Zu früh gefreut? Die Fans von Tennis Borussia feierten beim Spiel gegen Tasmania auch ihren Sieg gegen Jens Redlich. Foto: Imago/Matthias Koch
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Machtkampf bei Tennis Borussia Ein Fall für die Gerichte

Im Machtkampf bei Tennis Borussia fühlen sich beide Seiten im Recht – was genau passiert ist, lässt sich nun einigermaßen lückenlos rekonstruieren.

Es war eine skurrile Situation am Sonntag im Werner-Seelenbinder-Sportpark. Jens Redlich, der entmachtete Vorstandsvorsitzende des Fußball-Oberligisten Tennis Borussia, verfolgte das Spiel der Mannschaft bei Tasmania von einem Stehplatz direkt neben der Trainerbank. Sein Nachfolger Günter Brombosch saß auf der anderen Seite des Stadions, mitten unter den TeBe-Fans. Zur selben Zeit am selben Ort – und doch in zwei verschiedenen Welten unterwegs. Derzeit sieht wenig danach aus, als könnten sich beide Seiten noch einmal annähern, obwohl Redlich weiterhin Chef von TeBes Hauptsponsor Chrunch Fit ist. Der Machtkampf zwischen alter und neuer Führung wird wohl juristisch entschieden werden.

„Ich habe gelesen, dass die Uhren in zwei Wochen schon wieder zurückgedreht sein können“, sagte Trainer Dennis Kutrieb nach dem 4:2-Sieg seiner Mannschaft gegen Tasmania. „Vielleicht sind sie das auch nicht. Das werden wir jetzt einfach abwarten.“ Jens Redlich hatte am Tag vor dem Saisonauftakt im Gespräch mit dem Tagesspiegel seine Zuversicht geäußert, dass der alte Zustand schon nächste Woche wiederhergestellt sein könnte. Aber auch die Gegenseite blickt einer juristischen Prüfung gelassen entgegen. Sie sieht sich mit ihrem Coup rechtlich auf der sicheren Seite. An diesem Mittwoch will sie den TeBe-Mitgliedern erklären, was sich in der vergangenen Woche abgespielt hat. Inzwischen lassen sich die Abläufe des Machtwechsel weitgehend lückenlos rekonstruieren.

Der Machtkampf zwischen Redlich und der aktiven Fanszene ist Ende Januar eskaliert, als der Vorstandsvorsitzende bei einer außerordentlichen Mitgliederversammlung all seine Kandidaten für den Aufsichtsrat durchbringen konnte – offenbar mit Hilfe bestellter Vereinsmitglieder, die zwar kein Deutsch sprachen, aber immer im richtigen Moment ihre Stimmkarten hoben.

Die neue Vereinsführung bezweifelt die Rechtmäßigkeit der Versammlung. „Wir haben Erklärungen von Mitgliedern, die nicht ordentlich eingeladen wurden, und beglaubigte Erklärungen von Nicht-Mitgliedern, die auf der Versammlung waren und trotzdem abgestimmt haben“, sagt Franziska Hoffmann, die Aufsichtsratsvorsitzende des Vereins. Die Frage, ob die Mitgliederversammlung als ungültig anzusehen ist oder nicht, entscheidet womöglich den Machtkampf – weil davon abhängt, ob Hoffmann und ihr Mitstreiter Christian Gaebler die alleinigen Aufsichtsräte waren, die über die Bestellung des neuen Vorstands bestimmen konnten.

Der neue Vorstand beruft sich auf die Satzung

Zum Verhängnis wurde Redlich letztlich seine impulsive Art und eine Mail, die er am 19. November 2018 nach einem Streit mit Hoffmann an die Mitglieder der Vereinsgremien verschickte. In knappen Worten erklärte er darin seinen Rücktritt als Vorstandsvorsitzender. Mit dieser Mail erwirkten Hoffmann und Gaebler, der Chef der Berliner Senatskanzlei, schließlich die Änderung im Vereinsregister. Als Aufsichtsrat bestellten sie Günter Brombosch und Steffen Friede zu neuen Vorständen. Dass sie nach Redlichs Rücktritt mehr als acht Monate verstreichen ließen, erklären sie mit Verweis auf die Vereinssatzung. Darin heißt es in Paragraf 10: Der Vorstandsvorsitzende „bleibt bis zur Bestellung einer Nachfolgerin/eines Nachfolgers im Amt“. Diesen Nachfolger habe man eben erst jetzt gefunden.

Redlich hingegen argumentiert mit der normativen Kraft des Faktischen: „Wäre ich nicht im Amt gewesen, dann wäre es mir ja nicht möglich gewesen, den Verein bis zum jetzigen Zeitpunkt und auch die Mitgliederversammlung als Vorstandsvorsitzender zu leiten.“ Zudem erklärte er nur zwei Tage nach seinem Rücktritt den Rücktritt vom Rücktritt. Aber das halten seine Gegner für unwirksam, weil Redlich sich nicht selbst wieder als Vorsitzenden habe einsetzen können. Laut Satzung ist dies Aufgabe des Aufsichtsrats.

Immerhin folgte das Amtsgericht Charlottenburg der Argumentation der bisherigen Opposition. Am 24. Juli wurde dort die Änderung des Vereinsregisters vorgenommen. Am 29. Juli bekam der neue Vorstand die notarielle Bestätigung, am selben Tag wurden Jens Redlich und das zweite Vorstandsmitglied Jörg Zimmermann schriftlich von Hoffmann und Gaebler über die veränderte Situation in Kenntnis gesetzt – verbunden mit der Bitte, bis 16 Uhr des folgenden Tages dem neuen Vorstand alle Unterlagen, Daten, Schlüssel und Passwörter zu übergeben.

Dass sich Redlich in den USA im Urlaub befand, habe man nicht gewusst, erklärt der neue Vorstand. Alle Versuche, ihn telefonisch zu erreichen, scheiterten. Als Brombosch und Friede am nächsten Tag um zehn Uhr zur Geschäftsstelle kamen, war dort niemand anzutreffen. Von einem Mitarbeiter des Sportamts ließen sie die Tür öffnen, um nachzusehen, ob sich jemand in einem der hinteren Räume befand. Anschließend warteten sie vor der Tür.

"Im supersportlichen Bereich unterwegs"

Zwei Stunden später sei Geschäftsführer Andreas Voigt, ein Vertrauter Redlichs, erschienen. Er kam in Begleitung mehrerer Männer, die, so ein Augenzeuge, „eher im supersportlichen Bereich unterwegs sind“. Mit anderen Worten: Es handelte sich um ordentliche Kanten, denen man sich lieber nicht in den Weg stellt. Die Besucher sollen Unterlagen zusammengerafft haben und sie aus den Fenstern der Geschäftsstelle zur Waldschulallee heruntergereicht haben.

Jens Redlich behauptete im Gespräch mit dem Tagesspiegel, Voigt habe lediglich seinen Laptop mitgenommen und einige Zahlungsbelege, um noch drei oder vier Spieler bezahlen zu können. Für den neuen Vorstand ist das eine Schutzbehauptung, da Voigt zu diesem Zeitpunkt noch im Amt gewesen sei und Zugriff auf die Konten gehabt hätte. Erst nach seinem Erscheinen auf der Geschäftstelle wurde ihm die fristlose Kündigung ausgesprochen. Zudem wurde die Polizei informiert und ein Schlüsseldienst gerufen, der die Schlösser austauschte. Gegen Voigt läuft nun ein Ermittlungsverfahren wegen Unterschlagung. Die Berliner Polizei bestätigt, dass es eine Anzeige gibt, wollte sich wegen der laufenden Ermittlungen aber nicht zum Inhalt äußern.

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