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Seltenes Bild. In Leverkusen musste Niko Gießelmann mit einer muskulären Verletzung im Oberschenkel behandelt und anschließend ausgewechselt werden. Foto: imago images/Revierfoto
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Platz eins in der Verletzungstabelle Kein Bundesligist hat weniger Ausfälle als der 1. FC Union

Die große Stärke des 1. FC Union resultiert auch aus den wenigen Verletzungen im Kader. In den vergangenen Jahren sah das ohne Europapokal durchaus anders aus.

Urs Fischer wählt einen eher ungewöhnlichen Erklärungsansatz. Gemeinhin wird die Doppelbelastung im Mannschaftssport meist als Grund für Verletzungen angeführt, doch konfrontiert mit dem erfreulichen Befund, dass keine Mannschaft in der Bundesliga in der Hinrunde weniger Ausfallzeiten zu verzeichnen hatte als seine, überrascht der Trainer des 1. FC Union. „Wir haben davon profitiert, jeden dritten Tag ein Spiel zu haben“, sagt Fischer vor dem Heimspiel gegen die TSG Hoffenheim am Samstag (15.30 Uhr, Sky). So sei weniger Zeit für Trainingseinheiten geblieben, bei denen „sich die Spieler auch verletzen können“.

Ob hier wirklich eine Kausalität oder nur eine Korrelation vorliegt und ob diese Aussage einer sportwissenschaftlichen Prüfung standhalten würde, ist eher fraglich. Fakt ist allerdings, dass die Berliner in der Tabelle von „fussballverletzungen.com“ ganz oben stehen. In der Hinrunde verpassten Unions Profis demnach 408 Tage aufgrund von Verletzungen oder Krankheit, heruntergerechnet auf den einzelnen Spieler sind das im Schnitt nur 13,6. Knapp dahinter landet Mainz 05 mit 14,07, während Schlusslicht Borussia Dortmund statistisch gesehen in der ersten Hälfte der Saison auf jeden Spieler 47,64 Tage verzichten musste. Die BVB-Profis haben in der Hinrunde also mehr als einen Monat länger gefehlt als jene von Union.

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Bei Topteams wie Dortmund, Bayern München oder Rasenballsport Leipzig, die allesamt viele Ausfallzeiten zu verzeichnen haben, wirken sich neben der zusätzlichen Belastung im internationalen Geschäft vermutlich auch die vielen Länderspiele aus, insbesondere nach einem Sommer mit EM und Copa America.

Wenn man nach den Gründen für die starke Berliner Hinrunde sucht, kommt man an den kaum vorhandenen Verletzungssorgen nicht vorbei – insbesondere unter Berücksichtigung der hohen Belastung durch die Conference League. „Es ist sehr erstaunlich, dass wir fast ohne Verletzungen durch die Hinrunde gekommen sind“, sagte Fischer.

Auch einer der erfahrensten Berliner, Torwart Andreas Luthe, sieht den Gesundheitszustand der Mannschaft als wichtigen Faktor. „Es sind eindeutig weniger Ausfallzeiten, als ich es in meiner Karriere erlebt habe“, sagt der 34-Jährige und erläutert am eigenen Beispiel, wie positiv sich das auswirken kann. „Ich habe keine Wehwehchen, die mich aufhalten. Ich verpasse kein Training, kein Spiel, und wir kitzeln das meiste aus mir heraus.“

In den vergangenen Jahren gab es einige schwere Verletzungen

So klar der Befund ist, so schwierig ist dessen Erklärung. Trotz aller Fortschritte in der Trainingswissenschaft und Leistungsdiagnostik sind Verletzungen immer noch ein sehr diffiziles Thema. Hier kommen viele Faktoren zusammen – und nicht alle lassen sich steuern. Schließlich gibt es äußere Einflüsse – Gegenspieler, Bodenverhältnisse, Länderspiele, Pech und momentan natürlich auch das Coronavirus –, die sich von den Vereinen nicht beeinflussen lassen.

In diesem Bereich ist Union in dieser Saison bisher nahezu verschont geblieben von Ausfällen. Neben einigen leichten Covid-19-Erkrankungen und der schweren Gehirnerschütterung von Timo Baumgartl im Spiel gegen Bielefeld beschränkten sich die Verletzungen fast ausschließlich auf muskuläre Probleme. Das sah in der Vergangenheit noch ganz anders aus. Die vergangene Saison etwa verpasste Anthony Ujah nach einer Knieoperation komplett, Sheraldo Becker und Joel Pohjanpalo fehlten lange aufgrund von Sprunggelenksverletzungen.

Cheftrainer Urs Fischer (rechts) und Athletiktrainer Martin Krüger freuen sich in dieser Saison über einen sehr guten Gesundheitszustand der Mannschaft. Foto: Matthias Koch/Imago Vergrößern
Cheftrainer Urs Fischer (rechts) und Athletiktrainer Martin Krüger freuen sich in dieser Saison über einen sehr guten Gesundheitszustand der Mannschaft. © Matthias Koch/Imago

Im ersten Bundesliga-Jahr riss sich Akaki Gogia das Kreuzband, Grischa Prömel laborierte lange an einer Patellasehnenreizung und Suleiman Abdullahi an Kniebeschwerden. Das machte sich auch in der Verletzungstabelle bemerkbar, wo die Berliner 2019/20 auf Rang acht (50,63 Fehltage pro Spieler) und 2020/21 auf Platz 14 (63,89) landeten.

Solche langwierigen Ausfälle sind Union in dieser Saison bisher erspart geblieben. Außer dem jungen Laurenz Dehl, der nach einer Operation seit Wochen fehlt, verpasste kein einziger Spieler mehr als drei Bundesliga-Spiele in Folge.

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Das hat auf der einen Seite ganz profan mit Glück zu tun – aber natürlich auch mit der Arbeit des Trainerteams, insbesondere dem für die Athletik zuständigen Martin Krüger, und der medizinischen Abteilung. „Die Trainingssteuerung funktioniert“, sagt Luthe. Um die Belastung zu messen, tragen die Spieler Herzfrequenz- und GPS-Sensoren. Je größer die Ermüdung, desto größer das Verletzungsrisiko. „Wir haben einen Plan, der über drei oder vier Wochen geht, und der wird dann Tag für Tag detailliert angepasst“, erklärte Krüger vor einiger Zeit.

Im Vergleich zur Hinrunde hat sich die Arbeit bei Union deutlich verändert. Ohne die internationale Doppelbelastung ist mehr Zeit für Regeneration und ausgefeilte Trainingsarbeit. Bleibt für die Berliner nur zu hoffen, dass sich Urs Fischers ungewöhnlicher Erklärungsansatz als nicht zutreffend erweist. Denn das Pokalderby gegen Hertha am kommenden Mittwoch könnte schon das letzte Wochentagsspiel der Saison sein.

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