Die organisierte Kriminalität ist schon lange im Fußball verstrickt. Foto: Getty Images/iStockphoto
© Getty Images/iStockphoto

Organisierte Kriminalität Wie Betrüger den Fußball manipulieren

Mattis Nothacker

Im Fußball wird im großen Stil manipuliert. Jetzt will Europa gemeinsam dagegen vorgehen. Doch gerade in Deutschland muss sich noch viel tun.

In Straßburg wollen sie den Fußball retten. Oben im zweiten Stock des hellen, kastenförmigen Europarat- Gebäudes haben sich Ende September Teilnehmer aus 37 Ländern versammelt. Keiner von ihnen tritt hauptberuflich gegen den Ball, dafür arbeiten sie in Ministerien und Staatsanwaltschaften, bei der Polizei und Wettregulierungsbehörden, bei Sportverbänden und Wettanbietern. Es geht um das große Geld, um den Einfluss der organisierten Kriminalität auf das Spiel.

Der Fußball soll geschützt werden vor Betrügern, die ihn manipulieren, um hohe Wettgewinne einzustreichen. Darüber debattieren sie oben im zweiten Stock, bei der dritten Konferenz zum „Kampf gegen die Manipulation von sportlichen Wettbewerben“. Im Mittelpunkt steht der Aufbau von nationalen Plattformen, die als Informationszentren für Hinweise von Spielmanipulation dienen sollen – egal, ob sie von der Polizei, den Sportverbänden oder Wettregulierern kommen.

Die organisierte Kriminalität ist schon lange im Fußball verstrickt. Und die Betrüger hätten sich weiterentwickelt, wie ein Insider verrät. Statt auf einzelne Spieler oder Schiedsrichter zuzugehen, suchen sie zunehmend Vereine in finanziellen Nöten, geben sich als Sponsoren aus und versprechen große Investitionen. Sind sie in den Klub eingedrungen, verpflichten sie Spieler in Zusammenarbeit mit Managern und Beratern, die Begegnungen gezielt für sie manipulieren sollen.

Auch zum 0:4 der Bayern in St. Petersburg gab es Hinweise

Auf diese Weise hat ein chinesischer Unternehmer in den vergangenen Jahren kleinere Klubs in Portugal, Irland, Rumänien, Tschechien, Lettland und Litauen übernommen und Spielergebnisse in Auftrag gegeben. Auch Klubs in Österreich, der Schweiz, Italien und Spanien wurden ähnlich infiltriert. Mit absolut sicheren Tipps können die Drahtzieher dann auf ihre eigenen Spiele wetten. Und manchmal geht es auch um Schmiergeldzahlungen im ganz großen Fußball.

Genau zehn Jahre ist es jetzt her, dass eine Nachricht aus Spanien nicht nur den deutschen Fußball, sondern ganz Europa aufschreckte. 0:4 hatte Bayern München im Frühjahr 2008 gegen Zenit St. Petersburg im Uefa-Cup-Halbfinale verloren. 0:4! Was sich einige angesichts des so deutlichen Ergebnisses kaum zu vermuten trauten, war dann ein Vierteljahr nach dem Spiel in spanischen Zeitungen zu lesen. Dass es womöglich nicht mit rechten Dingen zuging. Dass manipuliert wurde. Gezahlt wurde für ein bestimmtes Ergebnis. So mutmaßten es „El Pais“ und „ABC“.

Den Zeitungen lagen Telefonprotokolle einer Petersburger Mafia-Bande vor. Es ging um Mord, Entführungen, Drogenhandel – und das Fußballspiel zwischen München und St. Petersburg. „Sie haben sie bezahlt, verdammt“, sagt da einer mit dem Decknamen „Mischa“ in einem Telefonat mit einem gewissen Gennadi Petrow.

„Weißt du, wie viel sie Bayern gegeben haben? 50 haben sie gegeben“

Die Justizbehörden in Spanien hatten schon länger gegen die sogenannte Tambowskaja-Mafia ermittelt – und ließen schließlich 18 führende Köpfe der Gruppierung verhaften, auch Petrow. Als „größte russische und weltweit viertgrößte Verbrecherorganisation“, bezeichnete Ermittlungsrichter José Grinda die Tambowskaja-Bande damals. Sie soll enge Verbindungen zu hochrangigen russischen Regierungsvertretern gepflegt haben – und wohl auch zu Zenit St. Petersburg. „Weißt du, wie viel sie Bayern gegeben haben? 50 haben sie Bayern gegeben“, heißt es in den Telefonprotokollen weiter. In einer anderen Unterhaltung sagte ein anderes Gruppenmitglied zu seinem Kumpanen: „Ich werde dir etwas erzählen, verdammt. Später, nicht am Telefon, erzähle ich dir, wie die Halbfinals und das Finale abgelaufen sind.“

Ist es wirklich möglich, dass ein Halbfinale in einem so hochrangigen Wettbewerb manipuliert wurde? Gerade drei Jahre nach dem Skandal um den Schiedsrichter Robert Hoyzer? Diese Frage bleibt auch zehn Jahre nach dem Münchner Debakel in St. Petersburg unbeantwortet. Spielmanipulationen sind ein schwieriges Feld. Sportverbände und staatliche Behörden müssen sich austauschen. Die Staatsanwaltschaften verschiedener Länder müssen kooperieren. Und sie müssen gewillt sein, Zeit und Ressourcen dafür aufzubringen – und vor allem auch ein Interesse haben, einen Fall wirklich aufzuklären zu wollen.

Für die spanische Justiz war die mögliche Verschiebung eines ausländischen Fußballspiels kaum von Bedeutung. Sie hatte aber nach Informationen von „ABC“ ernstzunehmende Vermutungen, dass die Partie tatsächlich verschoben worden sei. Die Münchner Staatsanwaltschaft sah trotz der Informationen der spanischen Behörden keinen Anlass zu ermitteln.

Nach weiteren Geschichten über das Spiel Zenit gegen Bayern im Jahr 2010 trafen sich Michel Platini und Gianni Infantino, damals Präsident und Generalsekretär des europäischen Dachverbandes Uefa, mit den Bayern-Chefs Karl-Heinz Rummenigge und Karl Hopfner. Danach entschied die Uefa, den Fall zu den Akten zu legen. Seither hat es in der Causa Zenit gegen Bayern keine weiteren Ermittlungen mehr gegeben. Das zeigt, wie wenig Beachtung das Thema Spielmanipulation findet. Dass ein Fall vor Gericht geht, ist die große Ausnahme.

Zur Startseite