Vorbild Özil. Ein Uigure hält in Istanbul bei einer Demonstration gegen China ein Foto des Arsenal-Profis in die Höhe. Foto: Reuters/Kemal Aslan
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Özil kritisiert Uiguren-Verfolgung durch China Wie politisch darf der Fußball sein?

Eva-Lotta Schwarz

Arsenal-Profi Mesut Özil prangert Chinas Umgang mit den Uiguren an. Peking boykottiert darauf seinen Klub. Was Özils Aussagen so brisant macht.

Wenn Mesut Özil sich auf das Feld der Politik bewegt, geht es fast zwangsläufig hitzig zu. Das war vor anderthalb Jahren so, als der Nationalspieler sich kurz vor der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan ablichten ließ. Und es ist auch jetzt wieder so, nachdem der Mittelfeldspieler des FC Arsenal in sozialen Medien die Situation der muslimischen Minderheit der Uiguren in China sowie das Schweigen muslimischer Staaten angeprangert hat. In China würden „Korane verbrannt, Moscheen geschlossen, islamische Schulen verboten“, schrieb Özil am Freitag und kritisierte: „Die Muslime schweigen.“ Daraufhin gab es vor allem von chinesischer Seite harsche Kritik. Der FC Arsenal distanzierte sich von den Aussagen seines Spielers.

Was macht Özils Äußerungen so brisant?
„Kläglich und opportunistisch“, lautete eine der Reaktionen auf Özils Statement. Sie kam von der Gesellschaft für bedrohte Völker. Doch sie galt nicht Özil, sondern seinem Arbeitgeber Arsenal, der sich von Özil distanziert hatte. Im Sommer 2018 war das noch grundlegend anders: Da sah sich der Nationalspieler für sein Kuscheln mit dem Autokraten Erdogan in Deutschland massiver Kritik ausgesetzt – von links wie rechts.

Sportlich hat die Bedeutung des inzwischen 31 Jahre alten Özil rapide abgenommen: Nationalspieler ist er nicht mehr, und bei Arsenal muss er in dieser Saison zunehmend um seinen Stammplatz bangen. Özils Öffentlichkeitswirksamkeit aber ist nach wie vor immens. Kein deutscher Fußballer hat in den sozialen Netzwerken derart viele Follower: Bei Facebook, Twitter und Instagram sind es derzeit 76,5 Millionen. Bei Instagram hat Özil in diesem Jahr 2,42 Millionen Follower hinzugewonnen – laut einer aktuellen Untersuchung der Zeitschrift „Horizont“ so viele wie kein anderer deutscher Kanal.

Özil ist in Gelsenkirchen geboren. Seine türkische Staatsangehörigkeit hat er abgegeben. Trotzdem bedient er auf seinen Digitalkanälen vor allem seine türkische und muslimische Fangemeinde. Den beanstandeten Post zu den Uiguren, in dem er das „Schweigen der muslimischen Brüder“ kritisierte, verfasste Özil auf Türkisch. „Mehr als die Hälfte seiner Fans sind Muslime“, hat einer seiner Berater einmal preisgegeben.

Dass er seine Anhänger zu mobilisieren versteht, hat sich unter anderem bei der Wahl zum „Nationalspieler des Jahres“ auf der Homepage des Deutschen Fußball-Bundes gezeigt. Özil, beim DFB inzwischen Persona non grata, hat diese Auszeichnung zwischen 2011 und 2016 fünf Mal gewonnen – zum Teil mit mehr als 50 Prozent der Stimmen.

Wie ist die Lage der Uiguren in China?
Der chinesische Außenamtssprecher sagte am Montag, Mesut Özil sei von „Fake News getäuscht“ worden, er solle nach Xinjiang reisen und sich ein Bild von der Lage machen. China bezeichnet seine Lager in der westchinesischen Provinz als „Ausbildungszentren“, in denen die Insassen lediglich eine „Berufsausbildung“ erhalten würden.

Zahlreiche Zeugenaussagen ehemaliger Lagerinsassen und die unlängst veröffentlichten „China Cables“, eine Sammlung interner Dokumente, sprechen eine andere Sprache. Sie beweisen, dass die chinesische Führung in seinen Umerziehungslagern womöglich mehr als eine Million Uiguren und andere muslimische Minderheiten willkürlich inhaftiert und indoktriniert. Experten werfen der chinesischen Regierung „kulturellen Genozid“ vor.

Im Sommer prangerten 22 Staaten, darunter auch Deutschland, bei einer Sitzung des UN-Menschenrechtsrates die willkürlichen Verhaftungen in Xinjiang an. China konterte mit einem eigenen Brief, in dem 37 Staaten die Politik Chinas im Kampf gegen den islamischen Terrorismus ausdrücklich lobten. Darunter fanden sich auffallend viele muslimische Staaten wie Saudi-Arabien, Algerien, Ägypten und Pakistan, die alle intensive politische und wirtschaftliche Beziehungen zu China unterhalten.

Welche Folgen haben Özils Äußerungen?
Özils Klub, der FC Arsenal, distanzierte sich schnell von den Aussagen seines Starspielers und geriet dafür in die Kritik der britischen Medien. Der „Guardian“ schrieb, der Verein hätte Özil vor Angst um verlorene Einnahmen aus China „unter einen Bus geworfen“. Tatsächlich hat Arsenal kommerzielle Interessen in China, die es zu verteidigen gilt. Erst im vergangenen Jahr kündigte der Verein an, eine offizielle Restaurantkette in China eröffnen zu wollen. Dieser Plan wurde mittlerweile auf Eis gelegt, aber Geschäftsführer Vinai Venkatesham will trotzdem weiterhin in China aktiv sein. „Das Potenzial dort ist riesig.

Wenn man schaut, wie viele Fans Arsenal vor 10 oder 15 Jahren in China hatte, und wie viele es jetzt sind, dann sieht man, dass es sehr schnell wächst“, sagte Venkatesham der Nachrichtenagentur Bloomberg im September. Doch der Vorfall mit Özil dürfte dieses Potenzial etwas geschädigt haben.

Die staatliche chinesische Zeitung „Global Times“ warnte in einem Leitartikel vor „gravierenden Auswirkungen“ nach Özils Aussagen. Schon am Sonntagabend entschied sich das chinesische Staatsfernsehen, das Topspiel zwischen Arsenal und Manchester City kurzfristig aus dem Programm zu nehmen. Andere Klubs fürchten nun, dass die lukrativen Übertragungsrechte in Gefahr geraten könnten. Der aktuelle Vertrag bringt den Vereinen aus der englischen Premier League fast 700 Millionen Euro ein. Auch über die Fernsehrechte hinaus bestehen kommerzielle Verbindungen zwischen China und der Premier League.

In der Saisonvorbereitung spielen englische Klubs bei der „Premier League Asia Trophy“ auch in China. Manchester City hat unter anderem Investoren aus China, während die Wolverhampton Wanderers im Besitz des chinesischen Mischkonzerns Fosun stehen. Zwei Vereine tragen chinesische Wettanbieter auf ihren Trikots.

Wie reagiert China auf Kritik?
Wer in China wirtschaftet – und das ist das, was ausländische Ligen, Klubs und Verbände dort tun –, hat sich nach chinesischem Selbstverständnis auch an Chinas Regeln zu halten. Dazu zählt besonders, sich nicht in politische Angelegenheiten einzumischen. Denn da versteht China keinen Spaß. Das musste zuletzt selbst die populärste aller Sportligen in China erfahren, die nordamerikanische Basketball-Profiliga NBA: Im Oktober hatte der Manager eines einzelnen NBA-Teams auf Twitter seine Solidarität mit den Demonstrationen in Hongkong bekundet. Daraufhin beendete der chinesische Basketballverband seine Kooperation mit der gesamten NBA, einige Unternehmen taten es ihm gleich. Das Staatsfernsehen setzte die Übertragung einiger Spiele aus. Auch viele chinesische Fans machten ihrem Unmut Luft.

Ligen, Klubs sowie Verbände kennen die Lage und agieren deshalb äußerst vorsichtig, um ihre wirtschaftlichen Interessen in China nicht zu gefährden. So sperrte etwa ebenfalls im Oktober ein US-amerikanischer Spielehersteller einen E-Sportler aus Hongkong in vorauseilendem Gehorsam aus, weil er sich solidarisch mit den Protesten erklärt hatte.

Welche Interessen hat der deutsche Fußball in China?
Staats- und Parteichef Xi Jinping, selbst begeisterter Fußballfan, will China in seinem Lieblingssport groß rausbringen: Das Land soll bis 2050 auch bei den Männern in der Weltspitze landen und bis dahin eine WM-Endrunde ausrichten. Dazu investiert China Milliarden und errichtet Tausende neue Fußballplätze und -schulen. Angeblich 250 Millionen Chinesinnen und Chinesen bezeichnen Fußball inzwischen als ihren Lieblingssport. Dass sich dahinter enormes Wachstumspotenzial verbirgt, hat auch der deutsche Fußball erkannt.

Im März hat die Deutsche Fußball-Liga (DFL) ein Auslandsbüro in Peking eröffnet – Jürgen Klinsmann, der neue Trainer von Hertha BSC, war als oberster Repräsentant dabei. Auch Bayern München, Borussia Dortmund, Schalke 04, Borussia Mönchengladbach, Eintracht Frankfurt sowie der VfL Wolfsburg unterhalten Büros in China und waren dort bereits zu PR-Touren unterwegs.

Die DFL, der DFB und die Bundesregierung unterhalten zudem eine Kooperation mit dem chinesischen Bildungsministerium sowie Fußballverband und schicken etwa Coaches und Schiedsrichter nach China. Dabei wurde auch vereinbart, dass das chinesische U-20-Nationalteam zur Saison 2017/18 am Spielbetrieb in der deutschen Regionalliga Südwest teilnehmen sollte – nachdem es jedoch bereits beim ersten Spiel Proteste für die Unabhängigkeit Tibets gab, zog der chinesische Verband das Team schnell wieder zurück.

Wie politisch ist der Fußball?
Ramsan Kadyrow, der Präsident der autonomen Republik Tschetschenien, bekam vom Fußball genau die Bilder, die er haben wollte. Sie zeigten den Autokraten Seite an Seite mit Mohamed Salah, dem Superstar des FC Liverpool. Für Kadyrow, dem schwere Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen werden, war es ein PR-Coup. Während der WM in Russland hatte die ägyptische Nationalmannschaft ihr Teamquartier in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny aufgeschlagen, und als Kadyrow ihr einen Besuch beim Training abstattete, wurde auf die Schnelle noch Salah herangekarrt, der wegen einer Verletzung im Hotel geblieben war.

Sportliche Großveranstaltungen in Ländern, die westlichen Demokratie-Maßstäben nicht entsprechen, sind auch für die Sportverbände eine heikle Angelegenheit. Immerhin ist sich der DFB des Problems inzwischen bewusst. In der Vergangenheit, zum Beispiel bei der WM 1978 im Argentinien der Militär-Junta, war das noch nicht so.

Schöne PR-Fotos für Autokraten gibt es von und mit dem DFB nicht. Trotzdem hat Wenzel Michalski, Deutschland-Direktor von Human Rights Watch, vor der WM in Russland gesagt: „Ich würde mir vom DFB schon wünschen, dass er fordernder auftritt, der prekären Menschenrechtssituation in Russland angemessen. Aber er verhält sich da sehr vorsichtig. Er ist vor allem interessiert, Negativschlagzeilen zu verhindern.“

Fritz Keller hat zuletzt darauf verwiesen, dass sportliche Großveranstaltungen „als Instrument geostrategischer und ideologischer Interessen in unterschiedlichsten Weltregionen missbraucht“ werden. Keller ist im Herbst zum DFB-Präsidenten gewählt worden, und er hat von Beginn an klar gemacht, dass mit dem Amt auch politische Verantwortung verbunden ist. So hat er durchgesetzt, dass „wir keine Auswahlmannschaften mehr zu Spielen in Ländern antreten lassen, in denen Frauen nicht gleichberechtigt und frei von Diskriminierung Zugang zu Fußballstadien oder anderen Sportstätten gewährt wird“. Hört sich gut an, hat in der Praxis allerdings kaum Auswirkungen: Ein Länderspiel im Iran, wo Frauen bisher nicht ins Stadion durften, hat die Nationalmannschaft erst einmal bestritten.

Der Fußball geriert sich gerne als moralische Instanz, nutzt die Idee des sportlichen Wettkampfs für schöne PR-Kampagnen gegen Rassismus und für Gleichberechtigung. In Wirklichkeit aber sind die Profiklubs auch nichts anderes als Wirtschaftsunternehmen, denen es vor allem um ökonomische Interessen geht. So wie Katar an der Deutschen Bank oder an Volkswagen beteiligt ist, sind Klubs wie Paris St. Germain, Manchester City oder Inter Mailand von Geldgebern aus Katar, den Vereinigten Arabischen Emiraten oder China abhängig,

Insgesamt ist der deutsche Fußball im Umgang mit autoritären Staaten nicht allzu päpstlich. Weil China vor allem ein großer Markt ist, spielt die Menschenrechtssituation für die Bundesligisten eine untergeordnete Rolle. Auch die Berichte über Arbeitsrechtsverletzungen in Katar halten den FC Bayern nicht davon ab, im Januar zum zehnten Mal hintereinander zum Wintertrainingslager nach Katar zu reisen. Die Trainingsbedingungen sind einfach formidabel.

Die eigenen Fans sehen die Angelegenheit deutlich differenzierter. Vor einigen Jahren entrollten sie in der Südkurve ein Transparent mit einem Zitat des Vorstandsvorsitzenden Karl-Heinz Rummenigge: „Die Situation der Arbeiter in Katar hat sich durch den Fußball verbessert.“ Daneben war sein Konterfei zu sehen. Rummenigge trug eine rosarote Brille.

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