Wenn Verteidiger stürmen. Herthas Abwehrspieler Niklas Stark (links) hatte gegen Schalke die beste Chance des Spiels. Foto: Sascha Schuermann/AFP
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Nach Niederlage gegen Schalke 04 Hertha BSC trifft das Tor nicht mehr

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In fünf von acht Rückrundenspielen blieb Hertha ohne eigenes Tor. Auch in Gelsenkirchen klappt nichts – nur Hamburg ist noch schwächer.

Skandinavier gelten als Menschen, die die Ruhe weg haben und nur schwer aus dem Gleichgewicht zu bringen sind. Das trifft im Großen und Ganzen auch auf Rune Jarstein zu, den Torhüter von Hertha BSC. Insofern war es eine ziemliche Überraschung, als letztens in den sozialen Medien ein schon etwas älteres Video aus seiner Zeit in Norwegen auftauchte, das einen ganz anderen Jarstein zeigte. Der Torhüter wollte einem Kollegen an den Kragen und konnte nur mit vereinten Kräften an der Anwendung körperlicher Gewalt gehindert werden. Rune Jarstein, der stille Norweger, kann also auch anders.

Sein bisher unentdecktes Temperament war auch am Samstagnachmittag zu sehen. Nach dem Abpfiff in der Arena auf Schalke machte sich Jarstein auf den Weg ans andere Ende des Platzes, wo sich der Block mit den Hertha-Anhängern befand. Als er im Mittelkreis auf seinen Landsmann Per Skjelbred traf, pfefferte Jarstein seine Trinkflasche mit Wucht auf den Rasen. Dieser Arbeitstag war selbst für einen Stoiker wie Jarstein nur schwer zu ertragen gewesen.

Jarstein war noch der beste Herthaner

Dabei hatte sich der Torhüter am wenigsten vorzuwerfen. Beim Tor durch Marko Pjanic, das die 0:1-Niederlage beim FC Schalke besiegelte, hatte er keine Abwehrchance gehabt. Andere Mannschaftsteile hatten gravierendere Versäumnisse vorzuweisen, vor allem die Offensive. „Wir schießen zu wenige Tore in der Rückrunde“, sagte Niklas Stark. „Und wenn wir ein Gegentor bekommen, sieht es schon mal schlecht aus.“ Auf mehr als ein Unentschieden darf Hertha dann nicht mehr hoffen.

Stark ist Innenverteidiger, trotzdem war er es, der am Samstag die beste Chance ungenutzt ließ, als er, frei vor dem Schalker Tor, nur eine bessere Rückgabe auf Torhüter Ralf Fährmann zuwege brachte. „Das war einfach nur Pech“, sagte Stark. Im Einzelfall mag das zutreffen. Herthas Bilanz in der Rückrunde lässt sich aber nicht mit Pech allein erklären.

Nur vier Tore nach acht Spielen

Acht Spiele sind in der Rückrunde gespielt, in fünf davon blieben die Berliner ohne Tor. Vier Treffer sind ihnen insgesamt gelungen – auf weniger kommt im Jahr 2018 allein der HSV, und der zählt eigentlich nicht. „Die Effizienz, die wir in der Hinrunde hatten, haben wir im Moment nicht“, sagte Mittelfeldspieler Fabian Lustenberger. Eine ganz neue Erfahrung ist das nicht. Auch in den vergangenen Jahren waren die Berliner vor der Winterpause deutlich effizienter als danach – als wäre Effizienz bei Hertha ein saisonales Gemüse, das leider nur von August bis Dezember erhältlich ist.

Lustenberger wollte in Schalke „so viele Chancen wie selten“ gesehen haben. Das war ein wenig übertrieben. Hertha hatte in der ersten Halbzeit zwei richtig starke Minuten mit drei gefährlichen Abschlüssen; nach der Pause dominierten die Berliner die Partie – allerdings auch, weil Schalke sich dominieren ließ. Das Spitzenteam mauerte im eigenen Stadion wie ein Regionalligist in der ersten Runde des DFB-Pokals und lieferte damit ein perfektes Fallbeispiel für die fußballerische Qualität in der Gegen-den– Ball-Liga. Zur Pause hatte Hertha gerade mal 37 Prozent Ballbesitz gehabt, nach dem Abpfiff waren es 49 – weil Schalke in der zweiten Halbzeit schlichtweg auf Ballbesitz verzichtete.

Dardei: "Müssen uns tierisch verbessern"

„Der Aufwand war sehr groß, der Ertrag lag leider bei null“, sagte Lustenberger. Wobei es nicht so war, dass Hertha sich reihenweise Chancen erspielt und diese dann verballert hatte. „Wir haben gut aufgebaut bis 30 Meter vor dem Tor“, sagte Trainer Pal Dardai. Hinter dieser Linie aber war kein Durchkommen mehr. Die Berliner versuchten es aus der Distanz oder nach Standardsituationen, schafften es aber nicht, das umzusetzen, was Dardai eigentlich sehen will: klar strukturierte Angriffe, gezielt vorbereitete Abschlüsse mit einer hohen Erfolgswahrscheinlichkeit. „Das üben wir“, sagte er, „aber da müssen wir uns tierisch verbessern.“

Nur Kalou und Ibisevic torgefährlich

Die Probleme in der Offensive sind nicht neu. Dardai hat sie längst zum Trainingsschwerpunkt gemacht. Auf inzwischen 95 Prozent beziffert er den Anteil in der täglichen Trainingsarbeit, „defensiv machen wir gar nichts mehr“. Dass der Erfolg ausbleibt, ist allerdings auch eine Frage individueller Qualität. „Wir haben keine Riesenstars hier, sondern viele gute Spieler“, sagt Dardai. Das Offensivspiel der Berliner lebt nicht von den Geistesblitzen Einzelner, es soll und muss ein konzertiertes Zusammenspiel sein.

In der Vergangenheit haben sich die Berliner immerhin auf die Qualität von Vedad Ibisevic, 33, und Salomon Kalou, 32, verlassen können. Beide hätten, was Tore und Vorlagen angehe, die Quote, die man in der Bundesliga brauche, sagt Dardai, „alle anderen sind noch ein bisschen unsicher“. Und das ist kein neues Phänomen, sondern ziehe sich „durch die Jahre hindurch“. Was er machen könne, damit auch andere Spieler als Kalou und Ibisevic mehr Torgefahr entwickelten, ist Herthas Trainer am Sonntag gefragt worden. „Wenn ich das könnte, wäre ich ein Zauberer“, hat Pal Dardai geantwortet. „Es gibt eine Grenze.“

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