Titel oder weg. Harry Kane kokettierte zuletzt mit einem Wechsel. Foto: Imago
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Projekt vor dem Absturz Bayern-Gegner Tottenham Hotspur stößt an seine Grenzen

Vor dem Duell mit dem FC Bayern bahnt sich in Nordlondon eine Krise an. Die finanziellen Möglichkeiten der Spurs sind erst einmal ausgeschöpft.

Nichts läuft rund im Paradies der besten Liga der Welt. Am Dienstag bestreiten Manchester City und Tottenham Hotspur jeweils ihre zweite Champions-League-Partie der Saison, und bei beiden Vereinen herrscht Unruhe. Im Osten von Manchester muss man Unruhe natürlich ein bisschen anders definieren als anderswo.

Der Meister liegt nach einem verkorksten Saisonstart schon fünf Punkte hinter Tabellenführer Liverpool zurück. Nach einem Unentschieden gegen die Spurs im August kassierte die Mannschaft von Pep Guardiola vor zwei Wochen eine Sensationsniederlage gegen Norwich City. Dessen Trainer Daniel Farke wurde schon vor dem Triumph als „Next Jürgen Klopp“ gefeiert, die Champions-League-Trophäe dürfte also spätestens 2021 in Norwich landen.

City hat sich zwar mit einem 8:0-Erfolg über Watford rehabilitiert, doch dann folgte gleich der nächste Rückschlag. Mit einem blöden Mausrutscher des portugiesischen Mittelfeldspielers Bernardo Silva, der in den sozialen Netzwerken einen sehr schlechten Witz über seinen schwarzen Mitspieler Benjamin Mendy machte, kehrte die Unruhe zurück.

Aber alles halb so wild. Mit einer eloquenten Verteidigung nahm Pep Guardiola der Situation das Gift. Er kenne den Portugiesen seit drei Jahren, sagte Citys Trainer, und er würde ihn nicht wegen eines Witzes verurteilen. Der immer besonnene und nie heuchlerische Katalane hat natürlich wieder Recht: Wie John Terry, Justin Trudeau oder Alice Weidel muss man Silva doch nicht gleich als Rassisten bezeichnen, nur weil er etwas Rassistisches gemacht hat. Mit einem 15:0- Erfolg über Dinamo Zagreb dürfte jedenfalls bei City die Ruhe wieder einkehren. Der Champions-League-Sieg und die Meisterschaft mit 143 Punkten bleibt trotz des Stolperstarts immer noch drin in dieser Saison.

Bei Tottenham sieht es leider anders aus. Vor dem Duell mit dem FC Bayern am Dienstag (21 Uhr/Dazn und Sky) bahnt sich in Nordlondon eine Krise an. Die Spieler sollen desillusioniert sein, der Trainer wird immer launischer. Nur ein paar Monate nach dem vereinshistorischen Erreichen des Champions-League-Finales scheint das glitzernde Projekt des modernen Tottenham plötzlich vor dem Absturz zu stehen.

Tottenham war vor wenigen Jahren in Exot

Zur Erinnerung: Bis vor nur wenigen Jahren war Tottenham in der Champions League eher ein Exot. Man sah sich zwar selbst immer noch als großen Verein, existierte aber seit Jahren im Schatten des größeren Nachbarn Arsenal. Langsam aber sicher haben die Spurs jedoch ihren verhassten Rivalen überholt. Dank der klugen Zusammenarbeit zwischen dem Vorsitzenden Daniel Levy und Trainer Mauricio Pochettino hat sich Tottenham mit relativ wenig Geld endlich als großer Klub etabliert. Der Auftritt im Champions-League-Finale 2019 war dafür der letzte Beweis.

Die Niederlage gegen Liverpool aber hat den Spurs zugleich auf brutale Weise die Grenzen aufgezeigt. Tottenham hat mit Pochettino einen der besten Trainer der Welt, mit Harry Kane den besten Stürmer Englands und mit Hugo Lloris einen Weltmeister im Tor. Was sie nicht haben, ist Luft nach oben, denn die finanziellen Möglichkeiten des Vereins sind erst einmal ausgeschöpft.

Das geht vielen anscheinend auf die Nerven. Pochettino hat zuletzt offen über das schlechte Abschneiden auf dem Transfermarkt gemeckert. Lloris scheint seine alte Schärfe verloren zu haben, so oft wie er inzwischen patzt. Der Mittelfeldstar Christian Eriksen ist sauer, weil er nicht zu Real Madrid wechseln durfte. Und selbst Kane, der beliebte Local Boy, hat am Anfang der Saison gemahnt, Tottenham müsse jetzt endlich anfangen, Titel zu gewinnen. Sonst, so die unausgesprochene Andeutung, würden Spieler wie er irgendwann einfach weglaufen.

Tottenham hat jetzt viele Eigenschaften eines modernen Superklubs. Tottenham stand im Champions-League-Finale. Tottenham hat ein modernes, teures Stadion, das ohne Rücksicht auf die lokale Gemeinschaft für den Fußball und die NFL gebaut wurde. Tottenham hat Superstars, deren Kommentare bis aufs Komma analysiert werden.

Doch der moderne Fußball ist ein brutales Geschäft. Um ein Superklub zu bleiben, muss man entweder Geld ohne Ende haben oder ständig wachsen. Ohne Titel könnten Kane, Pochettino und andere bald weg sein. Diese Saison ist also eine richtungsweisende für Nordlondoner. Bei City dürfte alles halb so wild sein. Bei Tottenham hingegen könnte ein kleiner Mausrutscher oder eine kleine Niederlage gegen Norwich alles ins Wackeln bringen.

Kit Holden schreibt an dieser Stelle immer dienstags in den Spielwochen der Champions League aus britischer Sicht über Europas Fußball.

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