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Soll nicht, was er will. Der Iraner Saeid Mollaei trat bei der Judo-WM an, obwohl es das iranische Sportministerium nicht wollte. Foto: Feix Maouhua/imago images
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Nach dem Eklat bei der Judo-WM Wenn iranische Sportler nicht gegen Israelis antreten

Immer wieder kommt es bei sportlichen Wettkämpfen zu Zwischenfällen, wenn iranische Sportler gegen israelische antreten sollen. Ein Überblick.

Bei der Judo-Weltmeisterschaft in Tokio kam es zum Eklat. Der iranische Judoka Saeid Mollaei soll am Tag seines Halbfinal-Kampfes einen Anruf aus dem iranischen Sportministerium erhalten haben – mit der Aufforderung, sich von der WM zurückzuziehen. Der Grund: Im Fall eines Finaleinzugs hätte Mollaei gegen den Israeli Sagi Muki antreten müssen. Und die iranische Regierung, die Israel nicht als Staat anerkennt, will sportlichen Wettkampf mit Israel mit allen Mitteln verhindern.

Mollaei allerdings widersetzte sich der Aufforderung des Sportministeriums und trat zum Halbfinale an, das er verlor. In einem Interview mit dem Weltverband IJF erzählte er danach, sich nicht mehr zurück in die Heimat zu trauen. „Ich habe Angst davor, was meiner Familie und mir passieren könnte“, sagte Mollaei, der nun wohl um Asyl in Deutschland bitten möchte.

Für seine Angst gibt es wohl gute Gründe: Kurz vor dem Halbfinale, das er laut Anweisung Teherans absichtlich verlieren sollte, bekam der Judoka noch einen Anruf von Irans NOK-Chef Reza Salehi Amiri. Der Sportfunktionär teilte ihm mit, dass Sicherheitskräfte beim Haus seiner Eltern waren. Amiri meinte am Montag, Mollaei brauche sich nicht zu fürchten.

Erst im Mai hatte das Nationale Olympische Komitee des Iran angekündigt, die olympische Charta und ihr Diskriminierungsverbot uneingeschränkt zu respektieren. Damit stünde in Zukunft Wettkämpfen zwischen iranischen und israelischen Sportlern nichts mehr im Weg. Der Fall von Mollaei zeigt aber, dass noch eine Menge im Weg stehen könnte – wie in den vergangenen Jahrzehnten.

Denn immer wieder kam es bei sportlichen Wettkämpfen zu Zwischenfällen, wenn iranische Sportler gegen israelische Athleten antreten sollten oder angetreten sind. Eine Übersicht:

Zwei Kilogramm Übergewicht

Als die iranischen Sportler bei den Olympischen Spielen 2004 ins Stadion von Athen einliefen, trug Arash Miresmaeili die Fahne. Der damals amtierende Judo-Weltmeister in der Klasse bis 66 Kilogramm fuhr trotzdem nach Hause, ohne einen Kampf bestritten zu haben. Denn als Gegner in der ersten Runde wurde ihm der Israeli Ehud Vaks zugelost. Aber Miresmaeili verzichtete auf den Wettkampf.

Mögliche Sanktionen vermied er, indem er zum Wiegen mit üppigen zwei Kilogramm Übergewicht erschien. In seiner Heimat verkündete er später, er habe aus „Sympathie mit dem palästinensischen Volk“ gehandelt, der Iran soll ihn mit der für Goldmedaillen vorgesehenen Prämie von 125.000 US-Dollar belohnt haben.

Bahn eins und sieben

Bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking trat der iranische Schwimmer Mohammad Alirezaei nicht an. Zunächst hatte nach einer Meldung der iranischen Nachrichten-Agentur ISNA das Nationale Olympische Komitee des Iran (INOC) den Start des Athleten über 100 Meter Brust freigegeben, obwohl in diesem Lauf auch der Israeli Tom Beeri gemeldet war.

Weil der Iraner auf Bahn eins und der Israeli auf Bahn sieben eingeteilt waren, hätte es sich nicht um ein direktes Duell gehandelt, zitierte ISNA einen Sprecher des INOC. Am Ende blieb Alirezaeis Platz aber frei. Iranischen Angaben zufolge war der Sportler erkrankt. Beobachter vermuteten jedoch ein Eingreifen der iranischen Staatsführung.

„Eimer kaltes Wasser auf all meine Träume“

Bei der U-23-Ringer-WM in Polen 2017 musste der Freistil-Ringer Ali-Resa Karimi, einer der Favoriten auf die Goldmedaille, auf Anweisung seiner Trainer im Achtelfinale gegen den Russen Alichan Schabrailow verlieren, weil er sonst in der nächsten Runde gegen einen israelischen Gegner hätte antreten müssen.

Da durfte er jubeln. Der iranische Ringer Ali-Resa Karimi siegt bei der Ringer-WM 2015 gegen Michail Ganew aus Bulgarien. Foto: Paul Buck/dpa Vergrößern
Da durfte er jubeln. Der iranische Ringer Ali-Resa Karimi siegt bei der Ringer-WM 2015 gegen Michail Ganew aus Bulgarien. © Paul Buck/dpa

„Ich hatte so hart trainiert und so fest an den WM-Titel geglaubt. Dann aber kamen die Anweisungen und es war wie ein Eimer kaltes Wasser auf all meine Träume“, sagte Karimi der Nachrichtenagentur ISNA. Für den 23-Jährigen war es das zweite Mal, dass er wegen der iranischen Anti-Israel-Politik auf einen eventuellen WM-Titel verzichten musste. Karimi forderte damals die vom iranischen Ringerverband vorgesehene WM-Prämie von 60 Goldmünzen (umgerechnet ungefähr 16.000 Euro) ein.

Der Kapitän fliegt raus

Was passiert, wenn man sich als Sportler nicht den Anweisungen des Regimes fügt, mussten die Fußball-Nationalspieler Masoud Shojaei und Ehsan Haji Safi 2017 erfahren. Die beiden traten mit ihrem Verein Panionios Athen gegen den israelischen Klub Maccabi Tel Aviv in der Europa-League-Qualifikation an – allerdings nur im Rückspiel.

Beide hatten ihre Einsätze im Hinspiel auf israelischem Boden verweigert, obwohl Panionios den Iranern mit Geldstrafen gedroht hatte. Im Rückspiel in Athen liefen sie auf. Der Iran schloss die beiden Spieler daraufhin aus der Nationalmannschaft aus. „Die beiden Spieler haben die rote Linie überschritten“, sagte der damalige Vizesportminister Mohamed Resa Dawarsani.

Sperre aufgehoben. Masoud Shojaei (oben) durfte wieder für die iranische Nationalmannschaft spielen. Foto: Paul Miller/picture alliance/dpa Vergrößern
Sperre aufgehoben. Masoud Shojaei (oben) durfte wieder für die iranische Nationalmannschaft spielen. © Paul Miller/picture alliance/dpa

Nach Protesten von Fans und ehemaligen Nationalspielern wurde die Sperre aber wieder aufgehoben und die beiden Spieler standen im Kader des Irans bei der WM 2018.

Dejagah weigert sich

In Berlin ist Ashkan Dejagah noch immer ein bekannter Name. Der Offensivspieler wurde bei Hertha BSC ausgebildet und bestritt 26 Bundesliga-Spiele für den Klub. Zum Eklat kam es im Jahr 2007, als sich Dejagah weigerte, mit der deutschen U-21-Nationalmannschaft in Tel Aviv zu spielen.

Dejagah, der auch die iranische Staatsbürgerschaft hat, begründete diesen Schritt mit Verweis auf seine noch in Iran lebende Verwandtschaft, die womöglich Konsequenzen zu erleiden hätte, falls er spielen sollte. In der „Bild“-Zeitung wurde er so zitiert: „Das hat politische Gründe. Jeder weiß, dass ich Deutsch-Iraner bin.“

Mit dabei. Bei der WM 2014 spielte Ashkan Dejagah (l.) gegen Nigeria (hier Joseph Yobo). Foto: CJ Gunther/dpa Vergrößern
Mit dabei. Bei der WM 2014 spielte Ashkan Dejagah (l.) gegen Nigeria (hier Joseph Yobo). © CJ Gunther/dpa

Der Fall wurde in Deutschland breit diskutiert. Charlotte Knobloch, die damalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden, hatte den Ausschluss Dejagahs aus deutschen Auswahlteams gefordert. Der DFB entschied sich nach einem Gespräch mit Dejagah, ihn weiter zu nominieren. Beim Rückspiel zwischen Israel und Deutschland blieb Dejagah dann wegen einer „Wadenverletzung“ fern.

Später entschied sich Dejagah, für die Nationalmannschaft des Irans aufzulaufen und nahm mit dem Team an zwei Weltmeisterschaften teil. Mittlerweile spielt er beim iranischen Klub Tractor Sazi Täbris. (Tsp/dpa)

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