Läuferin Jeannette Hagen.

Der Sommer hat uns voll im Griff. Die Sonne brennt vom Himmel, die spärlichen Wolken bringen kaum Kühlung, und auch vom Wind ist derzeit keine Hilfe zu erwarten. Ins Schwitzen kommt man schon, wenn man nur daran denkt, gleich aufs Rad zu steigen.

Am wichtigsten: Trinken, trinken, trinken

Sitzt man dann erst einmal auf seiner Rennmaschine, ausgerüstet mit zwei vollen Trinkflaschen und den dünnsten Radklamotten, die der Kleiderschrank hergibt, stellt sich schnell die Frage nach dem Warum. Insgesamt soll Radfahren gesund sein – aber auch bei diesen Temperaturen?

In der Wissenschaft ist man sich offenbar einig. Sport ist auch bei hohen Temperaturen und mit geringeren Intensitäten für gesunde, trainierte Hobbysportler machbar. In der Mittagshitze über 30 Grad und bei hohen Ozonwerten sollte man die Leibesübungen aber besser auf einen anderen Zeitpunkt verlegen. Die besten Trainingszeiten sind laut der Experten der frühe Morgen oder der späte Abend. Und wichtig ist trinken, trinken, trinken.

Die Radprofis können einem da derzeit leidtun. Endlich dürfen sie nach der langen Rennpause wieder um Platzierungen fahren, Ende August steht die verlegte Tour de France im Kalender, es geht Schlag auf Schlag. Doch bei 30 und 40 Grad im Schatten dürfte das für viele im Peloton sicherlich ein überschaubares Vergnügen sein.

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Umso bemerkenswerter ist da der Einsatz, mit dem die Fahrer ihrem Job nachgehen. Ob zuletzt bei der Tour de l’Ain, der Polen-Rundfahrt oder beim verschobenen Frühjahrsklassiker Mailand-Sanremo letzten Samstag – bei allen Rennen wurde sich nichts geschenkt.

Kaum beeindruckt von der Hitze waren auch die Hobbyradfahrer, die am Wochenende ihre Runden durch Berlin und Brandenburg drehten. Die bekannten Abfahrtszeiten am Vormittag wurden natürlich nicht geändert, das würde nur Verwirrung unter den Mitfahrern stiften.

Erfrischung: Ein bisschen Nässe hilft. Foto: Guo Chen/dpa Vergrößern
Erfrischung: Ein bisschen Nässe hilft. © Guo Chen/dpa

So entwickelte sich jede Trainingsfahrt über Mittag zu einer Hitzeschlacht. Die obligatorischen Kuchenpausen hielten sich deswegen in Grenzen. Dafür gab es in den sozialen Netzwerken viele schöne Fotos vor Brunnen, Seen und Biergärten mit abgekämpften, aber glücklichen Menschen.

Auch ich bin eine Hitze-Mimose. Mit einer ausgeklügelten Temperatur-Taktik gehe ich jedoch derzeit erfolgreich gegen zu viel Wärme vor. Das Radtraining starte ich früh am Tag und bin meist vor Erreichen der 30-Grad-Marke wieder zu Hause. Nach einer kalten Dusche besuche ich den kühlen Radkeller, dort gibt es immer etwas zu tun.

Pünktlich zur Radsport-Übertragung am Nachmittag sitze ich möglichst bewegungslos vor dem Fernseher und schaue den Profis bei ihrer Arbeit zu, mit einem gekühlten isotonisch-alkoholfreien Gerstensaft im Anschlag. Nur als bei Mailand-Sanremo der spätere Sieger Wout van Aert und der zweitplatzierte Julian Alaphilippe in der kurvenreichen Abfahrt vom Poggio Richtung Ziel rasten, kam auch ich als Zuschauer ein wenig ins Schwitzen.

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