"Sobotzik raus". Chemnitzer Fans zeigen Zettel mit der Rückennummer 11 als Symbol für den entlassenen Spieler Daniel Frahn hoch und stellen sich gegen ihren Sportdirektor. Foto: Robert Michael/dpa
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„Mir kam blanker Hass entgegen“ Chemnitzer Ex-Sportdirektor macht rechtsextreme Fans für Rücktritt verantwortlich

Vor Kurzem ist Thomas Sobotzik als Sportdirektor beim Chemnitzer FC zurückgetreten. Nun hat er sich geäußert – und spricht über die Anfeindungen durch Fans.

Anfang September hatte Sportdirektor Thomas Sobotzik genauso wie Trainer David Bergner sein Amt beim Chemnitzer FC niedergelegt. Sportliche Gründe haben dabei eine untergeordnete Rolle gespielt. Vor allem Sobotzik war in den Wochen zuvor heftig aus der aktiven Fanszene angefeindet worden – auch, weil er sich immer wieder gegen Rechtsextremismus in der Fanszene und im eigenen Klub gestellt hatte.

So war er dafür verantwortlich, dass Torjäger und Kapitän Daniel Frahn rausgeworden wurde, nachdem er beim Auswärtsspiel in Halle neben stadtbekannten Neonazis im Fanblock stand.

Direkt nach dem Rauswurf von Frahn bekam Sobotzik Drohungen per WhatsApp. Beim Heimspiel gegen Magdeburg Mitte August gab es eine weitere Attacke auf Sobotzik. „TS + KS töten“, hatte jemand bei den Herrentoiletten in der Nähe des Fanblocks gesprayt, die Initialen gehören zu Thomas Sobotzik und dem Insolvenzverwalter Klaus Siemon.

Außerdem ermittelte die Polizei wegen eines Hakenkreuz-Graffitis im Stadion. Der ehemalige Sportdirektor erzählte dem Tagesspiegel auch von Bedrohungen und Beleidigungen durch einen Fan beim Verlassen des Stadions.

So ging es in den Tagen danach weiter. Beim Auswärtsspiel gegen Bayern München II sorgten die Chemnitzer Fans mit rassistischen und antisemitischen Äußerungen für den nächsten Eklat. Wieder stand Sportdirektor Sobotzik im Fokus. Der Verein bezog danach Stellung. „Bedrohungen und Aussagen wie ,Thomas Sobotzik, du Judensau' oder „Daniel Frahn ist wenigstens kein Neger“ dürfen in unserer Gesellschaft keine Akzeptanz haben“, hieß es in der Mitteilung des CFC, der die Äußerungen als „widerlich“ bezeichnete.

Es war zu viel. Thomas Sobotzik hat sein Amt beim Chemnitzer FC niedergelegt. Foto: Robert Michael/dpa Vergrößern
Es war zu viel. Thomas Sobotzik hat sein Amt beim Chemnitzer FC niedergelegt. © Robert Michael/dpa

Am Mittwochmorgen hat sich Sobotzik erstmals nach dem Rücktritt geäußert. Er erklärt in einer Pressemitteilung Folgendes...

„…über die Gründe für seine Bitte um Freistellung:
Die Entwicklung tut mit unendlich leid, aber auf Grund der Ereignisse in den vergangenen Monaten sah ich keine andere Alternative mehr, als den Verein um die Entbindung von allen Aufgaben zu bitten. Was ich zuletzt an persönlichen Anfeindungen, Beschimpfungen und Drohungen erleben und erleiden musste, geht weit über das Maß hinaus, das verkraftbar ist.

Ich hatte große Freude an meiner Aufgabe als CFC-Geschäftsführer und habe bis zuletzt mit großen Aufwand für den Erfolg des Vereins  gekämpft. Mein Ziel war es, trotz des laufenden Insolvenzverfahrens die in eine GmbH ausgelagerte Profi-Mannschaft sportlich nach oben zu führen und auch finanziell zu sanieren. Der Aufstieg in diesem Sommer in die 3. Liga, der Gewinn des sächsischen Landespokals und damit die Qualifikation für den DFB-Pokal sowie auch die bereits erheblich vorangekommene finanzielle Konsolidierung waren beachtliche Erfolge in jüngster Vergangenheit.

Umso unverständlicher ist es, dass mir aus der aktiven Fan-Szene immer öfter blanker Hass entgegen geschlagen ist und ganz gezielt hier Leute aus dem rechten politischen Lager mit ihren rassistischen und antisemitischen Parolen den Verein und seine handelnden Personen in ein schlechtes Licht gerückt haben und mit ihren Aktivitäten die Basis für eine verantwortungsvolle und erfolgreiche Arbeit akut gefährden.

Ich habe mich seit langem mit dieser unheilvollen Situation beschäftigt und immer wieder aufs Neue klar Position bezogen, wäre auch jederzeit zu einer sachlichen Auseinandersetzung mit dem radikalen Teil unserer Fans bereit gewesen, aber dieses Anliegen hatte keine Chance auf eine Realisierung. Bereits vor den Vorfällen bei unserem Spiel bei der zweiten Mannschaft von Bayern München am 23. August war meine Entscheidung gefallen, dass ich aufhören möchte.

Der nächste Eklat. Beim Spiel gegen die zweite Mannschaft des FC Bayern München kam es zu rassistischen und antisemitischen Äußerungen der Chemnitzer Fans. Foto: foto2press/imago Vergrößern
Der nächste Eklat. Beim Spiel gegen die zweite Mannschaft des FC Bayern München kam es zu rassistischen und antisemitischen Äußerungen der Chemnitzer Fans. © foto2press/imago

Im Blick auf die noch ausstehenden Transfer-Aktivitäten bis zum Ende der Wechselfrist am 2. September habe ich aber zunächst weitergemacht und nehme nur noch bis maximal 15. September die organschaftliche Funktion als Geschäftsführer wahr. Die Schmierereien am Stadioneingang vor dem Spiel gegen 1860 München hatten folglich auch keinen Einfluss mehr auf meine Entscheidung, sondern habe mich darin eher bestärkt. Ich wollte mich den zunehmenden Bedrohungen nicht mehr aussetzen.

…über die Gespräche mit CFC-Insolvenzwalter Klaus Siemon:

Ich habe schon vor einigen Wochen mit Klaus Siemon darüber gesprochen, ob es nicht sinnvoll ist, wenn ich vorzeitig aufhöre. Von Anfang hat er Verständnis für diesen Gedanken aufgebracht und jetzt in der entscheidenden Phase war er durch die Vorfälle in München so betroffen, dass ihn meine Bitte um Freistellung eigentlich gar nicht mehr überrascht hat. Im Interesse meiner Familie hat er sofort zugestimmt.

Klaus Siemon gilt mein Dank für die vertrauensvolle Zusammenarbeit in einem schwierigen Umfeld von der ersten Sekunde an. Gemeinsam haben wir bis zum heutigen Tage unsere finanziellen und sportlichen Ziele erreicht. Denn das gab es noch nie im deutschen Fußball, dass ein Verein in der Insolvenz aufsteigt und dabei seine Struktur noch komplett ändert und professionalisiert. Nicht nur deshalb ist für mich bis zur Stunde das Engagement von Klaus Siemon vorbildlich.

Beim Stadion an der Gellertstrasse wurden Schmierereien angebracht. Foto: HärtelPRESS/imago Vergrößern
Beim Stadion an der Gellertstrasse wurden Schmierereien angebracht. © HärtelPRESS/imago

Schon lange frage ich mich, wie er und seine Frau Christina diesem Druck aus Chemnitz und den ständigen Anfeindungen standhalten. Ich kann ihnen nur ein Kompliment für ihre Gradlinigkeit und Standhaftigkeit aussprechen. Es imponiert mir, wie Klaus Siemon bis zur Stunde trotz vieler schlimmer Ereignisse unbeirrt daran festhält, dass für politische Chaoten im CFC kein Platz sein darf. Ich wünsche ihm viel Erfolg mit diesem Kurs, den er aus Überzeugung und gegen viele Widerstände eingeschlagen hat.

…über die negativen Erlebnisse mit Teilen der aktiven CFC-Fanszene:

Ein einschneidendes Erlebnis war für mich im Mai 2019 das Spiel, in dem wir faktisch in die 3. Liga aufgestiegen sind. Noch während des Heimspiels gegen Meuselwitz, als ich kurz vor Abpfiff in die Fankurve gegangen bin, um alle zu beruhigen, weil ein Platzsturm drohte, wurde ich von einigen sogenannten Fans verbal beleidigt und bedroht sowie mit vollen Bierbechern beworfen und auch getroffen. Schon da fielen Worte wie „Verpiss Dich, du Hurensohn“ und „Verschwinde aus Chemnitz“.

Ein weiterer Tiefpunkt waren dann in dieser Saison die Vorkommnisse nach dem DFB-Pokalspiel gegen den HSV, als ich am Ausgang des VIP-Ausgangs von einem Mitglied der aktiven Fan-Szene aufgelauert wurde, das mich mit den Worten empfing: „Auf Dich habe ich die ganze Zeit gewartet.“ Dann bedrängte er mich und sagte „Verpiss Dich, Du scheiss Drecks-Jugo.“ Dieser Vorfall ist polizeilich genau so registriert.

Beim nächsten Heimspiel gegen Magdeburg gab es dann Schmierereien im Stadion mit Morddrohungen gegen Klaus Siemon und mich. Ein letztes Beispiel: Vor seiner Entlassung wurde Daniel Frahn am späten Vormittag telefonisch darüber informiert, dass er um 14 Uhr zu einem Gespräch mit unserem Pressesprecher, Fan-Beauftragten und mir um 14 Uhr auf der CFC-Geschäftsstelle erscheinen sollte. Eine Viertelstunde nach dieser Info an Frahn und damit lange vor der öffentlichen Bekanntgabe erhielt ich per WhatsApp wüste Beschimpfungen und Bedrohungen. Jeder kann sich vorstellen, wie so etwas einzuordnen ist.

…zu der Bedeutung der Kündigung von Daniel Frahn:

Es ist interessant, dass er sich erst drei Wochen nach seiner Entlassung am 5. August von der rechtsradikalen Fan-Szene distanziert und offiziell erstmals angekündigt hat, sich „strafrechtliche Schritte vorzubehalten, sollte sein Name weiterhin in Zusammenhang mit rechtsradikalen Beleidigungen verwendet werden“. Zu weiteren Details der Trennung von unserem ehemaligen Kapitän möchte ich mich derzeit nicht äußern, da der Fall inzwischen ein schwebendes Verfahren ist und die gerichtlichen Ermittlungen laufen.

Viele Fans halten zu Frahn. Beim Spiel von Chemnitzer gegen den Hamburger SV solidarisieren sich die Fans mit dem ehemaligen Stürmer. Foto: Hannibal Hanschke/REUTERS Vergrößern
Viele Fans halten zu Frahn. Beim Spiel von Chemnitzer gegen den Hamburger SV solidarisieren sich die Fans mit dem ehemaligen Stürmer. © Hannibal Hanschke/REUTERS

…zu den Gründen für den Einstieg in Chemnitz und seine Ziele:

Der CFC ist für mich ein traditionsreicher Klub in einer wirtschaftlich starken Region und mit einem tollen modernen Stadion. Trotz der im April 2018 angemeldeten Insolvenz habe ich hervorragende Perspektiven für den Verein gesehen und damit auch für mich die Chance, auch meine Qualitäten als Manager im Profifußball unter Beweis stellen zu können.

Mein Ziel war ein sportlicher und wirtschaftlicher Aufschwung. Den sofortigen sportlichen Wiederaufstieg hatte ich von Anfang an im Kopf, habe das aber zunächst nur intern geäußert, damit nicht der Eindruck entsteht, ich sei ein größenwahnsinniger Träumer.

…aktuellen Situation des CFC:

Nach all den Wirren in den vergangenen 16 Monaten und besonders den unwürdigen Konflikten von Teilen der aktiven Fan-Szene mit mir, bin ich der Überzeugung, dass ein personeller Neuanfang auf meiner Position die einzig richtige Alternative und Lösung ist. Die Mannschaft braucht und verdient Ruhe, damit sie sich ausschließlich auf die sportliche Situation konzentrieren und ihre Leistungsfähigkeit zeigen kann.

Ich wünsche ihr, allen Verantwortlichen des Vereins und Unterstützern sowie dem friedlichen Teil der Fans, die die absolute Mehrheit unter unseren Anhängen darstellen, aus ganzem Herzen viel Erfolg in den kommenden Monaten und drücke ganz fest die Daumen.

…zu den Lehren der Zeit in Chemnitz:

Es war für mich trotz all der negativen Erlebnisse insgesamt eine erfolgreiche und positive Zeit. Ich konnte viel bewegen und der sportliche Erfolg spricht für sich. Ich bedaure nicht, dass ich mich in Chemnitz engagiert habe. Ich würde es immer wieder so machen und auch den Kampf gegen rechtsradikale Anhänger im Interesse des Vereins und auch des Images der Stadt aufnehmen und mich somit klar positionieren im Sinne des gesellschaftlichen Auftrags des Fußballs.

Generell ist Zivilcourage und damit das klare Eintreten für demokratische Werte in unserer Gesellschaft heute wichtiger denn je. Die 16 Monate in Chemnitz werde ich auf jeden Fall nicht vergessen und sie werden mich über das Sportliche hinaus sicher ein Stück prägen bei künftigen Tätigkeiten.“ (Tsp)

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