Lewis Hamilton reichte zur Verteidigung seines WM-Titels in Mexiko Platz vier. Foto: AFP
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Nick Heidfeld über den Formel-1-Weltmeister „Lewis Hamilton hat einfach das bessere Auto“

Der frühere Formel-1-Pilot Nick Heidfeld über die Dominanz von Weltmeister Hamilton und seinem Rennstall Mercedes und die Fehler von Sebastian Vettel.

Herr Heidfeld, am Sonntagabend ist Lewis Hamilton zum fünften Mal Formel-1-Weltmeister geworden – erneut mit einem großen Vorsprung auf Sebastian Vettel. Was macht der Deutsche falsch?

Sebastian hat sicherlich den einen oder anderen Fehler gemacht in dieser Saison, aber die Kritik an ihm ist – nach allem, was ich mitbekommen habe – in Teilen zu hart.

Hätte er in einigen Duellen – zuletzt in Austin gegen Daniel Ricciardo beispielsweise – nicht etwas defensiver fahren müssen?
Das sagt sich von außen betrachtet leicht. Die Innenansicht ist ja meist eine andere. Aus Rennfahrerperspektive sind ihm wenig Fehler unterlaufen; da werden Entscheidungen binnen einer Hundertstelsekunde getroffen. Das sind Bruchteile, gerade am Start, wenn man keine Ideallinie fahren kann, der Grip noch fehlt – und alle Fahrer die Strecke eigentlich nur vom Training kennen. Da kann es dann schon mal unglücklich laufen.

Hamilton trifft es seltener.

Wenn du vorn stehst und das bessere Auto hast, musst du nicht zwingend ein Risiko gehen. Irgendwann stellt sich auch die mentale Frage.

Ist Vettel also auch ein bisschen an seinem Kopf gescheitert?

Er hat sich ja mal selbst als größtes Problem bezeichnet. Das zu sagen war stark von ihm – wurde aber auch missverstanden. Im Spitzensport muss jeder permanent an sich selbst arbeiten. Leider suchen viele die Fehler zu oft woanders. Es zeichnet Sebastian aus, dass er immer dazulernen will, er versteckt sich nicht dahinter, dass Lewis übers Jahr gesehen einfach das bessere Auto hatte.

Sie sind gegen Michael Schumacher, der sieben Weltmeistertitel holte, Hamilton und auch gegen Vettel gefahren. Wer ist denn nun der Allerbeste?

Im aktuellen Feld für mich: Fernando Alonso!

Oh, der wurde aber „nur“ zweimal Weltmeister.

Er hätte mehr Titel verdient. Was die Fahrzeugkontrolle betrifft, sehe ich aktuell kein herausragenderes Talent als Alonso. In Monaco, als ich zu Fuß ganz nah an die Strecke heranging, habe ich ihn genau beobachtet. Wie knapp er an den Mauern entlanggerauscht ist, eine perfekte Runde nach der nächsten hinlegte, das war fantastisch. Hamilton kann das auch, aber nicht in dieser Häufigkeit. Und im Rennen holt Alonso häufig das Maximale heraus, trifft sehr oft die richtigen Entscheidungen. Andererseits…

… ja?

Alonso wurde von verschiedenen Seiten auch immer unterstellt, er bringe Unruhe ins Team. Vettel hingegen bringt das ganze Team hinter sich und es ist gewiss nicht nur Zufall, dass Ferrari viel stärker ist, seitdem er da ist.

Sie sind elf Jahre lang in der Formel 1 gefahren, ohne einmal zu gewinnen. Man hat Sie den „Michael Ballack der Formel 1“ genannt. Wie sehr nagt das noch an Ihnen?

Ich bin natürlich nicht 2000 in die Formel 1 gegangen, um 2011 ohne Sieg wieder rauszugehen. Das ärgert mich schon. Andererseits hatte ich nie ein siegfähiges Auto. Nur einmal gewann ein Teamkollege ein Rennen, das war Robert Kubica 2008. Ich war auf Siegkurs, aber teamtaktische Gründe haben Robert statt mir zum Sieg verholfen.

Die Situation hat sich für die Hinterbänkler kaum geändert. Mit Mercedes und Ferrari kann nur Red Bull halbwegs mithalten. Wie frustrierend ist dieses Gefühl für die Außenseiter?

Als Fahrer ist man natürlich trotzdem motiviert, man will das Maximum herausholen und sich so für die Topteams qualifizieren.

Der kanadische Investor Lawrence Stroll hat seinem Sohn Lance in ein besseres Cockpit verholfen.

Aus sportlicher Sicht sind das nicht immer optimale Entscheidungen, aber auch keine neuen Erscheinungen.

Nick Heidfeld, 41, fuhr von 2000 bis 2011 in der Formel 1 für die Teams Prost, Sauber, Jordan, Williams, BMW Sauber und Lotus Renault. 2014 wechselte er in die Formel E. Foto: dpa Vergrößern
Nick Heidfeld, 41, fuhr von 2000 bis 2011 in der Formel 1 für die Teams Prost, Sauber, Jordan, Williams, BMW Sauber und Lotus Renault. 2014 wechselte er in die Formel E. © dpa

Ist die Formel E, in der Sie von 2014 bis diesen Juli fuhren, ehrlicher?

Sie ist zumindest ausgeglichener. Die Zweikämpfe sind enger, die Autos stabiler. Da kann man auch mal auf Kontakt gehen, weil die Folgen geringer sind, man verliert dadurch auch nicht so viel Speed wie in der Formel 1.

Und den Mittelfinger, wie Sie es im Januar taten, darf man den Kollegen auch zeigen?

Das war beim Rennen in Marrakesch, wo es zu ruppig zuging. Ich wurde da etwas emotionaler, was zu Beginn meiner Formel-E-Zeit übrigens erwünscht war.

Zur neuen Saison setzt Ihr Rennstall Mahindra auf Pascal Wehrlein. Sauer?

Sauer? Null! Teamchef Dilbagh Gill und ich haben ein ausgesprochen gutes und offenes Verhältnis. Ich wäre gern bei Mahindra weitergefahren, klar. Andererseits hatte ich mit Gesamtplatz elf keine überragende Saison und bin 41 Jahre alt. Es hätte woanders die Möglichkeit gegeben, weiterzumachen. Aber das Angebot bei Mahindra war zu verlockend.

Wirklich? Sie sind dort künftig Test- und Ersatzfahrer.

Das steht nicht im Vordergrund. Ich bin auch als Berater in alle Bereiche eingebunden, werde Pascal und Jerome D’Ambrosio unterstützen und mithelfen, Team und Auto besser zu machen. Zudem entwickle ich einen vollelektronischen Zwei-Millionen-Hypercar von Automobili Pininfarina, einer Mahindra-Tochter, mit. So bleibe ich meiner Passion, dem Motorsport, erhalten.

Mahindra hat seinen Hauptsitz in Mumbai. Wie ausgeprägt ist die Motorsport-Leidenschaft in Indien?

Ich war leider erst einmal dort. Der Enthusiasmus ist vorhanden, aber ich glaube noch mehr im Rallyesport. Für Mahindra ist es wichtig, sich zu zeigen. Das ist ja ein Riesenkonzern, der von Fahrrädern bis Flugzeugen alles baut, international aber in manchen Regionen völlig unbekannt war. Mit dem Einstieg in die Formel E, in der Mahindra einen guten Job macht, hat sich das geändert.

Glauben Sie, dass sich Wehrlein bei Mahindra so entfaltet, dass es nochmal für die Formel 1 reicht? Oder wird bald die Formel E das Motorsportmaß aller Dinge sein?

Noch ist die Formel 1 die Spitze des Motorsports. Wenn es Wehrlein unbedingt dorthin schaffen will, ist das möglich. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass die Formel E an der Formel 1 vorbeizieht. Dort sind mehr Hersteller vertreten, der Markt drängt Richtung Elektromobilität. Nur sollte die Formel E den Balanceakt zwischen Show und Wettkampf hinbekommen. Solche Dinge wie der Fanboost…

… durch den Fans abstimmen können, welcher Fahrer während des Rennens zusätzlich Energie bekommt…

… sind des Guten zuviel. Die Idee, die Fans zu integrieren ist ja gut, aber schlecht umgesetzt. Zumal das Programm anfällig für Manipulationen ist.

Auch Sie haben davon profitiert, oder?

Zu Beginn der Serie, 2014, hatte ich in Peking einen spektakulären unverschuldeten Unfall, der mich den Sieg gekostet hat, aber ansonsten glücklicherweise glimpflich abgelaufen ist. In der Folge voteten die Fans oft für mich, nach dem Motto: der arme Nick. Trotzdem: Was das Rahmenprogramm betrifft, soll es gerne so viel Show wie möglich geben. Der Rest muss auf der Strecke geklärt werden.

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