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Logo der Olympischen Winterspiele 2022 in Peking. Foto: picture alliance /Kyodo/dpa
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Olympische Winterspiele 2022 in China USA erwägen Boykott wegen Menschenrechten

US-Außenministerium will sich mit Verbündeten beraten. Senator Romney wirbt für politische und ökonomische Strafen, ist aber gegen sportliche Abstinenz.

Die Debatte nimmt in den USA Fahrt auf: Sollen die westlichen Demokratien die Olympischen Winterspiele in China im Februar 2022 ganz oder teilweise boykottieren, um gegen schwere Menschenrechtsverletzungen zu protestieren, voran die Unterdrückung der muslimischen Uiguren und die Niederschlagung der Demokratiebewegung in Hongkong?

Die USA wollen das nicht alleine tun. Sie möchten sich mit ihren westlichen Verbündeten beraten, sagt der Sprecher des US-Außenministeriums, Ned Price. Die USA erwägen einen solchen Schritt, es sei aber noch keine Entscheidung gefallen. „Ein koordiniertes Vorgehen liegt in unserem Interesse und dem unserer Partner.“

Mitt Romney, ein moderater Republikaner, Senator von Utah und Präsidentschaftskandidat 2012, wirbt in der „New York Times“ für einen partiellen Boykott: nämlich für einen politischen und ökonomischen Boykott. Einen sportlichen Boykott hält er dagegen für falsch.

Peking zählt auf das IOC und die nationalen Sportverbände

Sieben Republikaner haben im US-Senat eine Resolution eingebracht, China die Winterspiele wegen des „Genozids“ an den Uiguren zu entziehen. Für die Verlegung an einen anderen Ort ist es nach Romneys Meinung jedoch zu spät.

Pekings Außenamtssprecher Zhao Lijian protestiert: "Die Politisierung des Sports läuft der olympischen Charta zuwider, schadet den Interessen aller Sportler und der internationalen olympischen Bewegung.“ China zählt auf das Internationale Olympische Komitee (IOC) und die nationalen Olympischen Komitees in den USA, Deutschland und anderen Ländern. Sie würden einen Boykott nicht mittragen.

IOC-Präsident Thomas Bach hatte im Juli 2020, als bereits ein Boykott der Winterspiele 2022 gefordert wurde, entgegnet: Boykott ist die falsche Antwort. Im März hat er die Haltung bekräftigt. Der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, Alfons Hörmann, lehnt einen Boykott ebenfalls ab.

Die Auseinandersetzung mit China wird generell härter

Und doch passt der Vorstoß in die politische Dynamik. Die Auseinandersetzung mit China wird härter. Die EU hatte im März Sanktionen gegen vier chinesische Amtsträger wegen ihrer Beteiligung an Menschenrechtsverletzungen verhängt. Zu Sanktionen hatte Europa zuletzt vor 30 Jahren gegriffen, nach dem Massaker an der Demokratiebewegung auf dem Platz des Himmlischen Friedens.

Chinesische Athleten trainieren für die Winterspiele. Foto: Andy Wong/AP/dpa Vergrößern
Chinesische Athleten trainieren für die Winterspiele. © Andy Wong/AP/dpa

Romney wägt in seinem Gastbeitrag ab, wie der Westen eine Botschaft senden könne, ohne die eigenen Interessen zu beschädigen. Die Menschenrechtsverletzungen seien grauenhaft. Uigurische Frauen würden „zwangssterilisiert“ oder „von Han-Chinesen geschwängert“. Männer würden „ihren Familien entrissen“ und „in Arbeits- und Konzentrationslager gesteckt“. China Monopolpartei breche den internationalen Vertrag über die Autonomie Hongkongs. Es gebe keinen allgemeinen Zugang zu freien Medien. Und Chinesen, die ihre Religion ausüben und Gottesdienste besuchen wollen, würden bestraft.

Die Lehre von 1980: Boykott ist zweischneidig

Boykott sei jedoch ein zweischneidiges Instrument und könne kontraproduktiv wirken. Als Gouverneur von Utah habe er die Olympischen Winterspiele 2002 in Salt Lake City mit organisiert und dabei erfahren, welche nationale Aufmerksamkeit und Mobilisierungskraft die Teilnahme der Athleten des eigenen Landes auslöse. Sie seien Vorbilder für das ganze Land. Diese Vorteile solle man nicht durch sportlichen Boykott aufgeben.

Eine weitere schädliche Konsequenz, wenn die westlichen Demokratien ihre Spitzensportler nicht reisen lassen: Die Diktaturen würden dann noch mehr Medaillen gewinnen – so wie bei den Olympischen Spielen 1980 in Moskau. Präsident Jimmy Carter verhängte einen Boykott, um gegen den sowjetischen Einmarsch in Afghanistan zu protestieren. Gelitten hätten damals die US-Athleten; die UdSSR habe ihr politisches Verhalten nicht geändert.

Bach durfte als Fechter nicht zu den Spielen in Moskau

Da trifft sich seine Argumentation mit der des IOC-Präsidenten. Thomas Bach hatte den Boykott der Spiele 1980 in Moskau am eigenen Leib erfahren. Er war damals Fechter und verpasste so mit der deutschen Mannschaft die Gelegenheit, ihre Medaillen zu verteidigen. Politisch brachte der Boykott nichts. Die Sowjets blieben neun weitere Jahre in Afghanistan.

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Romneys Vorschlag: Die Athleten und ihre Familien sollen nach China reisen. Nicht aber die vielen US-Touristen, die dem Gastland Olympischer Spiele in anderen Jahren Milliardeneinnahmen bescheren. Und US-Firmen sollten nicht wie sonst, Kunden und Geschäftspartner in Massen in die Stadien des Gastlandes einladen, sondern stattdessen in US-Stadien, in die man die Wettkämpfe übertragen könne.

Wie ein politischer und wirtschaftlicher Boykott aussehen kann

Als politische und diplomatische Boykottform empfiehlt Romney: An Stelle der sonst üblichen Delegationen des Weißen Hauses solle Präsident Joe Biden chinesische Dissidenten, Vertreter chinesischer Religionsgemeinschaften und Minderheiten bitten, die Werte der USA bei den Olympischen Spielen 2022 zu repräsentieren. Und der Sender NBC, der die Wettkämpfe überträgt, solle statt der Eröffnungs- und der Schlusszeremonie Dokumentarfilme über die Menschenrechtsverletzungen in China senden.

Romney hofft, dass die verbündeten Demokratien dieselben Boykottformen anwenden. Gemeinsam sollten sie auf das Internationale Olympische Komitee einwirken, damit es seine Vergabepolitik an der Realität misst. Immer wieder habe es mit der Hoffnung argumentiert, dass die Austragung der Spiele repressive Länder zu Reformen veranlassen. Viel zu oft sei die Hoffnung enttäuscht worden – „in Hitlers Deutschland, in Putins Russland, in Xis China“. Autoritäre Staaten nutzten die Olympischen Spiele für Propaganda, nicht für Reformen.

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